{"id":1539,"date":"2018-07-23T19:01:40","date_gmt":"2018-07-23T18:01:40","guid":{"rendered":"https:\/\/dorit-linke.de\/?p=1539"},"modified":"2022-05-29T20:50:05","modified_gmt":"2022-05-29T19:50:05","slug":"wessis-wuerden-niemals-nackig-baden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/blog\/2018\/07\/23\/wessis-wuerden-niemals-nackig-baden\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Wessis w\u00fcrden niemals nackig baden"},"content":{"rendered":"<p>Das Studierendenmagazins &#8220;Moritz&#8221; der Universit\u00e4t Greifswald hat Grit Poppe und mich zum Thema Ost und West interviewt.<\/p>\n<p>Constanze Budde hat Fragen gestellt zu Vorurteilen in der Nachwendezeit und ob die Kategorien Ost und West f\u00fcr die heutige j\u00fcngere Generation noch eine Rolle spielen sollten.<\/p>\n<p>Der Artikel tr\u00e4gt den provokanten Titel &#8220;Wessis w\u00fcrden niemals nackig baden&#8221; &#8211; ein mittlerweile widerlegtes Vorurteil meiner Oma nach dem Mauerfall und der Invasion westdeutscher Badeg\u00e4ste in das Warnem\u00fcnde der fr\u00fchen 90er Jahre.<\/p>\n<p>Hier ein Auszug:<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"475\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Titel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2127\" srcset=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Titel.jpg 900w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Titel-300x158.jpg 300w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Titel-768x405.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Bald\n30 Jahre liegt der Fall der Mauer zur\u00fcck, doch die Diskussionen \u00fcber\nUnterschiede in Ost- und Westdeutschland nehmen kein Ende. Wie\nwichtig ist es, die Vergangenheit aufzubereiten und wie zielf\u00fchrend\ndie Verdeutlichung der Unterschiede f\u00fcr eine Generation, die nur ein\nDeutschland kennt? Das haben wir zwei (ost-)deutsche Autorinnen\ngefragt, Grit Poppe und Dorit Linke, die in ihren Jugendb\u00fcchern ein\nSt\u00fcck DDR-Geschichte aufnehmen. <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Denken\nSie noch in Ost-\/Westkategorien?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grit:<\/strong> Nein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dorit: <\/strong>Erstaunlicherweise habe ich das nie, bzw. nicht lange. Seit den fr\u00fchen 90er Jahren wohne ich in Berlin und habe so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands und der Welt kennengelernt, dass die Ost-West-Dimension f\u00fcr mich keine tragende Rolle mehr spielt. F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der heutigen Lage ist es jedoch wichtig, sich ernsthaft und intensiv mit den unterschiedlichen positiven als auch negativen Einfl\u00fcssen zu befassen, denen die Menschen in den beiden deutschen Staaten nach 1945 ausgesetzt waren.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sofern\nSie jemals Vorurteile gegen\u00fcber &#8220;Wessis&#8221; hatten, welche\nwaren dies? Welche haben Sie in ihrer Jugend gelernt, welche davon\nhaben sich best\u00e4tigt bzw. widerlegt?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grit<\/strong>: Ich hatte keine Vorurteile. In der Schule wurde der Westen als Klassenfeind dargestellt. In der Klasse eins bis drei haben Lehrer auch \u00c4ngste gesch\u00fcrt. Der Westen war \u00bbb\u00f6se\u00ab, da gab es Mord und Totschlag, Obdachlose und Drogens\u00fcchtige wurde uns vermittelt. Als ich dann h\u00f6rte, dass meine Gro\u00dfmutter in den Westen reist \u2013 als Rentnerin durfte sie das ja \u2013 habe ich mir Sorgen um sie gemacht, dass ihr dort etwas Schlimmes passieren k\u00f6nnte. Das war aber nur in der Zeit der Unterstufe so, sp\u00e4ter habe ich diese Greuelm\u00e4rchen nicht mehr geglaubt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dorit: <\/strong>In der Zeit nach der Wende hat meine Oma immer gesagt: \u00bbDie Westdeutschen wissen alles und k\u00f6nnen alles, vor allem k\u00f6nnen sie viel quatschen. Au\u00dferdem sind sie verklemmt und w\u00fcrden niemals in Warnem\u00fcnde nackig baden\u00ab Das Bild vom westdeutschen Allesk\u00f6nner hat sich schnell korrigiert, als ich 1992 an der TU in West-Berlin mein Studium begonnen hatte. Best\u00e4tigt hat sich die Wortgewandtheit der Westdeutschen; ich sa\u00df in den Seminaren und staunte \u00fcber die Selbstsicherheit der meisten meiner westdeutschen Kommilitonen. Ich selbst bekam den Mund nicht auf, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>K\u00f6nnen\nwir in der <\/strong><\/em>\u00bb<em><strong>j\u00fcngeren<\/strong><\/em>\u00ab <em><strong>Generation\neinfach <\/strong><\/em>\u00bb<em><strong>gesamtdeutsch<\/strong><\/em>\u00ab <em><strong>sein? Wie soll\n<\/strong><\/em>\u00bb<em><strong>zusammenwachsen, was zusammengeh\u00f6rt<\/strong><\/em>\u00ab<em><strong>,\nwenn uns durch Medien vom<\/strong><\/em>\u00bb<em><strong>unterentwickelten<\/strong><\/em>\u00ab\n<em><strong>Osten oder dem <\/strong><\/em>\u00bb<em><strong>\u00fcberheblichen<\/strong><\/em>\u00ab <em><strong>Westen\nerz\u00e4hlt wird oder Statistiken \u00fcber die prozentuale Verteilung des\nNamens <\/strong><\/em>\u00bb<em><strong>Ronny<\/strong><\/em>\u00ab <em><strong>erstellt werden?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grit:<\/strong> Fragen darf man alles und sich selbst eine Meinung bilden. Am besten ist meines Erachtens der direkte Kontakt, das Gespr\u00e4ch und das Nachfragen, und falls man Geschichtliches erfahren m\u00f6chte, empfehle ich die richtigen B\u00fccher zu lesen und mit Zeitzeugen zu sprechen beziehungsweise ihnen zuzuh\u00f6ren \u2013 zum Beispiel bieten Gedenkst\u00e4tten solche Gespr\u00e4che an. Nat\u00fcrlich kann die j\u00fcngere Generation gesamtdeutsch sein, sollte sie sogar, die Einteilung in Ossis und Wessis hat sich f\u00fcr die nach \u201989 Geborenen zum Gl\u00fcck er\u00fcbrigt. Das bedeutet nicht, dass sie sich nicht mit der Geschichte besch\u00e4ftigen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dorit: <\/strong>Bei all den Diskussionen um Ost und West sollte man sich als junger Mensch vor Augen halten: Vorurteile sind dumm, doch elementare Unterschiede des Aufwachsens der Menschen gab es. Sie sind bis heute pr\u00e4gend. F\u00fcr den Westteil Deutschlands endete die Diktatur 1945, im Ostteil dauerte sie in anderer Auspr\u00e4gung bis 1989 an. Die Menschen im Osten waren 44 Jahre l\u00e4nger Angst, Einschr\u00e4nkung, systematischer Unterdr\u00fcckung, Zensur und willk\u00fcrlichen Autorit\u00e4ten ausgesetzt, mit allen bekannten und wissenschaftlich belegten Folgen, auch f\u00fcr die heutigen Generationen im Osten und die, die nun im Westen leben. Die konservative Haltung \u00bbNun muss es aber auch mal gut sein mit dem Thema Ost und West\u00ab ist unpassend und ignorant.  <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"284\" height=\"127\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Gut-sein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2129\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Mauerfall und Wende, in der gesamtdeutschen Erinnerung positiv besetzt, waren f\u00fcr viele Ostdeutsche in den mittleren Jahren eine traumatische Erfahrung, verbunden mit Entwertung ihrer Identit\u00e4t und Kultur, ihres Alltags und des Wissens. Ausbildungen und Berufe waren schlagartig nichts mehr wert, wurden nicht mehr gebraucht. Daneben fand eine Entwertung des Kapitals statt. Die meisten Menschen begannen 1990 bei Null, selbst wenn sie bereits 40 Jahre lang gearbeitet hatten. Der Anteil an Eigentum im Vergleich zum Westen war gering. Sie erlebten mit der Vereinnahmung durch westdeutsche Strukturen Machtlosigkeit, Kontrollverlust und Diskriminierung, was zu Sprachlosigkeit eines gro\u00dfen Anteils dieser Generation f\u00fchrte. Es blieb \u00fcber Jahre das Gef\u00fchl der Stigmatisierung, was sich auf die nachfolgende Generation \u00fcbertrug, die ebenso orientierungslos war, lediglich j\u00fcnger, optimistischer und formbarer.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"252\" height=\"169\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Sprache.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2128\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Diese (meine) Generation musste die Sprache wiederfinden, oft auch stellvertretend f\u00fcr ihre Eltern, die im neuen System nicht alle Fu\u00df fassen konnten. Das war nun eine lange Liste negativer Br\u00fcche, es gab daneben unendlich viele positive Dinge, die aber in der generellen \u00dcberforderung nicht sofort positiv erfahrbar waren. Um nur einige zu nennen: Demokratie, Meinungsfreiheit, Mobilit\u00e4t, Toleranz, Vielfalt, Freiheit. Man muss f\u00fcr das Inanspruchnehmen dieser Werte St\u00e4rke haben, und die hatten viele Menschen nicht sofort, sondern mussten sie mit der Zeit entwickeln.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nMenschen Ihrer jungen Generation k\u00f6nnen sich alle zusammen an einen\nTisch setzen und \u00fcber ihre jeweiligen subjektiven Eindr\u00fccke reden,\nganz egal, ob sie aus Gelsenkirchen oder Pasewalk kommen. Und wenn\nSie nun alle an diesem Tisch sitzen und \u00fcber Ihren Wunsch nach einer\n\u201egesamtdeutschen\u201c Generation sprechen, w\u00e4re es fatal, in diese\n\u00dcberlegungen mit der Intention zu starten, dass es keine Ursachen\nf\u00fcr alle sichtbaren und gef\u00fchlten Unterschiede mehr g\u00e4be.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wenn\ndar\u00fcber diskutiert wird, dass in der neuen Regierung beinahe\nausschlie\u00dflich Minister aus dem Westen vertreten sind, f\u00fchlen Sie\nsich als Ostdeutsche weniger vertreten\/ \u00fcbergangen, oder ist das f\u00fcr\ndie tats\u00e4chliche \u00bbOst-Politik\u00ab nicht wirklich relevant?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grit: <\/strong>Na ja, mit Angela Merkel ist ja auch eine Ostfrau vertreten. Ich f\u00fchle mich eigentlich von keiner Partei vertreten im Moment. Ich vermisse die Inhalte der B\u00fcrgerbewegung \u201989 \u2013 also eine Politik, in der Menschenrechte, Freiheit und Demokratie im Mittelpunkt stehen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dorit:<\/strong> Die ungleiche Verteilung der wichtigen, unsere Demokratie gestaltenden Stellen ist Ausdruck der eben ausgef\u00fchrten Punkte. Mir pers\u00f6nlich ist es egal, wer das Richtige tut. Empfehlung an die Politik: Bringt Chancengleichheit und Perspektive zu den jungen Menschen im Osten, dann klappt es auch mit den Eltern wieder besser.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Braucht\nes (noch) eine Ost-Politik? Wie sollte sie idealerweise aussehen?\nOder vertieft es eher die Gr\u00e4ben?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dorit: <\/strong>Man sollte das Ansinnen nicht Ost-Politik nennen, sondern klarstellen, dass die Leistung gesamtdeutsch erbracht werden muss. Die vergangenen Wahlen zeigen, dass es bitter n\u00f6tig ist, sich unter anderem auch mit den Fehlentwicklungen nach der Wiedervereinigung zu befassen. Es tut keiner Demokratie gut, wenn sich Menschen in ganzen Regionen von ihr verabschieden. Man sollte stattdessen \u00fcber gemeinsame Werte und Ziele sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Studierendenmagazins &#8220;Moritz&#8221; der Universit\u00e4t Greifswald hat Grit Poppe und mich zum Thema Ost und West interviewt. Constanze Budde hat&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3803,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[85,86],"tags":[79,15,14,41,40,76,17,16,77,78,38],"class_list":["post-1539","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politische-bildung","category-jenseits-der-blauen-grenze","tag-constanze-budde","tag-ddr","tag-doppeldiktatur","tag-dorit-linke","tag-jenseits-der-blauen-grenze","tag-ost-und-west","tag-ostdeutschland","tag-rechtsradikalismus","tag-studierendenmagazin-moritz","tag-universitaet-greifswald","tag-wiedervereinigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1539","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1539"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1539\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5909,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1539\/revisions\/5909"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3803"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}