Dorit Linke, Berliner Autorin

Jenseits der blauen Grenze und Fett Kohle

Tag: Rechtsradikalismus

Herausragend: “Umkämpfte Zone” von Ines Geipel

Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt.


Vor dem Hintergrund der eigenen familiären und systembedingten Gewalterfahrung und angesichts des Verlustes ihres Bruders gelingt es Ines Geipel, ihre sehr persönliche Familiengeschichte so zu erzählen, dass diese Rückschlüsse auf die Identität der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Generationen zulässt. Eine unglaubliche Leistung.


Das Buch “Umkämpfte Zone” erinnert daran, die drängende Diskussion über die ostdeutsche Vergangenheit nicht erst ab 1989 zu führen, sondern viel früher damit zu beginnen, um die starken rechten Tendenzen und die Gewalt, die sich in Ostdeutschland unüberhörbar Bahn brechen, zu verstehen und ihnen begegnen zu können. Der rechte Hass, das Bekenntnis vieler Menschen zu AFD und Pegida teilen die “Generation Mauer” erneut, trotz des gleichen Hintergrunds und ähnlicher Erfahrungen. Woher kommt diese Lust an der Gewalt, diese “kollektive Angst” des Ostens, diese “Sehnsucht nach Zerstörung”?

Ines Geipel beleuchtet die Auswirkungen der Doppeldiktatur auf Ostdeutschland: Schweigen, seit 1945 und fortan über Generationen hinweg. Schweigen über Schuld, über Verbrechen, über Lähmung, über Unrecht, über die Abwesenheit von Mitleid, über Angst, über Fremdenhass und dem Hass auf das, was anders war – Kein 1968. Und alles vor dem Hintergrund des verordneten, entlastend wirkenden Antifaschismus – man war auf der richtigen Seite. Sie zeigt auf, dass nicht gesühnte Schuld und das Wissen der Autoritäten darum – vor allem in Kombination mit Privilegien – Menschen erpressbar machten, zu weiterem Unheil führten, zu noch mehr Verbrechen, zu noch größerer Angst. Und Ines Geipel verdeutlicht, wie Generationen in die Pflicht genommen wurden, dieses Schweigen – koste es, was es wolle – durch die Diktaturen zu tragen.

Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. Ich gehöre der Generation an, die mit dem Mauerfall volljährig war. Damals ist mir die Tragweite der Doppeldiktatur (das Wort gab es ohnehin nicht) im Hinblick auf meine Generation nicht in den Sinn gekommen, schließlich brachen wir auf in die neue und demokratische Welt, und alles war plötzlich gut, auch die Rückschau auf das “Davor”. Das war vielleicht naiv, angesichts der Brutalitäten, die wir aufgrund unserer späteren Geburt zwar nur kurz, aber auch erlebt hatten, oft in Form von übertragenen Ängsten, oft aber auch real. Auch die Kinder und Jugendlichen meiner Generation wurden den Autoritäten zum Fraß vorgeworfen, in die Hände der “Organe” übergeben, sobald sie rebellierten und /oder das Vermeidungsgerüst der Eltern und der Gesellschaft in Frage stellten – und damit deren Existenzberechtigung an sich. Hass war und ist die Folge. Menschen mit derartigen Erfahrungen suchen das Weite, verfallen in Schweigen oder radikalisieren sich vor Ort, alles geschehen nach 1989. Ergebnis: die Verwahrlosung ganzer Gebiete in Ostdeutschland, kulturell, politisch, humanistisch. Wenn wir Ostdeutschland erst ab 1989 erzählen, beginnen wir mit seinem Ende, nicht mit dem Anfang. All das verdeutlicht “Umkämpfte Zone” mit Logik und Empathie.

In den Brüchen offenbaren sich die Parallelen der beiden Diktaturen. Ein Satz im Buch, der die Nachkriegszeit 1945 beschreibt, zeigt dies auf einfache, frappierende Weise: “Es war eine Zeit der Personalfragebögen, der geschönten Zeugnisse, der Denunziationen und Legendenbildungen.” Dies lässt sich original auf die frühen 90er Jahre übertragen.

Eingebettet in ihr Erzählen findet Ines Geipel immer wieder prägnante, glasklare Sätze. “Ich möchte, dass die Wörter an der Stelle richtige Wörter sind. Wörter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen.”

Schwer auszuhaltende Sätze, wenn es um das Beschreiben von persönlich erlebter Gewalt geht. “Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und lässt sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Es bleibt, es bleibt da, es muss da bleiben.”

Da ist die Liebe zu ihrem Bruder. Sie nennt ihn ihren “Kernmenschen”, und wenn man das Buch liest, versteht man, warum. Es gibt diese Kernmenschen für uns, in jeder Epoche, in jeder Zeit – das versöhnt vielleicht ein wenig. “Was ich von den Sternen weiß, weiß ich von ihm.” Trauriger und schöner kann ein Mensch nicht Abschied nehmen.

Danke, Ines Geipel, für die richtigen Wörter, danke für dieses herausragende Buch.

Aus historischen Gründen tue ich mich schwer mit autoritär klingenden Sätzen, doch jetzt versuche ich einen: “Umkämpfte Zone” sollten alle Ostdeutschen lesen. Und dann darüber sprechen, mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern, mit ihren Kindern, mit ihren Freunden und Wegbegleitern.

Ines Geipel, Umkämpfte Zone, Mein Bruder, der Osten und der Hass.
Hier erhältlich: Klett-Cotta-Verlag

(Deutsch) “Wessis würden niemals nackig baden”

Das Studierendenmagazins “Moritz” der Universität Greifswald hat Grit Poppe und mich zum Thema Ost und West interviewt.

Constanze Budde hat Fragen gestellt zu Vorurteilen in der Nachwendezeit und ob die Kategorien Ost und West für die heutige jüngere Generation noch eine Rolle spielen sollten.

Der Artikel trägt den provokanten Titel “Wessis würden niemals nackig baden” – ein mittlerweile widerlegtes Vorurteil meiner Oma nach dem Mauerfall und der Invasion westdeutscher Badegäste in das Warnemünde der frühen 90er Jahre.

Hier ein Auszug:

Bald 30 Jahre liegt der Fall der Mauer zurück, doch die Diskussionen über Unterschiede in Ost- und Westdeutschland nehmen kein Ende. Wie wichtig ist es, die Vergangenheit aufzubereiten und wie zielführend die Verdeutlichung der Unterschiede für eine Generation, die nur ein Deutschland kennt? Das haben wir zwei (ost-)deutsche Autorinnen gefragt, Grit Poppe und Dorit Linke, die in ihren Jugendbüchern ein Stück DDR-Geschichte aufnehmen.

Denken Sie noch in Ost-/Westkategorien?

Grit: Nein.

Dorit: Erstaunlicherweise habe ich das nie, bzw. nicht lange. Seit den frühen 90er Jahren wohne ich in Berlin und habe so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands und der Welt kennengelernt, dass die Ost-West-Dimension für mich keine tragende Rolle mehr spielt. Für das Verständnis der heutigen Lage ist es jedoch wichtig, sich ernsthaft und intensiv mit den unterschiedlichen positiven als auch negativen Einflüssen zu befassen, denen die Menschen in den beiden deutschen Staaten nach 1945 ausgesetzt waren.

Sofern Sie jemals Vorurteile gegenüber “Wessis” hatten, welche waren dies? Welche haben Sie in ihrer Jugend gelernt, welche davon haben sich bestätigt bzw. widerlegt?

Grit: Ich hatte keine Vorurteile. In der Schule wurde der Westen als Klassenfeind dargestellt. In der Klasse eins bis drei haben Lehrer auch Ängste geschürt. Der Westen war »böse«, da gab es Mord und Totschlag, Obdachlose und Drogensüchtige wurde uns vermittelt. Als ich dann hörte, dass meine Großmutter in den Westen reist – als Rentnerin durfte sie das ja – habe ich mir Sorgen um sie gemacht, dass ihr dort etwas Schlimmes passieren könnte. Das war aber nur in der Zeit der Unterstufe so, später habe ich diese Greuelmärchen nicht mehr geglaubt.

Dorit: In der Zeit nach der Wende hat meine Oma immer gesagt: »Die Westdeutschen wissen alles und können alles, vor allem können sie viel quatschen. Außerdem sind sie verklemmt und würden niemals in Warnemünde nackig baden« Das Bild vom westdeutschen Alleskönner hat sich schnell korrigiert, als ich 1992 an der TU in West-Berlin mein Studium begonnen hatte. Bestätigt hat sich die Wortgewandtheit der Westdeutschen; ich saß in den Seminaren und staunte über die Selbstsicherheit der meisten meiner westdeutschen Kommilitonen. Ich selbst bekam den Mund nicht auf, aus Angst, etwas Falsches zu sagen.

Können wir in der »jüngeren« Generation einfach »gesamtdeutsch« sein? Wie soll »zusammenwachsen, was zusammengehört«, wenn uns durch Medien vom»unterentwickelten« Osten oder dem »überheblichen« Westen erzählt wird oder Statistiken über die prozentuale Verteilung des Namens »Ronny« erstellt werden?

Grit: Fragen darf man alles und sich selbst eine Meinung bilden. Am besten ist meines Erachtens der direkte Kontakt, das Gespräch und das Nachfragen, und falls man Geschichtliches erfahren möchte, empfehle ich die richtigen Bücher zu lesen und mit Zeitzeugen zu sprechen beziehungsweise ihnen zuzuhören – zum Beispiel bieten Gedenkstätten solche Gespräche an. Natürlich kann die jüngere Generation gesamtdeutsch sein, sollte sie sogar, die Einteilung in Ossis und Wessis hat sich für die nach ’89 Geborenen zum Glück erübrigt. Das bedeutet nicht, dass sie sich nicht mit der Geschichte beschäftigen sollten.

Dorit: Bei all den Diskussionen um Ost und West sollte man sich als junger Mensch vor Augen halten: Vorurteile sind dumm, doch elementare Unterschiede des Aufwachsens der Menschen gab es. Sie sind bis heute prägend. Für den Westteil Deutschlands endete die Diktatur 1945, im Ostteil dauerte sie in anderer Ausprägung bis 1989 an. Die Menschen im Osten waren 44 Jahre länger Angst, Einschränkung, systematischer Unterdrückung, Zensur und willkürlichen Autoritäten ausgesetzt, mit allen bekannten und wissenschaftlich belegten Folgen, auch für die heutigen Generationen im Osten und die, die nun im Westen leben. Die konservative Haltung »Nun muss es aber auch mal gut sein mit dem Thema Ost und West« ist unpassend und ignorant.

Mauerfall und Wende, in der gesamtdeutschen Erinnerung positiv besetzt, waren für viele Ostdeutsche in den mittleren Jahren eine traumatische Erfahrung, verbunden mit Entwertung ihrer Identität und Kultur, ihres Alltags und des Wissens. Ausbildungen und Berufe waren schlagartig nichts mehr wert, wurden nicht mehr gebraucht. Daneben fand eine Entwertung des Kapitals statt. Die meisten Menschen begannen 1990 bei Null, selbst wenn sie bereits 40 Jahre lang gearbeitet hatten. Der Anteil an Eigentum im Vergleich zum Westen war gering. Sie erlebten mit der Vereinnahmung durch westdeutsche Strukturen Machtlosigkeit, Kontrollverlust und Diskriminierung, was zu Sprachlosigkeit eines großen Anteils dieser Generation führte. Es blieb über Jahre das Gefühl der Stigmatisierung, was sich auf die nachfolgende Generation übertrug, die ebenso orientierungslos war, lediglich jünger, optimistischer und formbarer.

Diese (meine) Generation musste die Sprache wiederfinden, oft auch stellvertretend für ihre Eltern, die im neuen System nicht alle Fuß fassen konnten. Das war nun eine lange Liste negativer Brüche, es gab daneben unendlich viele positive Dinge, die aber in der generellen Überforderung nicht sofort positiv erfahrbar waren. Um nur einige zu nennen: Demokratie, Meinungsfreiheit, Mobilität, Toleranz, Vielfalt, Freiheit. Man muss für das Inanspruchnehmen dieser Werte Stärke haben, und die hatten viele Menschen nicht sofort, sondern mussten sie mit der Zeit entwickeln.

Die Menschen Ihrer jungen Generation können sich alle zusammen an einen Tisch setzen und über ihre jeweiligen subjektiven Eindrücke reden, ganz egal, ob sie aus Gelsenkirchen oder Pasewalk kommen. Und wenn Sie nun alle an diesem Tisch sitzen und über Ihren Wunsch nach einer „gesamtdeutschen“ Generation sprechen, wäre es fatal, in diese Überlegungen mit der Intention zu starten, dass es keine Ursachen für alle sichtbaren und gefühlten Unterschiede mehr gäbe.

Wenn darüber diskutiert wird, dass in der neuen Regierung beinahe ausschließlich Minister aus dem Westen vertreten sind, fühlen Sie sich als Ostdeutsche weniger vertreten/ übergangen, oder ist das für die tatsächliche »Ost-Politik« nicht wirklich relevant?

Grit: Na ja, mit Angela Merkel ist ja auch eine Ostfrau vertreten. Ich fühle mich eigentlich von keiner Partei vertreten im Moment. Ich vermisse die Inhalte der Bürgerbewegung ’89 – also eine Politik, in der Menschenrechte, Freiheit und Demokratie im Mittelpunkt stehen.

Dorit: Die ungleiche Verteilung der wichtigen, unsere Demokratie gestaltenden Stellen ist Ausdruck der eben ausgeführten Punkte. Mir persönlich ist es egal, wer das Richtige tut. Empfehlung an die Politik: Bringt Chancengleichheit und Perspektive zu den jungen Menschen im Osten, dann klappt es auch mit den Eltern wieder besser.

Braucht es (noch) eine Ost-Politik? Wie sollte sie idealerweise aussehen? Oder vertieft es eher die Gräben?

Dorit: Man sollte das Ansinnen nicht Ost-Politik nennen, sondern klarstellen, dass die Leistung gesamtdeutsch erbracht werden muss. Die vergangenen Wahlen zeigen, dass es bitter nötig ist, sich unter anderem auch mit den Fehlentwicklungen nach der Wiedervereinigung zu befassen. Es tut keiner Demokratie gut, wenn sich Menschen in ganzen Regionen von ihr verabschieden. Man sollte stattdessen über gemeinsame Werte und Ziele sprechen.

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