{"id":2092,"date":"2019-03-18T22:59:06","date_gmt":"2019-03-18T21:59:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dorit-linke.de\/?p=2092"},"modified":"2022-05-27T16:55:48","modified_gmt":"2022-05-27T15:55:48","slug":"herausragend-umkaempfte-zone-von-ines-geipel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/blog\/2019\/03\/18\/herausragend-umkaempfte-zone-von-ines-geipel\/","title":{"rendered":"Herausragend: &#8220;Umk\u00e4mpfte Zone&#8221; von Ines Geipel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:35% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"624\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Umk\u00e4mpfte-Zone-624x1024.jpg\" alt=\"Ines Geipel Umk\u00e4mpfte Zone\" class=\"wp-image-2094 size-full\" srcset=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Umk\u00e4mpfte-Zone-624x1024.jpg 624w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Umk\u00e4mpfte-Zone-183x300.jpg 183w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Umk\u00e4mpfte-Zone-768x1260.jpg 768w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Umk\u00e4mpfte-Zone.jpg 1800w\" sizes=\"auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:14px\"><br><\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund der eigenen famili\u00e4ren und systembedingten Gewalterfahrung und angesichts des Verlustes ihres Bruders gelingt es Ines Geipel, ihre sehr pers\u00f6nliche Familiengeschichte so zu erz\u00e4hlen, dass diese R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Identit\u00e4t der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Generationen zul\u00e4sst. Eine unglaubliche Leistung.<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch &#8220;Umk\u00e4mpfte Zone&#8221; erinnert daran, die dr\u00e4ngende Diskussion \u00fcber die ostdeutsche Vergangenheit nicht erst ab 1989 zu f\u00fchren, sondern viel fr\u00fcher damit zu beginnen, um die starken rechten Tendenzen und die Gewalt, die sich in Ostdeutschland un\u00fcberh\u00f6rbar Bahn brechen, zu verstehen und ihnen begegnen zu k\u00f6nnen. Der rechte Hass, das Bekenntnis vieler Menschen zu AFD und Pegida teilen die &#8220;Generation Mauer&#8221; erneut, trotz des gleichen Hintergrunds und \u00e4hnlicher Erfahrungen. Woher kommt diese Lust an der Gewalt, diese &#8220;kollektive Angst&#8221; des Ostens, diese &#8220;Sehnsucht nach Zerst\u00f6rung&#8221;?<\/p>\n\n\n\n<p>Ines\nGeipel beleuchtet die Auswirkungen der Doppeldiktatur auf\nOstdeutschland: Schweigen, seit 1945 und fortan \u00fcber Generationen\nhinweg. Schweigen \u00fcber Schuld, \u00fcber Verbrechen, \u00fcber L\u00e4hmung,\n\u00fcber Unrecht, \u00fcber die Abwesenheit von Mitleid, \u00fcber Angst, \u00fcber\nFremdenhass und dem Hass auf das, was anders war \u2013 Kein 1968. Und\nalles vor dem Hintergrund des verordneten, entlastend wirkenden\nAntifaschismus \u2013 man war auf der richtigen Seite. Sie zeigt auf,\ndass nicht ges\u00fchnte Schuld und das Wissen der Autorit\u00e4ten darum \u2013\nvor allem in Kombination mit Privilegien &#8211; Menschen erpressbar\nmachten, zu weiterem Unheil f\u00fchrten, zu noch mehr Verbrechen, zu\nnoch gr\u00f6\u00dferer Angst. Und Ines Geipel verdeutlicht, wie Generationen\nin die Pflicht genommen wurden, dieses Schweigen \u2013 koste es, was es\nwolle \u2013 durch die Diktaturen zu tragen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. Ich geh\u00f6re der Generation an, die mit dem Mauerfall vollj\u00e4hrig war. Damals ist mir die Tragweite der Doppeldiktatur (das Wort gab es ohnehin nicht) im Hinblick auf meine Generation nicht in den Sinn gekommen, schlie\u00dflich brachen wir auf in die neue und demokratische Welt, und alles war pl\u00f6tzlich gut, auch die R\u00fcckschau auf das &#8220;Davor&#8221;. Das war vielleicht naiv, angesichts der Brutalit\u00e4ten, die wir aufgrund unserer sp\u00e4teren Geburt zwar nur kurz, aber auch erlebt hatten, oft in Form von \u00fcbertragenen \u00c4ngsten, oft aber auch real. Auch die Kinder und Jugendlichen meiner Generation wurden den Autorit\u00e4ten zum Fra\u00df vorgeworfen, in die H\u00e4nde der &#8220;Organe&#8221; \u00fcbergeben, sobald sie rebellierten und \/oder das Vermeidungsger\u00fcst der Eltern und der Gesellschaft in Frage stellten \u2013 und damit deren Existenzberechtigung an sich. Hass war und ist die Folge. Menschen mit derartigen Erfahrungen suchen das Weite, verfallen in Schweigen oder radikalisieren sich vor Ort, alles geschehen nach 1989. Ergebnis: die Verwahrlosung ganzer Gebiete in Ostdeutschland, kulturell, politisch, humanistisch. Wenn wir Ostdeutschland erst ab 1989 erz\u00e4hlen, beginnen wir mit seinem Ende, nicht mit dem Anfang. All das verdeutlicht &#8220;Umk\u00e4mpfte Zone&#8221; mit Logik und Empathie.  <\/p>\n\n\n\n<p>In\nden Br\u00fcchen offenbaren sich die Parallelen der beiden Diktaturen.\nEin Satz im Buch, der die Nachkriegszeit 1945 beschreibt, zeigt dies\nauf einfache, frappierende Weise: &#8220;Es war eine Zeit der\nPersonalfrageb\u00f6gen, der gesch\u00f6nten Zeugnisse, der Denunziationen\nund Legendenbildungen.&#8221; Dies l\u00e4sst sich original auf die fr\u00fchen\n90er Jahre \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eingebettet in ihr Erz\u00e4hlen findet Ines Geipel immer wieder pr\u00e4gnante, glasklare S\u00e4tze. &#8220;Ich m\u00f6chte, dass die W\u00f6rter an der Stelle richtige W\u00f6rter sind. W\u00f6rter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen.&#8221; <\/p>\n\n\n\n<p>Schwer auszuhaltende S\u00e4tze, wenn es um das Beschreiben von pers\u00f6nlich erlebter Gewalt geht.  &#8220;Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und l\u00e4sst sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Es bleibt, es bleibt da, es muss da bleiben.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Da\nist die Liebe zu ihrem Bruder. Sie nennt ihn ihren &#8220;Kernmenschen&#8221;,\nund wenn man das Buch liest, versteht man, warum. Es gibt diese\nKernmenschen f\u00fcr uns, in jeder Epoche, in jeder Zeit \u2013 das\nvers\u00f6hnt vielleicht ein wenig. &#8220;Was ich von den Sternen wei\u00df,\nwei\u00df ich von ihm.&#8221; Trauriger und sch\u00f6ner kann ein Mensch nicht\nAbschied nehmen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Danke,\nInes Geipel, f\u00fcr die richtigen W\u00f6rter, danke f\u00fcr dieses\nherausragende Buch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Aus historischen Gr\u00fcnden tue ich mich schwer mit autorit\u00e4r klingenden S\u00e4tzen, doch jetzt versuche ich einen: &#8220;Umk\u00e4mpfte Zone&#8221; sollten alle Ostdeutschen lesen. Und dann dar\u00fcber sprechen, mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern, mit ihren Kindern, mit ihren Freunden und Wegbegleitern.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ines Geipel, Umk\u00e4mpfte Zone, Mein Bruder, der Osten und der Hass.<\/strong><br>Hier erh\u00e4ltlich: <a aria-label=\"Klett-Cotta-Verlag (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Gesellschaft_\/_Politik\/Umkaempfte_Zone\/101190\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Klett-Cotta-Verlag<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt. 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