Nachwort zu “So leicht kommen wir nicht davon”
Tuesday July 28th, 2026– garantiert spoilerfrei –
So leicht kommen wir nicht davon erzählt von Hanna, einer jungen Frau, die nach dem Mauerfall 1989 in ihre alte Heimat Rostock zurückkehrt. Zuvor war sie über die Ostsee aus der DDR geflohen, wovon mein Roman Jenseits der blauen Grenze und auch dessen gleichnamige Verfilmung (Deutschland 2024) handeln. In der Folge wird Hanna mit einem Land konfrontiert, das gerade den Wandel von einer Diktatur zur Demokratie vollzieht.
Dieses Buch erscheint in einer Zeit, in der Angriffe auf die Demokratie auch in Deutschland zunehmen. Populismus und die gezielte Verzerrung von Geschichte prägen unsere politischen Debatten. Mein Roman So leicht kommen wir nicht davon zeigt, wie autoritäre Prägungen der Vergangenheit über Generationen fortwirken und Jugendliche heute unmittelbar betreffen.
Meine beiden Romane, die auf autobiografischen Erfahrungen beruhen, richten sich insbesondere an Jugendliche und junge Erwachsene. Also an Menschen, die die DDR, die Friedliche Revolution 1989 und die anschließende Transformation Ostdeutschlands nicht erlebt haben. Angesichts der aktuellen Entwicklungen halte ich die Auseinandersetzung mit Diktatur und ihren Folgen heute für besonders wichtig. Mein Roman stellt die Frage: Was bedeutet persönliche Verantwortung in einer Diktatur? Und daraus abgeleitet: Wie übernehme ich Verantwortung für die Demokratie?
Ich selbst bin 1971 in Rostock geboren und in der DDR aufgewachsen. Meine Jugend war geprägt von Regeln und Grenzen, die nicht verhandelbar waren. Widersetzte man sich ihnen, drohten Sanktionen. Später habe ich erlebt, wie die DDR durch die Friedliche Revolution 1989 überwunden wurde, getragen von vielen Einzelnen. Diese Erfahrung hat mein Leben geprägt und mir gezeigt, wie kostbar Freiheit ist. Plötzlich konnte meine Generation, gerade volljährig geworden, aus dem Vollen schöpfen. Sie konnte sich ohne Furcht offen politisch engagieren, demonstrieren, sich zusammenschließen und widersprechen. Sie konnte ehemals zensierte Bücher lesen und neue Kunst erleben. Sie konnte reisen, studieren und neue Berufe ergreifen. Freie Entscheidungen, Mitbestimmung und die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten, waren unvorstellbare Chancen. Diese plötzliche Freiheit im Alltag war ein unglaubliches Glück, für das ich bis heute dankbar bin. Doch dieses Glück wurde nicht allen zuteil.
In den frühen 1990er-Jahren kam es in den neuen Bundesländern zu einer massiven Welle rechter Gewalt, angetrieben von neonazistischen Strukturen, die sich bereits in der späten DDR gebildet hatten. Aufgrund der Wiedervereinigung kamen Asylsuchende verstärkt auch nach Ostdeutschland. Der Staat reagierte unzureichend auf diese Herausforderung, was rechte Populisten ausnutzten. Gesellschaft und Politik schauten ohnmächtig zu, als rassistische Gewalt offen zutage trat. Die Übergriffe richteten sich vor allem gegen frühere Vertragsarbeitende der DDR und neue Asylsuchende. Nach den Pogromen von Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) erklärten Neonazis diese Orte zu »ausländerfreien Zonen« und schufen »national befreite Zonen«, leider mit »Erfolg«. Das Grundrecht auf Asyl wurde politisch eingeschränkt und viele Asylsuchende abgeschoben.
Dass Menschen, die rassistischer Gewalt ausgesetzt waren, nicht geschützt, sondern aus dem Land gedrängt wurden, gehört zu den bittersten Erfahrungen der Nachwendezeit. Auch aus diesem Grund greift mein Buch Rostock-Lichtenhagen als Schlüsselereignis auf.
Parallel zu diesen Entwicklungen wurden von vielen Menschen die Errungenschaften der Friedlichen Revolution infrage gestellt. Die Ohnmacht angesichts der gesellschaftlichen Transformation und des damit verbundenen Verlustes von Kontrolle führte zur Entstehung zahlreicher Mythen: Die DDR sei ein Friedensstaat gewesen, Frauen gleichberechtigt, das Leben sicher und überschaubar, die Diktatur »gemütlich«. Wie in jeder Diktatur gab es viele Menschen, die im »von oben« geregelten Leben gut zurechtkamen. Doch wer nachträglich diese Mythen erzählt, leugnet die harte Realität der DDR, die geprägt war von Kontrolle, Repression und Angst, insofern man sich nicht anpasste. Die oft zitierte »Gleichberechtigung der Frauen« bedeutete vor allem ihre Doppelbelastung. »Frieden« bedeutete Militarisierung und menschenverachtende Todesschüsse an der Mauer. »Innenpolitische Sicherheit« bedeutete Anpassung, gegenseitige Bespitzelung bis hinein in die Familien und Hunderttausende politische Inhaftierte, die heute noch unter den Folgen ihrer Haft leiden.
Mythen entstehen nicht ohne Gründe. Die 1990er-Jahre in den neuen Bundesländern waren sozial hart. Die ökonomisch erschöpfte DDR wurde in hohem Tempo in eine marktwirtschaftliche Ordnung überführt. Betriebe, die bisher jenseits von westlicher Marktlogik existiert hatten, mussten sich schlagartig dem kapitalistischen Wettbewerb stellen, was oft misslang. Mit der Einführung der D-Mark stiegen Löhne und Preise über Nacht, ineffiziente ostdeutsche Betriebe wurden zu teuren Produzenten mit geringer Wettbewerbsfähigkeit. Diese Zeit war für die Menschen äußerst turbulent. Vieles, was bis dahin vertraut war, galt nicht mehr.

Gleichzeitig gab es ungeahnte neue Möglichkeiten, auch für mich. Ich konnte frei wählen, wo ich leben und studieren möchte, und meine Zukunft eigenständig gestalten. Ohne die Wiedervereinigung wäre ich keine Autorin geworden. Doch neben all den positiven Entwicklungen führte der wirtschaftliche Niedergang zu massiven Arbeitsplatzverlusten und tiefgreifenden biografischen Brüchen. Von Arbeitslosigkeit waren insbesondere ältere Arbeitnehmende und Frauen betroffen, außerdem Menschen mit sehr spezifischen DDR-Qualifikationen. Berufliche Lebensläufe brachen abrupt ab, Umschulungen funktionierten nicht immer, neue Jobs entstanden oft anderswo. Die materielle Sicherheit vieler Menschen war gefährdet, ihr Selbstwertgefühl belastet, was bis heute Spuren hinterlassen hat, unter anderem die Sehnsucht nach einer vermeintlich stabilen Vergangenheit.
Wer die Realität der DDR verklärt und die tiefgreifenden Veränderungen der 1990er-Jahre verkennt, erleichtert es rechten Kräften, demokratische Werte infrage zu stellen. Die AfD, eine Partei, die vom Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextremistische Bestrebung« eingestuft wurde, verknüpft massenwirksam die idealisierte Erinnerung an die DDR mit Gefühlen der Ungerechtigkeit. Das Ergebnis sind prorussische Sympathien, die Ablehnung demokratischer Institutionen und der Hass auf Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete. Mit ihren Zielen wie der Einschränkung von Minderheitenrechten, der Schwächung des Rechtsstaats und der Ablehnung internationaler Bündnisse wie EU und NATO bedroht die AfD unsere demokratische Ordnung – und damit das Leben in Sicherheit und Freiheit auch der Ostdeutschen, die für ihre Demokratie gekämpft haben.
Als Autorin und Leiterin von Schreibwerkstätten an Schulen nehme ich die DDR und die Nachwendezeit in den Fokus und spreche über die Erfahrungen der Ostdeutschen, die ein wertvolles Erbe sind. Sie haben eine Diktatur durchgestanden und aktiv die Friedliche Revolution getragen. Sie sind nach dem Ende der DDR und mit oftmals belastenden Erfahrungen in der ihnen unbekannten demokratischen Gesellschaft angekommen, haben unter großem persönlichen Druck Verantwortung für ihr Leben und das ihrer Kinder übernommen. Zugleich gab es Menschen, für die der Neubeginn schwierig war, nicht aus persönlichem Versagen, sondern aufgrund der Wucht der Umbrüche. Existenzängste und Sorgen gehören ebenso zur ostdeutschen Erfahrung wie Mut und Aufbruch. Beides ernst zu nehmen, ist entscheidend für unseren gesellschaftlichen Frieden.
Ein Anliegen meiner Arbeit ist der Blick in die Gegenwart. Wie funktioniert politische Manipulation in der heutigen Demokratie? Wie können wir die Sprache von Populist/-innen offenlegen und deren angeblich einfache Lösungen für komplexe Probleme entschlüsseln? Das ist vor allem auch wichtig vor dem Hintergrund, dass Heranwachsende heute der gezielten Desinformation über soziale Medien ausgesetzt sind und sekündlich von Falschmeldungen und emotionalisierten Inhalten erreicht werden, die zum Ziel haben, die öffentliche Meinung zu lenken und zu manipulieren und damit die Demokratie zu destabilisieren.
In meinen Schreibworkshops gehen die Teilnehmenden zusammen mit Hanna und Andreas zurück in die DDR und stellen sich der Frage: Wie hätte ich gehandelt? Angepasst? Rebellisch? Still? Hanna fungiert dabei als Spiegel, mit dem Jugendliche erkennen, dass kleine Entscheidungen im Alltag Einfluss auf die Demokratie haben. Hannas Erfahrungen ermöglichen, im Heute über das eigene Handeln und über Zivilcourage nachzudenken.
Während sich Hanna im Roman allmählich von ihrem früheren Leben löst und weiter in die Welt hinausgeht, versucht sie, das Ausmaß ihrer Schuld herauszufinden. Hat sie tatsächlich Schuld auf sich geladen? Hätte sie unter den Bedingungen einer Diktatur unschuldig bleiben können? Die Jugendlichen lernen am Beispiel einer erbarmungslosen Diktatur, was es bedeutet, für sich einzustehen. Ich hoffe, sie können dieses Wissen auf ihr Leben übertragen und für sich selbst und für demokratische Werte einstehen, um sie zu erhalten.
Vor allem aber soll Hannas Geschichte jungen Menschen Mut machen. Mut, sich einzumischen. Mut, die Älteren zu befragen. Mut, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Mut, für die Demokratie einzustehen, damit sie nie in eine ähnliche Lage kommen wie Hanna und ihre Freunde.
