Dorit Linke, Berliner Autorin

Jenseits der blauen Grenze und Fett Kohle

Tag:

Die Friedliche Revolution in Rostock

Der Fotograf Roland Hartig hat im Herbst 1989 mutig und beherzt die Friedliche Revolution in Rostock fotografiert und dokumentiert.

Anfangs waren die Demonstranten aus Angst oder Unsicherheit nicht davon begeistert, dass jemand Fotos von ihnen anfertigte. Immer wieder hörte man Rufe wie “keine Fotos” oder “keine Stasi”. Man rechnete eher damit, von der Staatssicherheit überwacht zu werden als mit einem privaten Fotografen, der die historische Dimension begriff und festhalten wollte. Wie gut, dass sich Roland Hartig nicht von seinem Vorhaben hat abbringen lassen.

Entstanden ist eine einzigartige Chronik der damaligen Ereignisse in meiner Heimatstadt. Dafür sage ich – nach 30 Jahren – herzlich Danke!

Die Erklärungen zu den Fotos hat er ebenfalls verfasst.

Weitere Fotos folgen in den kommenden Tagen. Du möchtest darüber informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Das Spruchband „Zutrauen zur Zukunft – Neues Forum“ und der Schmetterling „Gewaltfrei für Demokratie“ sind die Erkennungszeichen der Donnerstagsdemonstrationen im Herbst 1989 in Rostock. Dabei trägt Stephan Mahlburg den bunten Butterfly stets voran, den er in der Tischlerei Riebe erschaffen hat. Heute schmückt das Werk sein Büro, von wo er als Sozialrichter agiert. Eine Kopie befindet sich in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Am 12. Oktober 1989 wird die zweite Fürbittandacht in Rostock auf Grund des großen Zulaufs von etwa 3000 Bürgerinnen und Bürgern in die Marienkirche verlegt. Vor der Kirche formiert sich eine Mahnwache.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Die friedliche Revolution in Rostock 1989, die neben den Demo-Hochburgen Leipzig und Berlin auch hier von den Kirchen ausging, nahm Anfang Oktober 1989 an Fahrt auf. So beginnt in der Rostocker Petrikirche am 5. Oktober um 20 Uhr die erste Fürbittandacht für inhaftierte Leipziger Demonstranten. Mehr als 500 Menschen kommen. Die Umweltgruppe der Petri-Nikolai-Gemeinde hat die Andacht initiiert. Zudem wird in den Rostocker Kirchen ein Schreiben mit dem Titel „Aufbruch 89 – Neues Forum“ verteilt. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Nach dem Donnerstagsgottesdienst am 19. Oktober 1989 formiert sich die erste „Donnerstagsdemo“ ausgehend von der Marienkirche und Petrikirche mit mehreren tausend Teilnehmern. Die Beteiligung an den Demonstrationen wächst von Woche zu Woche.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Die Marienkirche entwickelt sich zum Zentrum der Herbstbewegung in Rostock. Am 19. Oktober 1989 fanden erstmals Andachten in mehreren Kirchen statt. Sie stehen unter dem Motto: „Gottesdienst für gesellschaftliche Veränderungen“. Pastor Joachim Gauck hält in der Marienkirche eine Predigt, Stadtjugendpfarrer Jochen Schmachtel verliest die entsprechende in der Petrikirche. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Auch das Spruchband „Rostock – gewaltfrei für demokratische Zukunft“ manifestiert das Ziel der Herbstbewegung. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Das Neue Forum – im Herbst 89 die politische Hauptkraft der DDR Reformbewegung – fordert nicht nur Freie Wahlen. Auch die Zulassung von demokratischen Parteien, Reisefreiheit, Pressefreiheit und die Abschaffung der „Diktatur des Proletariats“ standen auf dem Forderungskatalog der oppositionellen Bewegung. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

„Mit einem Pass kauft Ihr uns nicht“ – Faktisch traut hier keiner mehr den SED-Oberen, die mit dem Wink der Reisefreiheit die DDR retten wollen. Das kommt bei zahlreichen Bürgern nicht mehr an, die bereits auf Pro deutsche Einheit eingestellt sind. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

November und Dezember 1989: Demonstranten stellen immer wieder Kerzen vor dem Rathaus (Foto), Haus der Armee und vor dem Gebäude der MfS-Bezirksverwaltung in der August-Bebel-Straße auf. Stets in friedlicher Absicht, ganz im Sinne von gewaltfrei für Demokratie.

Weitere Informationen zu Roland Hartig und seiner Arbeit findet ihr hier: http://www.rostock-1989.de/

Interview im Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution

Saskia Geisler von lies-geschichte hat mich interviewt, vielen Dank dafür!

Wir reden über Schreibprozesse und Recherche, über Fiktion und Realität, über die Bedeutung von Zeitzeugen und die Notwendigkeit von politischer Bildung, über persönliche Haltung und unsere Verantwortung im Heute, was die politisch-historische Vergangenheitsaufarbeitung und deren Vermittlung an die Jugend betrifft.

Außerdem gebe ich Einblicke in meine literarischen Vorhaben. Würd mich freuen, wenn ihr hier mal reinschaut.

„Ich denke mir ja nicht ein Raumschiff aus, das irgendwo landet.“
Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Du möchtest informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

Kreative, kluge Ergebnisse – Schreibworkshop “Schule in der Diktatur”

Wie wirken sich diktatorische Systeme auf Menschen, auf ihr Denken und damit auf die Sprache aus?

Das war unter anderem Thema des Schreibworkshops „Schule in der Diktatur“, der Anfang September 2019 in einer Rostocker Schule stattgefunden hat und – angelehnt an den Roman „Jenseits der blauen Grenze“ – von der Flucht zweier Jugendlicher aus der DDR über die Ostsee erzählt.

Die Jugendlichen erarbeiteten Merkmale einer diktatorischen Sprache und diskutierten darüber, wie sich diese von der Sprache der Demokratie unterscheidet. Sie verfassten eigene Texte, wechselten Perspektiven und Zeitformen, verorteten Romanszenen in die heutige Zeit und untersuchten, wie sich diese in Sprache, Handlung und Gefühlen unterscheiden würden.

Sie äußerten ihre Eindrücke nach dem Lesen von Zeitzeugenberichten, versetzten sich in konkrete damalige Lebenssituationen und schrieben über ihre Gedanken und Empfindungen, die sie dabei hatten. Welche Jugendsprache wurde in den 80er Jahren in der DDR verwendet, welche Wörter finden wir heute noch in unserem Sprachgebrauch?

Wir behandelten das Thema Schule in der DDR, den Alltag der Menschen und ihre Erfahrungen in diesem System, sprachen dabei über Zensur und über die Schere im Kopf.

Herzlichen Dank an Dr. Katrin Möller-Funck (Kempowski-Archiv) und Juliane Foth (Literaturhaus Rostock) für die Möglichkeit, dass ich diesen Workshop gestalten und in meiner Heimatstadt Rostock durchführen konnte. Herzlichen Dank an die Lehrer*innen und Schüler*innen der Werkstatt-Schule Rostock für das Interesse an diesem Projekt und die tolle und inspirierende Zeit!

Die Jugendlichen ließen sich erstaunlich gut auf dieses doch recht schwere Thema ein, hatten oft überraschende Ideen und entwickelten diese weiter, wechselten die Perspektive, gingen sprachlich neue Wege und waren sehr offen für die Berichte von Zeitzeugen, die in unsere Arbeit eingeflossen sind. Das war für mich eine schöne Erfahrung. Danke dafür!

Nun lasse ich Bilder, Texte und Zitate der Jugendlichen sprechen.

Sie sind Lehrerin oder Lehrer und finden das Thema wichtig und interessant? Sie planen eine Projektwoche? Bitte kontaktieren Sie mich über dieses Formular.

Sie möchten informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

Ihr Name (Pflichtfeld)

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Betreff

Ihre Nachricht

Premierenlesung “Wir sehen uns im Westen”

Am 28. August fanden sich mehrere Klassen aus Tempelhof im Literaturhaus Berlin zur Premierenlesung aus “Wir sehen uns im Westen” ein – und das bei über 30 Grad im Schatten!

“Wir sehen uns im Westen”
von Dorit Linke, erschienen im Carlsen Verlag

Es war toll, in diesem schönen Haus zu lesen und das Interesse der Schülerinnen und Schüler am Zeitgeschehen zu erfahren. Wir sprachen über die Teilung von Berlin, über die “Geisterbahnhöfe”, über Punks im Osten und über die gute Entscheidung mancher Menschen, in der Nacht vom 9. November 1989 wach geblieben und auf die Straße gegangen zu sein.

Stefanie Ericke-Keidtel vom Jungen Literaturhaus hat die Veranstaltung organisiert und einen wunderbaren Rahmen dafür bereitet; die Autorin und Journalistin Kathrin Köller moderierte die Lesung und führte die Jugendlichen in die Thematik ein. Wir alle erlebten einen spannenden und lebendigen Vormittag, sprachen über den Mauerfall und darüber, wie ihn die Menschen erlebt hatten.

Neugierig auf das Buch? Na dann: hier klicken

Und wie ging die ganze Sache aus? Mein Bruder Bert, der extra zur Premierenlesung von Stralsund nach Berlin gekommen ist, hat auf dem Rückweg spontan ein paar Hiker mitgenommen und diese nach Szczecin gefahren. Es gibt sie, die guten Menschen.

Wir sehen uns also im Osten, Bruderherz. Am Ende dann doch, denn da gehören wir hin.

Du möchtest informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

Interesse am Buch? Na dann: hier klicken


30 Jahre Mauerfall – Das Ende des Jugendwerkhofs Torgau

Im Jugendwerkhof Torgau, einem früheren Gefängnis, wurden zu Zeiten der DDR über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren willkürlich und ohne richterlichen Beschluss zu Umerziehungsmaßnahmen eingewiesen und waren dort militärischem Drill, Isolation und Misshandlungen ausgesetzt. Die meisten Jugendliche zerbrachen an ihrer Verzweiflung, manche sahen keinen Ausweg und nahmen sich das Leben.

Im Zuge der friedlichen Revolution im November 1989 wurde der Jugendwerkhof vom Ministerium für Volksbildung überstürzt aufgelöst und die sofortige Dokumentenvernichtung angeordnet.

Meine Kurzgeschichte erzählt aus der Sicht eines Erziehers und zeigt den Zynismus, der im Umgang mit unangepassten Kindern und Jugendlichen in der DDR vorherrschte.

Im anderen Licht – von Dorit Linke

Gestern kam der Anruf aus dem Ministerium. Wir sollen die Jugendlichen in ihre Stammeinrichtungen zurückführen und alle Dokumente vernichten.

Kurt, der schräg vor mir sitzt, ist eifrig dabei. Obwohl wir ihn nicht darum gebeten haben, erläutert er uns die Situation. Wir verbrächten die Nacht nur deshalb hier, weil sich auf dem Alexanderplatz ein paar Uneinsichtige und vom Westen Aufgestachelte zusammengerottet und den Wunsch nach freien Wahlen geäußert haben.

Ich höre seinem Geschwätz nicht zu. Eine Seite nach der anderen zerreiße ich und stopfe die Schnipsel in schwarze Säcke, die ich auf den hell erleuchteten Flur trage, vorbei an ungewohnt leeren Regalen. Obwohl auch in anderen Räumen gearbeitet wird, ist es still im Haus.

Mir gegenüber wühlt sich Monika durch einen Haufen Papier. Fortwährend streicht sie ihre grüne Bluse glatt und sieht hinaus in die Dunkelheit. Sie ist nervös, weil sie den Zweck unserer Arbeit aus den Augen verliert. Lies nicht alles, was dir in die Hände fällt, ermahne ich sie, doch sie beachtet mich nicht. Auf die Art werden wir nie fertig.

Sven M., geboren am 28.3.1972. Mitteilung an die Eltern, dass ihr Sohn mit Genehmigung des Ministeriums für Volksbildung in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt wurde. Er blieb fast sechs Monate. Nach seiner Ankunft heulte er jeden Tag, doch die Jungen seiner Gruppe machten ihm schnell klar, was sie von seinem Gejammer hielten. Erziehung im Kollektiv ist ein wirksames Mittel.

Kurt erklärt uns gerade, warum die Anderen unsere Arbeit nicht verstehen werden. Wen meinst du damit, frage ich leise. Der Klang meiner Stimme warnt ihn. Nun ja, entgegnet er, wirft eine leere Akte auf den Boden und greift zum nächsten Schriftstück. Sein unordentlicher Arbeitsplatz spricht für sich. Keine Linie, keine Besonnenheit. Doch auch die Verantwortlichen im Ministerium sind in Eile. Offenbar kommt den Genossen nicht in den Sinn, dass unsere Aktion bei Nacht und Nebel wie ein Schuldeingeständnis wirkt.

Jochen F., geboren am 15.4.1974, uneinsichtig und provokant. In der Werkstatt aß er Nägel, weil er annahm, wir würden ihn ins Krankenhaus bringen. Für solche Fälle braucht man keinen Arzt. Wir gaben ihm Sauerkraut und steckten ihn in die Arrestzelle. Er hat die ganze Nacht gebrüllt vor Schmerzen.

Kurt fragt in das schlecht gelüftete Zimmer, was wohl die westdeutsche Presse zu unserer derzeitigen Tätigkeit sagen wird. Monikas Züge frieren ein. Das halbdurchrissene Foto einer langhaarigen Jugendlichen schwebt zwischen ihren Händen.

Die Haare schneiden wir grundsätzlich runter auf zwei Millimeter. Den Jungen macht das kaum etwas aus, abgesehen von den Hippies und den Punks. Die Mädchen heulen und die Skinheads verhöhnen uns, weil die Maßnahme für sie überflüssig ist. Natürlich werden die Opportunisten der Bildzeitung über uns hetzen. Das bedeutet überhaupt nichts.

Dennoch werde ich wütend bei der Vorstellung, wie ein weichgespülter westlicher Pädagoge, der noch nie etwas von Makarenko und den Normen des sozialistischen Zusammenlebens gehört hat, unsere Erziehungsmethoden beurteilt. Wie soll er in seiner dekadenten Welt etwas von Disziplin wissen. Er verbreitet die groteske Idee der antiautoritären Erziehung und predigt Egoismus. Was dabei herauskommt, sehen wir jeden Tag im Fernsehen. Schund, Arbeitslosigkeit, Elend. Die Menschen, die nun wie Schafe blöken, dass sie das Volk seien, sind sich nicht darüber bewusst, welche Geister sie rufen.

Soeben kam wieder ein Anruf, dieses Mal vom Rat des Bezirkes. Die ganze Hierarchie wird jetzt durchlaufen. Die Genossen erkundigen sich nach unseren Fortschritten. Kurt und ich holen neue Akten aus dem Nachbarzimmer. Monika sitzt steif auf ihrem Stuhl und rührt sich nicht.
Du arbeitest zu langsam, sage ich.

Ohne mich anzusehen steht sie auf und geht zur Tür. Als sie weg ist, zwinkert Kurt mir zu, als hätten wir etwas gemein. Ich reagiere nicht. Fahrig nimmt er seine winzige Brille ab und putzt sie umständlich. Dann beugt er sich über seinen Schreibtisch.

Monika kehrt zurück und berichtet, dass der Jugendliche, der bis eben unten im Fuchsbau war, die Zelle nicht verlassen will. Da Kurt sich benimmt, als hätte er nichts gehört, ruhen ihre Augen auf mir. Er kann vermutlich nicht laufen, sage ich und stopfe Papierreste in den Sack.

Erschüttert dreht sie sich weg. Ihre Fassungslosigkeit ist nur Theater. Sie weiß ebenso wie ich, dass jeder das fensterlose Kabuff, das zu klein zum Liegen oder Stehen ist, verstört verlässt. Man verliert die Orientierung, oben, unten, rechts und links gibt es da drin nicht mehr. Letztes Jahr hat mich ein Jugendlicher, der vierundzwanzig Stunden im Fuchsbaus gewesen war, nach seinem Namen gefragt. Dieser Zustand ist hart, aber zweckmäßig. Er erhöht die Bereitschaft zur Umerziehung.

Kurt geht hinaus auf den Flur. Monika folgt ihm, weil sie nicht mit mir allein sein möchte. Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Die nächste Akte ist umfangreich, oben auf der letzte Eintrag. Vorkommnismeldung: Am 29.4.1988 wurde Patrick B., 1971 in Jena geboren, um 17.25 vom Erzieher in der Isolierzelle erhängt aufgefunden. Die Mutter des Jugendlichen wurde vom Direktor des Jugendwerkhofes persönlich über den Tod ihres Sohnes informiert.

Die Tür öffnet sich wieder. Kurt und Monika stellen Kaffeebecher und Kekse auf den Tisch und diskutieren die aktuelle Direktive des Ministeriums. Das Gebäude soll so umgebaut werden, dass es nicht mehr den Eindruck eines Gefängnisses vermittelt. Monika verzweifelt an der absurden Anweisung der Genossen, trinkt hastig und verbrüht sich. Kaffee spritzt auf eine Akte aus dem Jahre 1981.

Drei Meter hohe Mauern, Suchscheinwerfer, Wachhunde, an den Eckpunkten Wachtürme, vergitterte Fenster und Türen. Unwillkürlich lächle ich, als ich mich frage, wie man sich im Ministerium die Metamorphose zu einem Erholungsheim denn vorstellt.

Dir macht das alles überhaupt nichts aus, fährt mich Monika an. Vor allem ihr Ton überrascht mich. Ich mache mir Sorgen um meinen Mann, verkündet sie. Der ist Major bei der Volksarmee und seit Wochen in Gefechtsbereitschaft.

Soll er gefälligst seine Pflicht tun, sage ich.
Sofort fällt Monika in sich zusammen. Es könnte Bürgerkrieg geben, flüstert sie.

Endlich mal ein vernünftiger Gedanke. Ich wundere mich über das lange Zögern unserer Regierung. Schleunigst Panzer auf die Straße, dann hat auch das blöde Rumgerenne mit den Kerzen ein Ende.

Die Genossen wissen, was zu tun ist, beschwichtigt sie Kurt.
Da bin ich mir nicht sicher. Ich vermeide es, ihn anzusehen. Noch kann er sich nicht entscheiden, wovor er eigentlich Angst hat, charakteristisch für Menschen ohne festen Standpunkt. Er fürchtet sich vor der Partei, vor dem Westen, vor den selbsternannten Menschenrechtlern. Und vor mir.

Udo M.: fünf Tage Arrest wegen Ungehorsam und hartnäckigem Lügen. Beim morgendlichen Sport behauptete er, Knieschmerzen zu haben. Es war Kurt, der dem Jugendlichen sein Schlüsselbund solange ins Gesicht schlug, bis dieser endlich sein Soll erfüllte. Ich fühle mich beobachtet und sehe auf.
Monika starrt mich an. Warum ich Erzieher werden wollte, fragt sie.

Ich zerfetze mehrere Seiten, ziehe den nächsten Ordner heran und öffne ihn unachtsam. Fotos der Jugendlichen häufen sich vor mir, einige gleiten hinunter auf den Boden. Die Jahrgänge geraten durcheinander. Mein Puls steigt. Ich bevorzuge exaktes Arbeiten.

Kurt setzt sich in Position. Fragst du dich nicht auch, ob wir nicht zu hart zu den Kindern waren? Dass ausgerechnet er von mir eine Stellungnahme erwartet, ist eine Unverschämtheit.

Es erscheint nun vieles in einem anderen Licht, sinniert Monika. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen und verliere einen Moment die Fassung. Wie das, frage ich, reflektiert das Licht plötzlich anders als vor ein paar Tagen?
So meinen wir das doch nicht, entgegnet Kurt herablassend.
Aha, der ehemalige Physiklehrer, ereifert sich Monika.

Ich habe genug von den Mätzchen, stehe auf und trete zum Fenster. Erst jetzt nehme ich den Kaffeegeruch wahr, der im Raum hängt.
Einige Jugendliche laufen im blauen Licht der Dämmerung über den Hof. Sie tragen ihre Zivilkleidung, haben den Werkhofsanzug abgelegt. Ein Junge schiebt seine Hände in die Taschen und schaut am Haus empor. Ich sehe seinen Atem. Es ist kalt für Anfang November.

Vermutlich denkt er an seine Ankunft in Torgau, an das Ende seiner Illusionen. Als er mich sieht, senkt er sofort seinen Kopf und geht auf das schwere Eingangstor zu. Man wird ihm falsche Ideale auftischen und unsere unvollendete Arbeit mit Füßen treten.

Den neuen Menschen erschafft man nicht über Nacht.

Hinter mir arbeiten Monika und Kurt mechanisch, haben einen Rhythmus gefunden. Die Stille, die vom Geräusch reißenden Papiers strukturiert wird, ist wohltuend, mein Puls wieder gleichmäßig.

Am Tor zögert der Junge und bleibt stehen. Hilflos sieht er sich um. Schon jetzt findet er sich nicht mehr zurecht.

Er tut mir nicht leid.
Es ist mir egal, was aus ihm wird.
Sollen die Elemente, die nun aus ihren Löchern kriechen, sich über ihn den Kopf zerbrechen.

Quelle: picture alliance / dpa


„Schule in der Diktatur“ – Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung

Dieses Projekt richtet sich an Rostocker Schülerinnen und Schüler der 8. Klassenstufe. Bündnispartner sind der Friedrich-Bödecker-Kreis, das Kempowski Archiv Rostock und das Literaturhaus Rostock.

Rostocker Schulen können Schreib-Werkstatttage mit Lesungen, Stadtrundgängen und Textarbeit wahrnehmen. Es werden Romane des bekannten Rostocker Autors Walter Kempowski und mein Roman „Jenseits der blauen Grenze“ betrachtet. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die Diktatur des Dritten Reichs und die der DDR auf Schulalltag und Sprache ausgewirkt haben.

Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten typische Merkmale einer diktatorischen Sprache und untersuchen Texte, welche die Lebenswelten der DDR bzw. die des Dritten Reichs darstellen. Sie sollen nach diesen Werkstatttagen in der Lage sein, die Sprache einer Diktatur von der Sprache einer Demokratie zu unterscheiden. Außerdem werden sie die Bedeutung von Zeitzeugenberichten erkennen und für ein tolerantes Miteinander sensibilisiert.

Sie sind interessiert und haben Fragen? Sie kennen eine Schulklasse, die für dieses Projekt in Frage käme?
Hier: https://diktatur-in-der-schule.de/ finden Sie ausführliche Informationen zum Projekt und die Kontakte zum Literaturhaus Rostock und zum Kempowski-Archiv. Sie können mich natürlich auch gern direkt anschreiben: info@dorit-linke.de

Schreibworkshop “Schule in der Diktatur”

Nächste Woche startet in Zusammenarbeit mit dem Kempowski-Archiv und dem Literaturhaus Rostock der Schreibworkshop “Schule in der Diktatur” in meiner Heimatstadt Rostock.

Mit den Schülerinnen und Schülern spreche ich über die Auswirkungen eines diktatorischen Systems, u.a. auf die Sprache. Wir reden über Zensur und Propaganda und über die Schere im Kopf. Können die Gedanken trotzdem manchmal frei sein? Oder ist das eine Illusion?

Gemeinsam werden wir die Merkmale einer diktatorischen Sprache erarbeiten, eigene Texte dazu verfassen und darüber diskutieren, wie sich eine autoritäre von der Sprache der Demokratie unterscheidet. Ein wichtiges, hochaktuelles Thema, für das junge Menschen sensibilisiert werden müssen.

Ich bin sehr gespannt. Herzlichen Dank an Dr. Katrin Möller-Funck (Kempowski-Archiv) und Juliane Foth (Literaturhaus Rostock) für die Möglichkeit dieser Arbeit.

Und nach dem Unterricht werde ich dann wie früher an den Strand fahren. Ist doch klar, oder?

Online-Live-Interviews und Lesungen

Vom Schreibtisch ins Klassenzimmer
Oder: Der Blick über den Tellerrand

Für den fächerübergreifenden Schulunterricht biete ich Onlinelesungen live und Fachinterviews zu den Themen DDR-Diktatur, Schule, Aufwachsen in der DDR, Leben und Alltag in der Diktatur, Sport in der DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung an.

Das Angebot richtet sich an Schulklassen, die kurzfristig eine Live-Online Lesung oder ein themenbezogenes Gespräch für den Unterricht buchen möchten, vor allem aber auch an internationale Schulen im Ausland, für die eine Lesung vor Ort aufgrund der Entfernung nicht realisierbar wäre.

Die Interviews sind natürlich auch auf Englisch möglich.

Termine gibt es hier

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen