{"id":7839,"date":"2024-11-09T09:13:00","date_gmt":"2024-11-09T08:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dorit-linke.de\/?p=7839"},"modified":"2025-06-08T09:52:23","modified_gmt":"2025-06-08T08:52:23","slug":"im-anderen-licht-das-ende-des-jugendwerkhofs-torgau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/blog\/2024\/11\/09\/im-anderen-licht-das-ende-des-jugendwerkhofs-torgau\/","title":{"rendered":"Im anderen Licht &#8211; Das Ende des Jugendwerkhofs Torgau"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Jugendwerkhof Torgau, einem ehemaligen Gef\u00e4ngnis, wurden \u00fcber 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren willk\u00fcrlich und ohne richterlichen Beschluss zu Umerziehungsma\u00dfnahmen eingewiesen und waren dort milit\u00e4rischem Drill, Isolation und Misshandlungen ausgesetzt. Viele Jugendliche zerbrachen an ihrer Verzweiflung, manche sahen keinen Ausweg und nahmen sich das Leben. Im Zuge der friedlichen Revolution im November 1989 wurde der Jugendwerkhof vom Ministerium f\u00fcr Volksbildung \u00fcberst\u00fcrzt aufgel\u00f6st und die Dokumentenvernichtung angeordnet. Meine Kurzgeschichte erz\u00e4hlt aus der Sicht eines Erziehers und zeigt den Zynismus, der im Umgang mit unangepassten Kindern und Jugendlichen in der DDR vorherrschte. Ich widme diesen Text den Menschen, die durch das Erziehungssystem der DDR Willk\u00fcr und Leid erfahren haben. 2007, Dorit Linke<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Im-anderen-Licht-Dorit-Linke.pdf\" data-type=\"attachment\" data-id=\"7841\">Zum Download der Kurzgeschichte<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Im anderen Licht<\/h2>\n\n\n\n<p>Gestern kam der Anruf aus dem Ministerium. Wir sollen die Jugendlichen in ihre Stammeinrichtungen zur\u00fcckf\u00fchren und alle Dokumente vernichten. Kurt, der schr\u00e4g vor mir sitzt, ist eifrig dabei. Obwohl wir ihn nicht darum gebeten haben, erl\u00e4utert er uns die Situation. Wir verbr\u00e4chten die Nacht nur deshalb hier, weil sich auf dem Alexanderplatz ein paar Uneinsichtige und vom Westen Aufgestachelte zusammengerottet und den Wunsch nach freien Wahlen ge\u00e4u\u00dfert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re seinem Geschw\u00e4tz nicht zu. Eine Seite nach der anderen zerrei\u00dfe ich und stopfe die Schnipsel in schwarze S\u00e4cke, die ich auf den hell erleuchteten Flur trage, vorbei an ungewohnt leeren Regalen. Obwohl auch in anderen R\u00e4umen gearbeitet wird, ist es still im Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir gegen\u00fcber w\u00fchlt sich Monika durch einen Haufen Papier. Fortw\u00e4hrend streicht sie ihre gr\u00fcne Bluse glatt und sieht hinaus in die Dunkelheit. Sie ist nerv\u00f6s, weil sie den Zweck unserer Arbeit aus den Augen verliert. Lies nicht alles, was dir in die H\u00e4nde f\u00e4llt, ermahne ich sie, doch sie beachtet mich nicht. Auf die Art werden wir nie fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sascha U., geboren am 18.3.1973. Mitteilung an die Eltern, dass ihr Sohn mit Genehmigung des Ministeriums f\u00fcr Volksbildung in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt wurde. Er blieb fast sechs Monate. Nach seiner Ankunft heulte er jeden Tag, doch die Jungen seiner Gruppe machten ihm schnell klar, was sie von seinem Gejammer hielten. Erziehung im Kollektiv ist ein wirksames Mittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt erkl\u00e4rt uns gerade, warum die anderen unsere Arbeit nicht verstehen werden. Wen meinst du damit, frage ich leise. Der Klang meiner Stimme warnt ihn. Nun ja, entgegnet er, wirft eine leere Akte auf den Boden und greift zum n\u00e4chsten Schriftst\u00fcck. Sein unordentlicher Arbeitsplatz spricht f\u00fcr sich. Keine Linie, keine Besonnenheit. Doch auch die Verantwortlichen im Ministerium sind in Eile. Offenbar kommt den Genossen nicht in den Sinn, dass unsere Aktion bei Nacht und Nebel wie ein Schuldeingest\u00e4ndnis wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jan A., geboren am 5.11.1974, uneinsichtig und provokant. In der Werkstatt a\u00df er N\u00e4gel, weil er annahm, wir w\u00fcrden ihn ins Krankenhaus bringen. F\u00fcr solche F\u00e4lle braucht man keinen Arzt. Wir gaben ihm Sauerkraut und steckten ihn in die Arrestzelle. Er hat die ganze Nacht gebr\u00fcllt vor Schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt fragt in das schlecht gel\u00fcftete Zimmer, was wohl die westdeutsche Presse zu unserer derzeitigen T\u00e4tigkeit sagen wird. Monikas Z\u00fcge frieren ein. Das halbdurchgerissene Foto einer langhaarigen Jugendlichen schwebt zwischen ihren H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haare schneiden wir grunds\u00e4tzlich runter auf zwei Millimeter. Den Jungen macht das kaum etwas aus, abgesehen von den Hippies und den Punks. Die M\u00e4dchen heulen und die Skinheads verh\u00f6hnen uns, weil die Ma\u00dfnahme f\u00fcr sie \u00fcberfl\u00fcssig ist. Nat\u00fcrlich werden die Opportunisten der Bildzeitung \u00fcber uns hetzen. Das bedeutet \u00fcberhaupt nichts. Dennoch werde ich w\u00fctend bei der Vorstellung, wie ein weichgesp\u00fclter westlicher P\u00e4dagoge, der noch nie etwas von Makarenko und den Normen des sozialistischen Zusammenlebens geh\u00f6rt hat, unsere Erziehungsmethoden beurteilt. Wie soll er in seiner dekadenten Welt etwas von Disziplin wissen. Er verbreitet die groteske Idee der antiautorit\u00e4ren Erziehung und predigt Egoismus. Was dabei herauskommt, sehen wir jeden Tag im Fernsehen. Schund, Arbeitslosigkeit, Elend. Die Menschen, die nun wie Schafe bl\u00f6ken, dass sie das Volk seien, sind sich nicht dar\u00fcber bewusst, welche Geister sie rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Soeben kam wieder ein Anruf, dieses Mal vom Rat des Bezirkes. Die ganze Hierarchie wird jetzt durchlaufen. Die Genossen erkundigen sich nach unseren Fortschritten. Kurt und ich holen neue Akten aus dem Nachbarzimmer. Monika sitzt steif auf ihrem Stuhl und r\u00fchrt sich nicht. Du arbeitest zu langsam, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne mich anzusehen, steht sie auf und geht zur T\u00fcr. Als sie weg ist, zwinkert Kurt mir zu, als h\u00e4tten wir etwas gemein. Ich reagiere nicht. Fahrig nimmt er seine winzige Brille ab und putzt sie umst\u00e4ndlich. Dann beugt er sich \u00fcber seinen Schreibtisch. Monika kehrt zur\u00fcck und berichtet, dass der Jugendliche, der bis eben unten im Fuchsbau war, die Zelle nicht verlassen will. Da Kurt sich benimmt, als h\u00e4tte er nichts geh\u00f6rt, ruhen ihre Augen auf mir. Er kann vermutlich nicht laufen, sage ich und stopfe Papierreste in den Sack.<\/p>\n\n\n\n<p>Ersch\u00fcttert dreht sie sich weg. Ihre Fassungslosigkeit ist nur Theater. Sie wei\u00df ebenso wie ich, dass jeder das fensterlose Kabuff, das zu klein zum Liegen oder Stehen ist, verst\u00f6rt verl\u00e4sst. Man verliert die Orientierung, oben, unten, rechts und links gibt es da drin nicht mehr. Letztes Jahr hat mich ein Jugendlicher, der vierundzwanzig Stunden im Fuchsbau gewesen war, nach seinem Namen gefragt. Dieser Zustand ist hart, aber zweckm\u00e4\u00dfig. Er erh\u00f6ht die Bereitschaft zur Umerziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt geht hinaus auf den Flur. Monika folgt ihm, weil sie nicht mit mir allein sein m\u00f6chte. Das beruht auf Gegenseitigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Akte ist umfangreich. Vorkommnismeldung: Am 18.12.1987 wurde Maik C., 1972 in Jena geboren, um 20.55 vom Erzieher in der Isolierzelle erh\u00e4ngt aufgefunden. Die Mutter des Jugendlichen wurde vom Direktor des Jugendwerkhofes pers\u00f6nlich \u00fcber den Tod ihres Sohnes informiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich wieder. Kurt und Monika stellen Kaffeebecher und Kekse auf den Tisch und diskutieren die aktuelle Direktive des Ministeriums. Das Geb\u00e4ude soll so umgebaut werden, dass es nicht mehr den Eindruck eines Gef\u00e4ngnisses vermittelt. Monika verzweifelt an der absurden Anweisung der Genossen, trinkt hastig und verbr\u00fcht sich. Kaffee spritzt auf eine Akte aus dem Jahre 1981.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Meter hohe Mauern, Suchscheinwerfer, Wachhunde, an den Eckpunkten Wacht\u00fcrme, vergitterte Fenster und T\u00fcren. Unwillk\u00fcrlich l\u00e4chle ich, als ich mich frage, wie man sich im Ministerium die Metamorphose zu einem Erholungsheim denn vorstellt. Dir macht das alles \u00fcberhaupt nichts aus, f\u00e4hrt mich Monika an. Vor allem ihr Ton \u00fcberrascht mich. Ich mache mir Sorgen um meinen Mann, verk\u00fcndet sie. Der ist Major bei der Volksarmee und seit Wochen in Gefechtsbereitschaft. Soll er gef\u00e4lligst seine Pflicht tun, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort f\u00e4llt Monika in sich zusammen. Es k\u00f6nnte B\u00fcrgerkrieg geben, fl\u00fcstert sie. Endlich mal ein vern\u00fcnftiger Gedanke. Ich wundere mich \u00fcber das lange Z\u00f6gern unserer Regierung. Schleunigst Panzer auf die Stra\u00dfe, dann hat auch das bl\u00f6de Rumgerenne mit den Kerzen ein Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Genossen wissen, was zu tun ist, beschwichtigt sie Kurt. Da bin ich mir nicht sicher. Ich vermeide es, ihn anzusehen. Noch kann er sich nicht entscheiden, wovor er eigentlich Angst hat, charakteristisch f\u00fcr Menschen ohne festen Standpunkt. Er f\u00fcrchtet sich vor der Partei, vor dem Westen, vor den selbsternannten Menschenrechtlern. Und vor mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Udo K.: f\u00fcnf Tage Arrest wegen Ungehorsam und hartn\u00e4ckigem L\u00fcgen. Beim morgendlichen Sport behauptete er, Knieschmerzen zu haben. Es war Kurt, der dem Jugendlichen sein Schl\u00fcsselbund so lange ins Gesicht schlug, bis dieser endlich sein Soll erf\u00fcllte. Ich f\u00fchle mich beobachtet und sehe auf. Monika starrt mich an. Warum ich Erzieher werden wollte, fragt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zerfetze mehrere Seiten, ziehe den n\u00e4chsten Ordner heran und \u00f6ffne ihn unachtsam. Fotos der Jugendlichen h\u00e4ufen sich vor mir, einige gleiten hinunter auf den Boden. Die Jahrg\u00e4nge geraten durcheinander. Mein Puls steigt. Ich bevorzuge exaktes Arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt setzt sich in Position. Fragst du dich nicht auch, ob wir nicht zu hart zu den Kindern waren? Dass ausgerechnet er von mir eine Stellungnahme erwartet, ist eine Unversch\u00e4mtheit. Es erscheint nun vieles in einem anderen Licht, sinniert Monika. Ich h\u00f6re das Blut in meinen Ohren rauschen und verliere einen Moment die Fassung. Wie das, frage ich, reflektiert das Licht pl\u00f6tzlich anders als vor ein paar Tagen? So meinen wir das doch nicht, entgegnet Kurt herablassend. Aha, der ehemalige Physiklehrer, ereifert sich Monika.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe genug von den M\u00e4tzchen, stehe auf und trete zum Fenster. Erst jetzt nehme ich den Kaffeegeruch wahr, der im Raum h\u00e4ngt. Einige Jugendliche laufen im blauen Licht der D\u00e4mmerung \u00fcber den Hof. Sie tragen ihre Zivilkleidung, haben den Werkhofsanzug abgelegt. Ein Junge schiebt seine H\u00e4nde in die Taschen und schaut am Haus empor. Ich sehe seinen Atem. Es ist kalt f\u00fcr Anfang November.<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich denkt er an seine Ankunft in Torgau, an das Ende seiner Illusionen. Als er mich sieht, senkt er sofort seinen Kopf und geht auf das schwere Eingangstor zu. Man wird ihm falsche Ideale auftischen und unsere unvollendete Arbeit mit F\u00fc\u00dfen treten. Den neuen Menschen erschafft man nicht \u00fcber Nacht. Hinter mir arbeiten Monika und Kurt mechanisch, haben einen Rhythmus gefunden. Die Stille, die vom Ger\u00e4usch rei\u00dfenden Papiers strukturiert wird, ist wohltuend, mein Puls wieder gleichm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tor z\u00f6gert der Junge und bleibt stehen. Hilflos sieht er sich um. Schon jetzt findet er sich nicht mehr zurecht. Er tut mir nicht leid. Es ist mir egal, was aus ihm wird. Sollen die Elemente, die nun aus ihren L\u00f6chern kriechen, sich \u00fcber ihn den Kopf zerbrechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jugendwerkhof Torgau, einem ehemaligen Gef\u00e4ngnis, wurden \u00fcber 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren willk\u00fcrlich und ohne&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7430,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[436],"tags":[],"class_list":["post-7839","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ddr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7839"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7839\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7843,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7839\/revisions\/7843"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}