Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung

Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung

Wednesday March 11th, 2026 Off By Dorit Linke

Ein Buch von Ines Geipel

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 (Sachbuch)

Ines Geipel beleuchtet in ihrem Buch tief und vielschichtig Buchenwald, den Staatsmythos der DDR. Dieser reicht bis in unsere Gegenwart hinein und trägt bis heute zur Verklärung der DDR bei. Noch immer glauben viele, die DDR sei das bessere Deutschland gewesen und habe den Nationalsozialismus viel konsequenter überwunden als der Westen. Ines Geipel zeigt, wie sehr diese Erzählung auf politisch gesteuerter Erinnerung beruht.

Buchenwald wurde 1958 zur Mahn- und Gedenkstätte und paradoxerweise zu einem Ort des „staatlich gebotenen Nichterinnern“. Ein politisch aufgeladener Ort und ein Ort unvorstellbaren Leids, aus dem nach 1945 die Helden geboren wurden. Die Erfahrungen der Lagerinsassen blieben dabei unerzählt.

Gestützt auf umfangreiches Quellen- und Archivmaterial zeigt Ines Geipel anschaulich, wie dieses Wissen unterdrückt und Buchenwald gezielt zum Mythos des Antifaschismus verklärt wurde. Dabei fehlten die jüdische Geschichte, die der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas, der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen sowie der Opfer der Euthanasie. Zeugen wurden zu Nichtzeugen, die sich nicht erinnern durften.

Wie viele Generationen der DDR wurde auch meine groß mit Bruno Apitz und „Nackt unter Wölfen“. Was wir über das Konzentrationslager erfuhren, hatte jedoch nichts mit der Lagerrealität zu tun. Die heroische Rettung des jüdischen Jungen war ein hoch aufgeladenes Symbol, wurde sie doch angeblich und ausschließlich ermöglicht durch den kommunistischen Lagerwiderstand. Beim Lesen des Buches in der 9. Klasse wäre es für uns unvorstellbar gewesen, dass deutsche Kommunisten in Buchenwald an der Auswahl und Ermordung von Häftlingen beteiligt waren. Ein tödlicher Terror innerhalb des Nazi-Terrors? Die Helden der DDR zugleich Opfer und Täter? Ebenso unvorstellbar wäre es für uns gewesen, dass der jüdische Junge zwar in letzter Minute vom Transport ins Vernichtungslager bewahrt, an seiner Stelle und unmittelbar aber ein anderer Junge nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurde. „Nackt unter Wölfen“ war, anders als von Bruno Apitz gewollt, nach zahlreichen Zensuretappen nur noch ein Märchen. Die Erinnerungen des Autors und Zeitzeugen waren, ebenso wie sein Wille, unwichtig. Sein Lektor: Walter Ulbricht.

Für die Erinnerungen der Eltern und Großeltern gab es in der DDR keinen Platz. Wie erinnerte man sich in einem Klima von Angst, Terror, Willkür und Gewalt, das nach 1945 im Osten herrschte? Konnte man der eigenen, durch den Mythos überschriebenen Erfahrung noch glauben? Ines Geipel geht immer wieder dicht an die Menschen heran. Zu einem Lagerinsassen und Zeitzeugen von Buchenwald schreibt sie:

Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung

„Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? Als ob das Geschehene im inoffiziellen Gedächtnis steckengeblieben wäre, als ob die Macht definierte, wer man sei, als ob er nie ankommen durfte bei sich.“

Ines Geipel stellt die berechtigte Frage, wo die „große Generationsbiographie über die ostdeutschen Kriegskinder“ ist?

„Wo ihr Ort, um zu sprechen, über sich zu sprechen? Über ihre Fluchten, über Vertreibung, über ihre Bilder des Krieges, über Gefangenschaft, Hunger, Ängste, über eine Kindheit ohne Puppen? Über ihre „tatenlos erworbene Schuld“ zu Zeiten des Nationalsozialismus, über ihre womöglich tätige Schuld zu Zeiten der DDR?“

Wie auch in ihren anderen Werken öffnet Ines Geipel Räume zum Nachdenken und Nachfühlen. Wissen ergänzt sie durch Kontext, Fakten und Quellen aus den Archiven, die als mitlaufendes Band auf jeder Seite des Buches zugänglich sind. Sie bieten die Möglichkeit, das Material beim Lesen zu sichten und geben dabei Sicherheit und Halt.

Was Ines Geipel mit “Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen“ beschreibt, verstehen vermutlich jene, die sich intensiv mit Nationalsozialismus und DDR befassen und dabei vor allem auch ihre persönliche Geschichte und die ihrer Familie reflektieren und aufarbeiten. Ihnen und allen, die die Entwicklungen und Stimmungen im Osten unseres Landes besser verstehen möchten, sei dieses Buch sehr empfohlen.

Ines Geipel: Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss in der Erinnerung. Erschienen am 11.3.26 bei Fischer

Landschaft ohne Zeugen – Ines Geipel | S. Fischer Verlage