{"id":8328,"date":"2026-07-28T19:07:00","date_gmt":"2026-07-28T18:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dorit-linke.de\/?p=8328"},"modified":"2026-07-30T10:41:34","modified_gmt":"2026-07-30T09:41:34","slug":"nachwort-zu-so-leicht-kommen-wir-nicht-davon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/blog\/2026\/07\/28\/nachwort-zu-so-leicht-kommen-wir-nicht-davon\/","title":{"rendered":"Nachwort zu &#8220;So leicht kommen wir nicht davon&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading has-medium-font-size\">Vor dem Erscheinen des Buches k\u00f6nnt ihr das Nachwort lesen, garantiert spoilerfrei. Es ist mein Beitrag zur aktuellen Lage in unserem Land, ein pers\u00f6nlicher Blick zur\u00fcck, der zeigt, warum die kommenden Wahlen im Osten uns auf unsere Vergangenheit zur\u00fcckwerfen werden. Geschichte wiederholt sich, wenn wir sie nicht verstehen.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-link-color wp-elements-7e4ac651328708ea719ac0894fa30934 wp-block-paragraph\">.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>So leicht kommen wir nicht davon <\/em>erz\u00e4hlt von Hanna, einer jungen Frau, die nach dem Mauerfall 1989 in ihre alte Heimat Rostock zur\u00fcckkehrt. Zuvor war sie \u00fcber die Ostsee aus der DDR geflohen, wovon mein Roman <em>Jenseits der blauen Grenze <\/em>und auch dessen gleichnamige Verfilmung (Deutschland 2024) handeln. In der Folge wird Hanna mit einem Land konfrontiert, das gerade den Wandel von einer Diktatur zur Demokratie vollzieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Dieses Buch erscheint in einer Zeit, in der Angriffe auf die Demokratie auch in Deutschland zunehmen. Populismus und die gezielte Verzerrung von Geschichte pr\u00e4gen unsere politischen Debatten. Mein Roman <em>So leicht kommen wir nicht davon <\/em>zeigt, wie autorit\u00e4re Pr\u00e4gungen der Vergangenheit \u00fcber Generationen fortwirken und Jugendliche heute unmittelbar betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Meine beiden Romane, die auf autobiografischen Erfahrungen beruhen, richten sich insbesondere an Jugendliche und junge Erwachsene. Also an Menschen, die die DDR, die Friedliche Revolution 1989 und die anschlie\u00dfende Transformation Ostdeutschlands nicht erlebt haben. Angesichts der aktuellen Entwicklungen halte ich die Auseinandersetzung mit Diktatur und ihren Folgen heute f\u00fcr besonders wichtig. Mein Roman stellt die Frage: Was bedeutet pers\u00f6nliche Verantwortung in einer Diktatur? Und daraus abgeleitet: Wie \u00fcbernehme ich Verantwortung f\u00fcr die Demokratie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ich selbst bin 1971 in Rostock geboren und in der DDR aufgewachsen. Meine Jugend war gepr\u00e4gt von Regeln und Grenzen, die nicht verhandelbar waren. Widersetzte man sich ihnen, drohten Sanktionen. Sp\u00e4ter habe ich erlebt, wie die DDR durch die Friedliche Revolution 1989 \u00fcberwunden wurde, getragen von vielen Einzelnen. Diese Erfahrung hat mein Leben gepr\u00e4gt und mir gezeigt, wie kostbar Freiheit ist. Pl\u00f6tzlich konnte meine Generation, gerade vollj\u00e4hrig geworden, aus dem Vollen sch\u00f6pfen. Sie konnte sich ohne Furcht offen politisch engagieren, demonstrieren, sich zusammenschlie\u00dfen und widersprechen. Sie konnte ehemals zensierte B\u00fccher lesen und neue Kunst erleben. Sie konnte reisen, studieren und neue Berufe ergreifen. Freie Entscheidungen, Mitbestimmung und die M\u00f6glichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten, waren unvorstellbare Chancen. Diese pl\u00f6tzliche Freiheit im Alltag war ein unglaubliches Gl\u00fcck, f\u00fcr das ich bis heute dankbar bin. Doch dieses Gl\u00fcck wurde nicht allen zuteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">In den fr\u00fchen 1990er-Jahren kam es in den neuen Bundesl\u00e4ndern zu einer massiven Welle rechter Gewalt, angetrieben von neonazistischen Strukturen, die sich bereits in der sp\u00e4ten DDR gebildet hatten. Aufgrund der Wiedervereinigung kamen Asylsuchende verst\u00e4rkt auch nach Ostdeutschland. Der Staat reagierte unzureichend auf diese Herausforderung, was rechte Populisten ausnutzten. Gesellschaft und Politik schauten ohnm\u00e4chtig zu, als rassistische Gewalt offen zutage trat. Die \u00dcbergriffe richteten sich vor allem gegen fr\u00fchere Vertragsarbeitende der DDR und neue Asylsuchende. Nach den Pogromen von Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) erkl\u00e4rten Neonazis diese Orte zu \u00bbausl\u00e4nderfreien Zonen\u00ab und schufen \u00bbnational befreite Zonen\u00ab, leider mit \u00bbErfolg\u00ab. Das Grundrecht auf Asyl wurde politisch eingeschr\u00e4nkt und viele Asylsuchende abgeschoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Dass Menschen, die rassistischer Gewalt ausgesetzt waren, nicht gesch\u00fctzt, sondern aus dem Land gedr\u00e4ngt wurden, geh\u00f6rt zu den bittersten Erfahrungen der Nachwendezeit. Auch aus diesem Grund greift mein Buch Rostock-Lichtenhagen als Schl\u00fcsselereignis auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Parallel zu diesen Entwicklungen wurden von vielen Menschen die Errungenschaften der Friedlichen Revolution infrage gestellt. Die Ohnmacht angesichts der gesellschaftlichen Transformation und des damit verbundenen Verlustes von Kontrolle f\u00fchrte zur Entstehung zahlreicher Mythen: Die DDR sei ein Friedensstaat gewesen, Frauen gleichberechtigt, das Leben sicher und \u00fcberschaubar, die Diktatur \u00bbgem\u00fctlich\u00ab. Wie in jeder Diktatur gab es viele Menschen, die im \u00bbvon oben\u00ab geregelten Leben gut zurechtkamen. Doch wer nachtr\u00e4glich diese Mythen erz\u00e4hlt, leugnet die harte Realit\u00e4t der DDR, die gepr\u00e4gt war von Kontrolle, Repression und Angst, insofern man sich nicht anpasste. Die oft zitierte \u00bbGleichberechtigung der Frauen\u00ab bedeutete vor allem ihre Doppelbelastung. \u00bbFrieden\u00ab bedeutete Militarisierung und menschenverachtende Todessch\u00fcsse an der Mauer. \u00bbInnenpolitische Sicherheit\u00ab bedeutete Anpassung, gegenseitige Bespitzelung bis hinein in die Familien und Hunderttausende politische Inhaftierte, die heute noch unter den Folgen ihrer Haft leiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Mythen entstehen nicht ohne Gr\u00fcnde. Die 1990er-Jahre in den neuen Bundesl\u00e4ndern waren sozial hart. Die \u00f6konomisch ersch\u00f6pfte DDR wurde in hohem Tempo in eine marktwirtschaftliche Ordnung \u00fcberf\u00fchrt. Betriebe, die bisher jenseits von westlicher Marktlogik existiert hatten, mussten sich schlagartig dem kapitalistischen Wettbewerb stellen, was oft misslang. Mit der Einf\u00fchrung der D-Mark stiegen L\u00f6hne und Preise \u00fcber Nacht, ineffiziente ostdeutsche Betriebe wurden zu teuren Produzenten mit geringer Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Diese Zeit war f\u00fcr die Menschen \u00e4u\u00dferst turbulent. Vieles, was bis dahin vertraut war, galt nicht mehr.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-819x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8330\" style=\"aspect-ratio:0.7998132619898372;width:260px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-819x1024.png 819w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-240x300.png 240w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-768x960.png 768w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-1229x1536.png 1229w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-1638x2048.png 1638w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Nachwort-scaled.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Gleichzeitig gab es ungeahnte neue M\u00f6glichkeiten, auch f\u00fcr mich. Ich konnte frei w\u00e4hlen, wo ich leben und studieren m\u00f6chte, und meine Zukunft eigenst\u00e4ndig gestalten. Ohne die Wiedervereinigung w\u00e4re ich keine Autorin geworden. Doch neben all den positiven Entwicklungen f\u00fchrte der wirtschaftliche Niedergang zu massiven Arbeitsplatzverlusten und tiefgreifenden biografischen Br\u00fcchen. Von Arbeitslosigkeit waren insbesondere \u00e4ltere Arbeitnehmende und Frauen betroffen, au\u00dferdem Menschen mit sehr spezifischen DDR-Qualifikationen. Berufliche Lebensl\u00e4ufe brachen abrupt ab, Umschulungen funktionierten nicht immer, neue Jobs entstanden oft anderswo. Die materielle Sicherheit vieler Menschen war gef\u00e4hrdet, ihr Selbstwertgef\u00fchl belastet, was bis heute Spuren hinterlassen hat, unter anderem die Sehnsucht nach einer vermeintlich stabilen Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Wer die Realit\u00e4t der DDR verkl\u00e4rt und die tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen der 1990er-Jahre verkennt, erleichtert es rechten Kr\u00e4ften, demokratische Werte infrage zu stellen. Die AfD, eine Partei, die vom Verfassungsschutz als \u00bbgesichert rechtsextremistische Bestrebung\u00ab eingestuft wurde, verkn\u00fcpft massenwirksam die idealisierte Erinnerung an die DDR mit Gef\u00fchlen der Ungerechtigkeit. Das Ergebnis sind prorussische Sympathien, die Ablehnung demokratischer Institutionen und der Hass auf Menschen mit Migrationshintergrund und Gefl\u00fcchtete. Mit ihren Zielen wie der Einschr\u00e4nkung von Minderheitenrechten, der Schw\u00e4chung des Rechtsstaats und der Ablehnung internationaler B\u00fcndnisse wie EU und NATO bedroht die AfD unsere demokratische Ordnung \u2013 und damit das Leben in Sicherheit und Freiheit auch der Ostdeutschen, die f\u00fcr ihre Demokratie gek\u00e4mpft haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Als Autorin und Leiterin von Schreibwerkst\u00e4tten an Schulen nehme ich die DDR und die Nachwendezeit in den Fokus und spreche \u00fcber die Erfahrungen der Ostdeutschen, die ein wertvolles Erbe sind. Sie haben eine Diktatur durchgestanden und aktiv die Friedliche Revolution getragen. Sie sind nach dem Ende der DDR und mit oftmals belastenden Erfahrungen in der ihnen unbekannten demokratischen Gesellschaft angekommen, haben unter gro\u00dfem pers\u00f6nlichen Druck Verantwortung f\u00fcr ihr Leben und das ihrer Kinder \u00fcbernommen. Zugleich gab es Menschen, f\u00fcr die der Neubeginn schwierig war, nicht aus pers\u00f6nlichem Versagen, sondern aufgrund der Wucht der Umbr\u00fcche. Existenz\u00e4ngste und Sorgen geh\u00f6ren ebenso zur ostdeutschen Erfahrung wie Mut und Aufbruch. Beides ernst zu nehmen, ist entscheidend f\u00fcr unseren gesellschaftlichen Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ein Anliegen meiner Arbeit ist der Blick in die Gegenwart. Wie funktioniert politische Manipulation in der heutigen Demokratie? Wie k\u00f6nnen wir die Sprache von Populist\/-innen offenlegen und deren angeblich einfache L\u00f6sungen f\u00fcr komplexe Probleme entschl\u00fcsseln? Das ist vor allem auch wichtig vor dem Hintergrund, dass Heranwachsende heute der gezielten Desinformation \u00fcber soziale Medien ausgesetzt sind und sek\u00fcndlich von Falschmeldungen und emotionalisierten Inhalten erreicht werden, die zum Ziel haben, die \u00f6ffentliche Meinung zu lenken und zu manipulieren und damit die Demokratie zu destabilisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">In meinen Schreibworkshops gehen die Teilnehmenden zusammen mit Hanna und Andreas zur\u00fcck in die DDR und stellen sich der Frage: Wie h\u00e4tte ich gehandelt? Angepasst? Rebellisch? Still? Hanna fungiert dabei als Spiegel, mit dem Jugendliche erkennen, dass kleine Entscheidungen im Alltag Einfluss auf die Demokratie haben. Hannas Erfahrungen erm\u00f6glichen, im Heute \u00fcber das eigene Handeln und \u00fcber Zivilcourage nachzudenken.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Diktatur.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Diktatur-819x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8346\" style=\"aspect-ratio:0.7998205530810395;width:264px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Diktatur-819x1024.png 819w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Diktatur-240x300.png 240w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Diktatur-768x960.png 768w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Diktatur.png 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend sich Hanna im Roman allm\u00e4hlich von ihrem fr\u00fcheren Leben l\u00f6st und weiter in die Welt hinausgeht, versucht sie, das Ausma\u00df ihrer Schuld herauszufinden. Hat sie tats\u00e4chlich Schuld auf sich geladen? H\u00e4tte sie unter den Bedingungen einer Diktatur unschuldig bleiben k\u00f6nnen? Die Jugendlichen lernen am Beispiel einer erbarmungslosen Diktatur, was es bedeutet, f\u00fcr sich einzustehen. Ich hoffe, sie k\u00f6nnen dieses Wissen auf ihr Leben \u00fcbertragen und f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr demokratische Werte einstehen, um sie zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Vor allem aber soll Hannas Geschichte jungen Menschen Mut machen. Mut, sich einzumischen. Mut, die \u00c4lteren zu befragen. Mut, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Mut, f\u00fcr die Demokratie einzustehen, damit sie nie in eine \u00e4hnliche Lage kommen wie Hanna und ihre Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/So-leicht-kommen-wir-nicht-davon-Nachwort.pdf\" target=\"_blank\" data-type=\"attachment\" data-id=\"8327\" rel=\"noreferrer noopener\">Nachwort zum Download <\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Erscheinen des Buches k\u00f6nnt ihr das Nachwort lesen, garantiert spoilerfrei. 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