Dorit Linke, Berliner Autorin

Wissen, Werte und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Tag: Digitale Vermittlungskonzepte

work in progress

onleli – Plattform von Autoren

Wer meine Arbeit kennt, weiß, dass ich im vergangenen Jahr etliche Onlinelesungen und Fachgespräche an Schulen und Bibliotheken mit meinen Büchern durchgeführt habe. Auch in diesem Jahr finden diese monatlich statt.

“Werden diese Lesungen denn auch bezahlt?”, fragen jetzt sicherlich einige Autoren. Ja, werden sie – den aktuellen Standards des Schriftstellerverbandes entsprechend.

2019 habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn externe Dritte das Onlinelesungsformat übernehmen würden. Ich wollte schneller sein (also Igel, nicht Hase) und habe eine bundesweite und verlagsunabhängige Plattform ins Leben gerufen, die Autoren und Schulen zusammenbringt – für lehrplanbezogene Onlinelesungen im Unterricht, mit klaren Qualitätsstandards für Autoren als auch für Anfragende, die eingehalten werden müssen.

Das Kind heißt onleli (steht für Online_Lesung_Live) und hat eine eigene Webseite

Es gab in der letzten Zeit viele Diskussionen um dieses Format und Abwehr aus Unkenntnis oder fehlender Gewohnheit. Die Befürchtung, dass Onlinelesungen kein Geld für Autoren bringen werden oder regionale Literaturförderung aufgrund der Präsenz globaler Streamingdienste gefährdet ist, tritt ein, wenn wir uns nicht dem digitalen Wandel stellen.

Suchen wir also nicht immer das Haar in der Suppe, sondern schaffen wir selbst die nötige digitale Infrastruktur, mit klar definierten Bedingungen, an die wir uns halten. Überlassen wir das nicht jenen, die sich eben gerade nicht Literaturförderung oder politische Bildung auf die Fahnen schreiben, sondern Gewinnmaximierung.

facebook bringt in Kürze eine App heraus, die es Künstlern ermöglicht, bezahlte Online-Events durchzuführen. Wo landen dann wohl die Autorenhonorare angesichts des aktuellen Streamingpreiskampfes? Rhetorische Frage.

Wer von euch Autoren und Sympathisanten auch das Gefühl hat, eine übergeordnete, verlagsunabhängige Gemeinschaftsplattform mit klar definierten Qualitätsstandards für Onlinelesungen könnte irgendwie der richtige Weg in die Zukunft sein, der teilt bitte diese Info.

https://onleli.de/

Auf Sicht fahren – Geht’s noch?

Eine Haltung prägte die letzten Jahrzehnte der Buchbranche: „Wir versuchen es auf unsere Art, so lange es eben geht. Und wenn es nicht mehr geht, dann übernehmen die, die es können.“ Mit dieser innovationsfeindlichen Verhaltensweise wurde dem Neoliberalismus Tür und Tor geöffnet. Und er hat mittlerweile übernommen. Eine steile These? Schauen wir uns mal die aktuelle Wirklichkeit an.

Wie oft habe ich den vergangenen Wochen von Autoren, die nicht „nur“ zwei, drei Bücher (immerhin!), sondern weit mehr veröffentlicht haben, gehört: „Ohne Lesungen kann ich nicht weitermachen“.  Die letzte gute, konventionelle, mehr oder weniger regelmäßige Einnahmequelle ist derzeit versiegt. Ob, wann und wie sie wieder zu sprudeln anfangen wird, steht in den Sternen. Doch davon hängt für hauptberufliche Autoren nun fast alles ab.

Untervergütung, Dumpingpreise, Flatrates, eine desaströse digitale Verwertung zwingen Autoren schon lange in die Knie. Bücher lohnen sich nicht für die, die sie schreiben, zumindest nicht finanziell. Das ist nichts Neues, das wissen Verlage, Lektoren, Vertriebler, Buchhändler, Agenten seit Jahren. „Der Markt gibt nicht mehr her“, ist das Totschlagargument seit Jahren. Diesem Mantra hat man sich ausgeliefert, es akzeptiert, weil es irgendwie funktioniert hat. Bis jetzt.

Das Buchbranchenkartenhaus droht zusammenzukrachen, so wie andere Kartenhäuser unserer Gesellschaft auch. Buchhandlungen sind geschlossen, der mächtigste Onlinehändler liefert vorzugsweise andere Waren aus, geplante Neuerscheinungen werden verschoben, Veranstaltungen fallen aus, die Absagen reichen aktuell bis in den Herbst hinein.

Ein Großteil der Autoren sieht in Zeiten von Corona nun kein Land mehr. Einfache Wahrheit: Die am Anfang der Verwertungskette stehen, springen als erste über die Klinge, Ausnahmen gibt es immer. Systemrelevanz wird nicht wertgeschätzt, das ist die simple, systemimmanente Wahrheit. Zu Recht regen sich die Leute in den sozialen Diensten über das Balkongeklatsche auf, so nett es auch gemeint ist. Immerhin können wir Autoren weiterschreiben, das zumindest bleibt. Und so gesehen sind wir mit dieser Kernkompetenz ganz am Ende dann doch wieder vorn, insofern wir durchhalten und noch Bock auf all das haben.

In den letzten Tagen haben wir häufig die Formulierung aus der Buchbranche gehört, man müsse jetzt „auf Sicht fahren“ – in Zeiten der Digitalisierung ist dies das größte, ärgerlichste Armutszeugnis überhaupt, es ist verantwortungslos den Wertschöpfenden gegenüber, doch die Formulierung beschreibt gut den Zustand, der seit Jahren beharrlich verteidigt wird. Also weiter auf Sicht fahren.

Gleichzeitig sehen wir aber auch, wie schnell es gehen kann mit den neuen Ideen (die so neu nicht sind). Etliche Schulen führen rasant digitale Formate und Konferenzsoftware ein. Datenschutz?  Ist doch jetzt egal! Plötzlich scheint einiges möglich, plötzlich ist da ein Pioniergeist, ein „Über-den-Tellerrand-Schauen“, eine trotz allem vorwärtsdrängende Stimmung. Ich wünschte, wir hätten dies in ruhigen Zeiten getan, hätten achtsam und mit der nötigen Besonnenheit umstrukturiert, hätten Abwehr gegen das Unbekannte ersetzt durch Neugier auf das Neue. Eine vernünftige Abwägung von Innovationsdruck, Sicherheit und Werten hätte längst stattfinden und auch umgesetzt werden müssen.

Doch hätte hätte muss nun vorerst zuhause bleiben.

Ich schreibe derweil weiter.

Gründung von METIS e.V.

„Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.“ Diesen Satz soll Bismarck mal gesagt haben. Das Zitat ist umstritten – und stimmt ohnehin nicht.

In Mecklenburg-Vorpommern wurden und werden digitale Vermittlungskonzepte für Unterricht und Freizeit umgesetzt, über deren grundsätzliche Bedeutung aus aktuellem Anlass gerade aufgeregt diskutiert wird.

Ich freue mich und bin stolz darauf, Gründungs- und Vorstandsmitglied von METIS e.V. und damit Teil eines anhaltend aufregenden Prozesses zu sein.

Mit meiner Mitstreiterin Katharina Lifson, Dozentin für medienpädagogische Vermittlungskonzepte, habe ich in den vergangenen Wochen so einiges gerockt: Wir haben am Konzept gearbeitet, die Webseite von METIS e.V. gebaut, Förderanträge geschrieben.

Alles war von langer Hand geplant, die intensive und lösungsorientierte Vorarbeit war geleistet und erreichte mit unserer Vereinsgründung einen ersten Höhepunkt im Januar 2020 und mit der Coronakrise im März 2020 dann eine drängende Bedeutung.

Auch vorher schon haben wir uns von Widerständen und Vorurteilen nicht beirren lassen und sind immer von der Notwendigkeit der Nutzung und Implementierung digitaler Formate in Bildung und Leseförderung überzeugt gewesen. Wir haben Diskussionen über das „Wie“ geführt, haben viele Bedenken ausgeräumt und uns auch der vorurteilsbehafteten und konservativen Diskussion um das „Ob“ gestellt. Zumindest letztere ist spätestens mit den aktuellen und gravierenden Veränderungen unserer Gesellschaft obsolet geworden.

Nun schauen wir auf erprobte digitale Konzepte, auf eine nachhaltige Infrastruktur, wertevermittelnde Inhalte und wichtige Kooperationspartner. Die notwendige Finanzierung steht: Unsere Formate werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Deutschen Bibliotheksverband gefördert.

Bereits diesen April starten wir mit unseren Online-Kursen, Online-Lesungen und vierwöchigen Web-Seminaren. Wir schreiben Romane um zu Drehbüchern mit dem Ziel einer Instagram-Inszenierung.

Neben Leseförderung und Medienpädagogik haben wir uns vieles auf die Fahnen geschrieben, vor allem aber das: Spaß an der Literatur, Spaß an Ideen und Innovation, Respekt vor der vielfältigen Lebenswelt junger Menschen – und Verantwortung im Sinne eines kreativen und bewussten Umgangs mit digitalen und sozialen Medien.

Schaut vorbei! Wir freuen uns auf euch.
Und wir freuen uns, wenn ihr diese Info teilt.
Ahoi aus Mecklenburg-Vorpommern.

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen