{"id":8371,"date":"2026-08-15T21:55:49","date_gmt":"2026-08-15T20:55:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dorit-linke.de\/?p=8371"},"modified":"2026-08-15T22:09:45","modified_gmt":"2026-08-15T21:09:45","slug":"wie-man-weiterlebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/blog\/2026\/08\/15\/wie-man-weiterlebt\/","title":{"rendered":"Wie man weiterlebt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Rezension von Jan Groh<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist es nun also, das Buch, auf das ich mich wie auf kaum ein anderes in diesem Jahr gefreut habe: Dorit Linke \u2013 \u201eSo leicht kommen wir nicht davon\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die rund 220 Seiten lange Geschichte (plus ein paar lesenswerte Anh\u00e4nge) ist eine Art Fortsetzung von Linkes fantastisch ber\u00fchrendem Roman \u201eJenseits der blauen Grenze\u201c \u2013 und doch ganz anders. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte wieder von der geb\u00fcrtigen Rostockerin Hanna Klein, also der jungen Frau, die in \u201eJenseits der blauen Grenze\u201c mit Ihrem Freund \u00fcber die Ostsee schwimmend aus der DDR zu fliehen versuchte, 50 km weit durch Wellen, Verlorenheit und Erinnerungen an die Schulzeit in Rostock.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-768x1024.jpg\" alt=\"So leicht kommen wir nicht davon\" class=\"wp-image-8265\" style=\"aspect-ratio:0.7499961852445258;width:198px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-768x1024.jpg 768w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-225x300.jpg 225w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/dorit-linke.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/IMG_20260718_160400_edit_77068156887719-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur Hanna \u00fcberlebte mit letzter Kraft den Fluchtversuch und wurde schlie\u00dflich dicht vor Fehmarn von einem kleinen Segelboot aus dem Wasser gezogen. Genau in diesem Moment setzt die Erz\u00e4hlung in \u201eSo leicht kommen wir nicht davon\u201c an. Linke erz\u00e4hlt uns aus Hannas deutlich gereifter Perspektive als am Ende knapp 30-j\u00e4hrige Frau in R\u00fcckblenden, wie es weiterging, was im Osten Deutschlands geschah und wie Hanna am Ende \u00fcberlebt. Denn, das wird bald klar, es war Hanna selbst, die die Verbindungsschnur zu Andreas am Ende durchschnitt und ihn ertrinkend auf der Ostsee zur\u00fccklie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl schon auf den ersten Seiten bzw. \u201eTagen\u201c im Westen ein neues Leben f\u00fcr Hanna bei einer Tante in Bremen beginnt und das Schwimmen, das \u201eJenseits der blauen Grenze\u201c durchtr\u00e4nkt, nur noch ein einzige Mal l\u00e4nger erw\u00e4hnt wird, ist damit vorgegeben, worum es in Linkes neuem Buch geht: um das Trauma von Andreas Tod und wie Hanna trotz ihrer tiefen Schuldgef\u00fchle weiterlebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie Linke dieses sehr schwierige Thema \u00fcber zehn erz\u00e4hlte Jahre entwickelt und zu einem f\u00fcr alle Empathie begabten Leser:innen zu einem ebenso existentiellen wie tr\u00e4nendurchstr\u00f6mten Abenteuer um Leben und Tod macht, sucht seines Gleichen und ist nicht weniger grandios als die Schilderung der Flucht \u00fcber die Ostsee in \u201eJenseits der blauen Grenze\u201c. Linke macht die vielen Aufs und Abs, Fort- und R\u00fcckschritte von Hannas Heilungsprozess so greif- und sp\u00fcrbar, wie kein mir bekanntes Buch zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hanna ist am Anfang \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 noch immer die siebzehnj\u00e4hrige Sch\u00fclerin, die Leser:innen aus der \u201eblauen Grenze\u201c kennen. Ihre Tante holt sie auf Fehmarn ab und nimmt sie zu sich nach Bremen. Doch schon dort, noch immer auf den ersten Seiten des Buchs, merkt man, dass Hanna eine andere geworden ist. Die Hanna, die nur wenige Tage zuvor im Sommer 1989 zur Flucht aus der DDR aufgebrochen ist gibt es nicht mehr. Jene Hanna, die fast nicht ohne ihre Freunde Andreas und Sachsen-Jensi gedacht werden konnte, ist nun still, zur\u00fcckgezogen, nachdenklich und einsam. Irgendwann bem\u00fcht sie sich zwar kurz um ihre Integration in der neuen Heimat, einmal sogar f\u00fcr einen kurzen Augenblick erfolgreich, doch im Grunde versteht niemand, was mit ihr los ist \u2013 sie selbst eingeschlossen. Nachdem sie den mit seinen Eltern schon einige Zeit vorher aus der DDR ausgereisten Sachsen-Jensi wiedersieht und sich das Treffen merkw\u00fcrdig falsch und entfremdet anf\u00fchlt, wird es sehr dunkel um Hanna.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Freundschaft zu dem wegen Andreas\u2019 Tod selbst verzweifelten Jensi ist nur versch\u00fcttet gewesen. Als im Herbst 1989 die Mauer f\u00e4llt, reisen die beiden nach Rostock. In einem furchtbaren Augenblick trifft Hanna dort erst auf Andreas\u2019 verzweifelte Mutter, sp\u00e4ter auf Andreas\u2019 lieblosen Vater und bekommt die Vorw\u00fcrfe um die Ohren gehauen, die sie selbst seit der Ankunft auf Fehmarn qu\u00e4len und die Teil ihres eigenen Traumas sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter treffen wir Hanna im \u00e4u\u00dfersten Nordwesten Schottlands auf der Insel Skye, auf der sie heimisch werden will. Noch immer sucht sie nach Menschen, die wenigstens erahnen k\u00f6nnen, was die Flucht \u00fcber die Ostsee f\u00fcr sie bedeutet \u2013 und sie wird in mehrfacher Hinsicht f\u00fcndig. Hier weitet Linke den Blick und zeigt, dass Hannas Geschichte nicht nur eine deutsch-deutsche, sondern eine viel allgemeinere \u00fcber Menschlichkeit, Schuld und Leben und sogar \u00fcber Freiheit und Demokratie ist. Ganz langsam l\u00f6sen sich bei Hanna die Selbstvorw\u00fcrfe \u00fcber den Tod von Andreas und w\u00e4chst daraus eine sehr klare Verpflichtung, f\u00fcr sich und f\u00fcr die Rechte aller Menschen einzustehen. Auch das schildert Linke packend, nie theoretisierend und extrem realistisch, etwa als Hanna in das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen ger\u00e4t und auch in anderer Hinsicht beschreibt, wie Hanna zu ihrer wahren Identit\u00e4t findet und man am Ende erkennt, wie stark diese anfangs gebrochen wirkende junge Frau geworden ist. Ein wacher Friede kehrt in sie ein. Ein Frieden, der niemals vergessen wird, was geschehen ist, ein Friede, der Andreas nicht vergessen wird und nicht, wie furchtbar und t\u00f6dlich eine Jugend in der DDR sein konnte oder wer wirklich die Schuld an Andreas\u2018 Tod tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSo leicht kommen wir nicht davon\u201c ist ein aufw\u00fchlendes und \u00e4u\u00dferst fesselndes Buch. Dass es als Jugendbuch tituliert wird, scheint eher der Tatsache geschuldet zu sein, dass der Arena Verlag nun mal auf solche B\u00fccher spezialisiert ist, als der Sprache oder der Thematik, die mit vollem Recht auch jeden Erwachsenen ansprechen. Aber nat\u00fcrlich ist das Buch f\u00fcr Jugendliche sehr zu empfehlen, gerade f\u00fcr \u00e4ltere unter ihnen, die bereits auf dem Weg in ihr eigenes Leben sind. Was Dorit Linke mit ihren B\u00fcchern \u00fcber Hanna gelungen ist, sind Erz\u00e4hlungen, die sich im Grunde an jeden suchenden Menschen wenden, gleichg\u00fcltig ob \u201ejugendlich\u201c und \u201eerwachsen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer einen Blick auf die DDR werfen will, wie sie von heranwachsenden Menschen erlebt wurde, wird von \u201eJenseits der blauen Grenze\u201c auf einen Ausflug in eine reale Vergangenheit getragen, dessen Folgen in \u201eSo leicht kommen wir nicht davon\u201c in aller Deutlichkeit gezeigt und bis hinein in die vergangenheitsvergessenen L\u00fcgen und den Selbstbetrug der aktuellen ostdeutschen Bundesl\u00e4nder f\u00fchrt. Und wer sich als Erwachsener mit der Wirklichkeit der DDR befassen und verstehen will, was an diesem Staat auch jenseits der Stasi so erstickend war, den f\u00fchrt Linke vor den Terror und die nackte Unmenschlichkeit der Vergangenheit, die eben bei weitem nicht bei Stasi und Mauersch\u00fctzen zu Ende war, sondern tief die Gesellschaft durchdrang. Und so entlarvt Linke auch, ohne ihn direkt ansprechen zu m\u00fcssen, den so oft praktizierten Selbstbetrug der Nachwendezeit und der Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide B\u00fccher sind eine unbedingte Empfehlung f\u00fcr jeden, der nicht nur ein paar Zahlen und Fakten \u00fcber die deutsch-deutsche Vergangenheit erfahren will, sondern wissen m\u00f6chte, wie es sich angef\u00fchlt hat, in dieser Zeit zu leben. Ich kenne kein anderes Buch, das klarer, tiefer und realistischer die Wirklichkeit der DDR beschreibt. Und auch jedem, der sich eine eigene Meinung zur heutigen Ost-Deutschland bilden will, seien die beiden B\u00fccher von Dorit Linke ans Herz gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt nichts Besseres.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Jan Groh ist Autor und Verleger<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.sol-et-chant.de\/jan-groh.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.sol-et-chant.de\/jan-groh.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension von Jan Groh Da ist es nun also, das Buch, auf das ich mich wie auf kaum ein anderes&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8261,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[443],"tags":[15,127,41,128,47,546,17,29,532,38],"class_list":["post-8371","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher","tag-ddr","tag-ddr-literatur","tag-dorit-linke","tag-jugendbuch","tag-literatur","tag-neues-buch","tag-ostdeutschland","tag-rezension","tag-so-leicht-kommen-wir-nicht-davon","tag-wiedervereinigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8371","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8371"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8371\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8375,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8371\/revisions\/8375"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8261"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dorit-linke.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}