{"id":2395,"date":"2019-08-04T15:25:19","date_gmt":"2019-08-04T14:25:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dorit-linke.de\/?p=2395"},"modified":"2020-12-12T14:39:01","modified_gmt":"2020-12-12T13:39:01","slug":"sprechen-wir-ueber-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/blog\/2019\/08\/04\/sprechen-wir-ueber-revolution\/","title":{"rendered":"Sprechen wir \u00fcber Revolution"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\">von Dorit Linke<\/p>\n\n\n\n<p>Laut Sonntagsumfrage liegt die AfD im Osten vorn. <br>Unfassbar? Nat\u00fcrlich. <br>Kopf in den Sand? Niemals. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein Artikel <strong>&#8220;Sprechen wir \u00fcber Revolution&#8221;<\/strong> ist im <strong>Moritz Magazin der Uni Greifswald<\/strong> im Mai 2019 erschienen<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Stralsund.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2772\" srcset=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Stralsund.jpg 640w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Stralsund-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie jeden Morgen stellte er drei Teller auf den Tisch. F\u00fcr Noah, f\u00fcr Elisa, f\u00fcr sich. Er goss Kaffee in einen Becher und griff nach dem Monatsblatt. Nr. 12 in 2035. Auf der ersten Seite der aktuelle Leitspruch: \u00bbKinderkriegen ist keine Privatsache\u00ab, darunter Ausf\u00fchrungen zu den geplanten Geburtenraten. Er lie\u00df das Blatt wieder sinken. Er konnte vieles ertragen, aber das nicht.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sehr hatte sie gelitten, unter den Gespr\u00e4chen mit dem Arzt, den penetranten Fragen. Sie hatte doch bereits ein Kind zur Welt gebracht, wieso tat sie sich mit dem zweiten so schwer? Er kippte Milch in den Kaffee, zitterte dabei, Tropfen zerplatzten auf dem Tisch. Fr\u00f6hliches Vogelgezwitscher im Innenhof, ungew\u00f6hnlich, mitten im Winter. Elisa hatte diese Gespr\u00e4che ertragen, sich mit Arbeit abgelenkt, sechzig Stunden die Woche. Weil ihnen das zugute gekommen war, hatte er sie nicht davon abgehalten. Sie brauchten das Geld, denn das Steuersystem \u00e4nderte sich jedes Jahr, war unzuverl\u00e4ssig. Sie konnten nicht planen, schufteten wie bl\u00f6d und fuhren nicht mehr in den Urlaub.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hielt das Monatsblatt dichter vor sein Gesicht. \u00bbSonnenaufgang in Heringsdorf\u00ab, stand als einziges St\u00fcck auf dem Programm des Stadttheaters. Die g\u00fcnstigste Karte kostete hundertachtzig Neue Mark. Kultur musste \u00f6konomisch sein, warum auch nicht. Shakespeare war out, was ihn nicht st\u00f6rte, schlie\u00dflich hat er mit Hamlet und Co. noch nie was anfangen k\u00f6nnen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee schmeckte etwas bitter. Werbung f\u00fcr Whisky aus der Lausitz, angeblich so gut wie schottischer Single Malt. Die hatten Humor. Es sch\u00fcttelte ihn, und erneut dachte er an Elisa. Pl\u00f6tzlich war es schnell gegangen, erst das Burnout, das neuerdings \u00bbSimu-SD\u00ab hie\u00df, die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Simulantensyndrom, dann der Alkohol, die Tabletten, die manischen Sch\u00fcbe. N\u00e4chtelanges Toben in ihrer Wohnung in der Gro\u00dfen Parower, aus der sie sp\u00e4ter raus mussten. Im Hanseklinikum kam Elisa an ein Messer und verletzte eine Krankenschwester. \u00bbGefahr f\u00fcr sich und f\u00fcr Andere\u00ab, befand der Arzt. Sicherheitsverwahrung in Prora, auf unbestimmte Zeit.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wie konnte so etwas m\u00f6glich sein? Er dachte an Binz, an 2009, an das Beachvolleyball-Turnier am Ostseestrand. Elisa war Dresdnerin und nach dem Studium in den Norden gezogen. Er hatte bereits eine Ehe hinter sich, die kinderlos geblieben war, zum Gl\u00fcck. Das war unter diesen Umst\u00e4nden ein Segen.<\/p>\n\n\n\n<p>Werbung f\u00fcr eine Schokoladenmarke, die Noah immer gern gegessen hatte.  Dumpfes Gef\u00fchl im Magen. Nicht. An. Noah. Denken.  <\/p>\n\n\n\n<p>Er atmete tief ein, stand auf und nahm eine Scheibe Brot aus dem Regal. Keine Butter im K\u00fchlschrank. Ratlos starrte er in das k\u00fchle Nichts, bevor er die T\u00fcr wieder zudr\u00fcckte. Der einzige Laden, der Produkte offline anbot, war vier Kilometer entfernt. Er hatte keine Lust, stundenlang durch eiskaltes Wasser zu waten. Seinen schwulen Nachbarn konnte er nicht um Butter bitten, der \u00f6ffnete niemandem mehr die T\u00fcr, misstraute allen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich konnte er die Butter online bestellen, doch da Elisa noch immer in Verwahrung war, geh\u00f6rte er zu den Suspekten, wurde kontrolliert. Er machte nur ungern etwas online. Ein Absolvent der Universit\u00e4t Rostock hatte ihm auf beh\u00f6rdliche Anordnung hin eine App auf seinem Touchphone installiert, die ihn und seine Umgebung filmte, sobald er das Ding anstellte. Und er war verpflichtet, das zu tun, f\u00fcr mindestens zw\u00f6lf Stunden am Tag, wobei die Zeit von Mitternacht bis morgens um sechs nicht mitz\u00e4hlte. Klebte er die Linse zu oder lie\u00df das Phone offline (hatte er schon versucht, stand auch als fettes No-Go in den FAQ), schalteten sich Strom, Wasser und Heizung in der Wohnung automatisch ab.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das Startup \u00bbKeDatSich\u00ab (\u00bbKeine Datensicherheit f\u00fcr T\u00e4ter\u00ab) hatte mit dieser Innovation 2031 den Gr\u00fcnderwettbewerb der mittlerweile verstaatlichten UP-Bank gewonnen und sich zum reichsten Unternehmen des Landes entwickelt. T\u00e4glich wurde er von sich unvermittelt \u00f6ffnenden Bubbles gezwungen, die App zu bewerten. Er vergab immer acht Sonnen, dann hatte er seine Ruhe. Waren es weniger, musste er begr\u00fcnden, warum er mit der Dienstleistung unzufrieden war.  <\/p>\n\n\n\n<p>Er brach ein St\u00fcck Brot ab, kaute darauf herum. Inzwischen war sein Becher leer, und er hatte ziemlich schlechte Laune. Im Kulturteil eine Aufforderung des Kultusministeriums an alle Privatschulen: So wie f\u00fcr die staatlichen Schulen bereits durchgesetzt, sollten im kommenden Jahr die Themen \u00bbNationalsozialismus\u00ab und \u00bbMauerfall\u00ab vom Lehrplan entfernt werden, schlie\u00dflich war dieser, Zitat: \u00bb\u2026 einer positiven Darstellung der Heimat verpflichtet\u00ab. Unwillk\u00fcrlich sch\u00fcttelte er den Kopf. Wieso denn der Mauerfall? Vielleicht sollte niemand mehr an die erfolgreiche Revolution der Ostdeutschen erinnert werden. Was einmal gelungen war, konnte schlie\u00dflich auch ein zweites Mal gelingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hatte Noah gesagt, kurz bevor er abgehauen war?  <\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhr habt es 1989 im Osten doch geschafft! Ihr habt f\u00fcr eure Freiheit gek\u00e4mpft und ein ganzes System gest\u00fcrzt. Wieso habt ihr euch wieder alles wegnehmen lassen? Wieso habt ihr euch wieder f\u00fcr eine Diktatur entschieden?\u00ab  <\/p>\n\n\n\n<p>Ihm\nkamen die Tr\u00e4nen, nun doch. Nachdem Elisa fort war, sprayte Noah\njede Nacht die H\u00e4userw\u00e4nde mit radikalen Zeichen voll, erst hier im\nv\u00f6llig verarmten Andershof und sp\u00e4ter in der noblen Altstadt, wo\ndie Leute wohnten, die ihm das alles eingebrockt hatten. 2030 kam\nNoah wegen Sachbesch\u00e4digung ins Gef\u00e4ngnis, mit gerade mal elf\nJahren. Als er wieder drau\u00dfen war, war er ihm v\u00f6llig fremd, der\neigene Sohn. Keine Worte mehr, nur noch Schweigen. Mit f\u00fcnfzehn\npackte Noah seine Sachen und haute ab. Nachdem er wochenlang\nverschwunden war, wurde er offiziell ausgeb\u00fcrgert, lebte nun als\nStaatenloser oben im Norden, irgendwo an einem Fjord, am Wasser. Ihm\nfiel wieder ein, was er vorhin auf AL2 geh\u00f6rt und noch nicht\nverinnerlicht hatte: Der Meeresspiegel war erneut gestiegen, Grund\ndaf\u00fcr war die nun st\u00e4ndige, sehr geringe Entfernung des Mondes zur\nErde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein rechtes Bein zitterte, er sp\u00fcrte, wie sein Puls schneller wurde. Hielten die ihn wirklich f\u00fcr so bescheuert? Vielleicht war er das ja. Schlie\u00dflich h\u00e4tte er all das kommen sehen k\u00f6nnen. Die Ausb\u00fcrgerung von Kriminellen war schon immer Programmpunkt gewesen, am Anfang ausschlie\u00dflich f\u00fcr Nicht-Deutsche, doch mittlerweile wurde der Passus auf alle B\u00fcrger angewendet. Und dieser Kinderwahn, der Elisa aus der Bahn geworfen hatte. Die Abschaffung der Rente! All das stand im Wahlprogramm! Kinder in den Knast, schwarz auf wei\u00df! Er h\u00e4tte es nur lesen m\u00fcssen. H\u00e4tte sie nur beim Wort nehmen m\u00fcssen! Stattdessen musste er, der ehemalige Geografielehrer, sich diesen Quatsch \u00fcber den Mond und andere abstruse Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den menschengemachten Klimawandel anh\u00f6ren, obwohl er an der Uni Greifswald eine sehr gute Ausbildung genossen hatte.  <\/p>\n\n\n\n<p>Doch was sollte er machen? Jetzt sa\u00df er da. Allein, mit trocken Brot. Mit einem schwulen, paranoiden Nachbarn, der sich tot stellte. Und wenn er nicht sofort, in diesem Augenblick, sein Touchphone anmachte, w\u00fcrde er zu frieren beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr wen sollte das hier eigentlich alles gut sein? Nicht f\u00fcr ihn, nicht f\u00fcr Elisa. Nicht f\u00fcr Noah. Nicht f\u00fcr die Menschen, die er mal gekannt hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste nicht mehr, warum er sein verdammtes Kreuz an der falschen Stelle gemacht hatte. Damals. Doch er wusste jetzt und hier, dass es falsch gewesen war. Das Kreuz war falsch gewesen, denn alles, was ihm jemals etwas bedeutet hatte, war weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Es war weg und kam nicht wieder.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Du m\u00f6chtest informiert bleiben? Dann bitte hier <\/strong><a href=\"https:\/\/dorit-linke.de\/newsletter\/\"><strong>entlang<\/strong><\/a><strong>.  <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dorit Linke Laut Sonntagsumfrage liegt die AfD im Osten vorn. Unfassbar? Nat\u00fcrlich. Kopf in den Sand? Niemals. 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