Projekt „Nachwende“

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Vorstellungsgespräch 1990, Arktis-Eis-Bar in Rostock, Dorit Linke

Eine Anzeige im Rostocker Blitz. „Wir suchen junge Leute mit Interesse an einer spannenden und gut bezahlten Nebentätigkeit.“

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Herbst 1990. Die Universität Rostock hatte meinen Praktikumsplatz gekündigt, da sie kein Geld und keine Kapazitäten mehr hatte. Ich brauchte dringend einen Job, also rief ich von der Telefonzelle am Rostocker Hauptbahnhof die Hamburger Telefonnummer an. Ein Mann meldete sich und verabredete mit mir einen Termin in der Arktis-Eis-Bar am (damals noch) Ernst-Thälmann-Platz.

Es saß noch eine junge Frau am Tisch. Ich kannte sie aus dem Kinderferienlager. Sie hatte dort schon mit zwölf einen Freund, während ich noch Bogenschießen à la Gojko Mitic übte. Der Typ, der den Job anbot: Ungefähr vierzig Jahre alt, braungebrannt, blonde Strähnchen im Haar, Goldkette, wohlgenährt, geschwätzig und von oben herab – zu einhundert Prozent das damalige Klischee eines Wessis. Er redete uns mit „Mädels“ an und begann, von der zu besetzenden Stelle zu erzählen.

Wir würden viel im Land herumkommen, in exklusiven Hotels wohnen, nette Männer zu Tagungen und Kongressen begleiten. Ich wartete brav auf die Stellenbeschreibung.

„Es ist alles ganz toll und aufregend“, sagte er. „So etwas habt ihr garantiert noch nie erlebt. Ihr wolltet doch bestimmt schon immer mal nach Paris und auf der Champs-Élysées Champagner trinken, oder?“
„Ja, schon“, meinte ich, „aber was genau sollen wir denn nun arbeiten?“
„Das kann man nicht sagen“, entgegnete er, „das Thema ist komplex.“

Ich hatte mich an den Worten „Tagung“ und „Kongress“ festgebissen, vermutlich weil es keine anderen Anhaltspunkte ab, und fragte ihn tatsächlich, ob wir eventuell Vorträge oder so halten sollten.
Er schüttelte irritiert den Kopf. „Nein, ihr müsst euch lediglich mit vortraghaltenden Männern nett unterhalten und diese zum Essen begleiten.“

Hilfesuchend schaute ich die junge Frau an, die bis zu diesem Moment nichts gesagt hatte.
Unvermittelt warf sie den Kopf zurück, legte ihren Arm auf die Lehne der Eckbank, berührte die Schulter des Mannes. „Das klingt ja alles sehr aufregend“, hauchte sie.
„Was?“, rief ich fassungslos. „Wir wissen doch überhaupt noch nicht, worum es eigentlich geht!“

Der Blonde drehte mir den Rücken zu und schnitt mich körperlich von seiner weiteren Konversation mit der jungen Frau ab. Etwas konfus stand ich auf, bezahlte meinen Cappuccino und ging.

Das war das erste Vorstellungsgespräch meines Lebens. 

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Ich möchte meine und eure Erinnerungen an die Zeit nach der Wiedervereinigung sammeln, denn so bewegend die Zeit des Mauerfalls gewesen ist, so prägend waren für uns Ostdeutsche die Monate und Jahre danach.

Wie ging unser jugendliches Leben nach 1989 weiter, was hat uns geprägt, gebremst, vorangebracht? Schaut ihr manchmal auf eine Episode zurück und denkt: Ein Glück, dass ich aus dieser Sache heil herausgekommen bin, so wie ich in meinem Text?

Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr ein besonderes Erlebnis, das euch im Kopf geblieben ist, aufschreiben und mir zusenden würdet. Wer seine Geschichte auf dieser Homepage veröffentlicht haben möchte, kann mir dies gern einfach mitteilen, dann geht diese online. Oder ihr postet sie mir einfach in meine Facebook-Chronik.

Ich arbeite derzeit an einem Buch über die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung und freue mich auf eure außergewöhnlichen, komischen, traurigen und inspirierenden Geschichten. Diese brauchen auch nicht unbedingt lang zu sein, das sind Erinnerungsschnipsel oft ja auch nicht.