Ossis

Berliner U-Bahn. Ein Mann um die Vierzig, Zottelhaare, Dreitagebart, ist in ein Gespräch mit einer korrekt gekleideten Seniorin vertieft.
„Hörn Se uff mit dem Liefers!“, sagt er, „Den kann ick nich leiden.“
„Wieso denn nicht?“, fragt sie höflich.
„Na weil der ausm Osten is.“
„Na und?“
„Die sind doch alle blöd.“
Sie zuckt zusammen und rückt ein Stückchen von ihm weg.
„Oder kenn Se vielleicht einen einzigen Ossi, der nich blöd ist?“, herrscht er sie an.
„Na ja.“ Die Senioren schiebt ihre Brille zurecht und schaut sich irritiert in der U-Bahn um, wohl in Sorge, dass der Feind mithören könnte. Eine korrekte Annahme!
„Und?“, fragt der Zottelige laut. „Kenn Se vielleicht einen einzigen, nicht blöden Ossi?“
Sie räuspert sich. „Ja. Schon.“
„Und wen?!“
„Na ja“, sagt sie leise. „Kai Pflaume, den finde ich ganz nett.“
Von allen Möglichkeiten ausgerechnet diese. Nicht, dass ich etwas gegen Kai Pflaume hätte, anscheinend hat der locker Angela Merkel, Henry Maske, Maybrit Illner, Sido, Joachim Gauck, Katharina Witt und Michael Ballack ins Abseits gespielt – um nur mal einige zu nennen.
Immerhin, der Zottelige nickt bedächtig und sagt: „Stimmt, der Pflaume ist ok.“
Ich denke über die lustige Grammatik dieses Satzes nach, als eine Frau quer durch den Waggon ruft, sie hat ein ganz rotes Gesicht vor Wut: „Sehn Se! Einen netten Ossi gibt es also doch!“
Die U-Bahn hält am Kotti, und ich muss aussteigen.