Wie man weiterlebt

Wie man weiterlebt

Saturday August 15th, 2026 Off By Dorit Linke

Rezension von Jan Groh

Da ist es nun also, das Buch, auf das ich mich wie auf kaum ein anderes in diesem Jahr gefreut habe: Dorit Linke – „So leicht kommen wir nicht davon“

Die rund 220 Seiten lange Geschichte (plus ein paar lesenswerte Anhänge) ist eine Art Fortsetzung von Linkes fantastisch berührendem Roman „Jenseits der blauen Grenze“ – und doch ganz anders. Erzählt wird die Geschichte wieder von der gebürtigen Rostockerin Hanna Klein, also der jungen Frau, die in „Jenseits der blauen Grenze“ mit Ihrem Freund über die Ostsee schwimmend aus der DDR zu fliehen versuchte, 50 km weit durch Wellen, Verlorenheit und Erinnerungen an die Schulzeit in Rostock.

So leicht kommen wir nicht davon

Nur Hanna überlebte mit letzter Kraft den Fluchtversuch und wurde schließlich dicht vor Fehmarn von einem kleinen Segelboot aus dem Wasser gezogen. Genau in diesem Moment setzt die Erzählung in „So leicht kommen wir nicht davon“ an. Linke erzählt uns aus Hannas deutlich gereifter Perspektive als am Ende knapp 30-jährige Frau in Rückblenden, wie es weiterging, was im Osten Deutschlands geschah und wie Hanna am Ende überlebt. Denn, das wird bald klar, es war Hanna selbst, die die Verbindungsschnur zu Andreas am Ende durchschnitt und ihn ertrinkend auf der Ostsee zurückließ.

Obwohl schon auf den ersten Seiten bzw. „Tagen“ im Westen ein neues Leben für Hanna bei einer Tante in Bremen beginnt und das Schwimmen, das „Jenseits der blauen Grenze“ durchtränkt, nur noch ein einzige Mal länger erwähnt wird, ist damit vorgegeben, worum es in Linkes neuem Buch geht: um das Trauma von Andreas Tod und wie Hanna trotz ihrer tiefen Schuldgefühle weiterlebt.

Wie Linke dieses sehr schwierige Thema über zehn erzählte Jahre entwickelt und zu einem für alle Empathie begabten Leser:innen zu einem ebenso existentiellen wie tränendurchströmten Abenteuer um Leben und Tod macht, sucht seines Gleichen und ist nicht weniger grandios als die Schilderung der Flucht über die Ostsee in „Jenseits der blauen Grenze“. Linke macht die vielen Aufs und Abs, Fort- und Rückschritte von Hannas Heilungsprozess so greif- und spürbar, wie kein mir bekanntes Buch zuvor.

Hanna ist am Anfang – natürlich – noch immer die siebzehnjährige Schülerin, die Leser:innen aus der „blauen Grenze“ kennen. Ihre Tante holt sie auf Fehmarn ab und nimmt sie zu sich nach Bremen. Doch schon dort, noch immer auf den ersten Seiten des Buchs, merkt man, dass Hanna eine andere geworden ist. Die Hanna, die nur wenige Tage zuvor im Sommer 1989 zur Flucht aus der DDR aufgebrochen ist gibt es nicht mehr. Jene Hanna, die fast nicht ohne ihre Freunde Andreas und Sachsen-Jensi gedacht werden konnte, ist nun still, zurückgezogen, nachdenklich und einsam. Irgendwann bemüht sie sich zwar kurz um ihre Integration in der neuen Heimat, einmal sogar für einen kurzen Augenblick erfolgreich, doch im Grunde versteht niemand, was mit ihr los ist – sie selbst eingeschlossen. Nachdem sie den mit seinen Eltern schon einige Zeit vorher aus der DDR ausgereisten Sachsen-Jensi wiedersieht und sich das Treffen merkwürdig falsch und entfremdet anfühlt, wird es sehr dunkel um Hanna.

Doch die Freundschaft zu dem wegen Andreas’ Tod selbst verzweifelten Jensi ist nur verschüttet gewesen. Als im Herbst 1989 die Mauer fällt, reisen die beiden nach Rostock. In einem furchtbaren Augenblick trifft Hanna dort erst auf Andreas’ verzweifelte Mutter, später auf Andreas’ lieblosen Vater und bekommt die Vorwürfe um die Ohren gehauen, die sie selbst seit der Ankunft auf Fehmarn quälen und die Teil ihres eigenen Traumas sind.

Später treffen wir Hanna im äußersten Nordwesten Schottlands auf der Insel Skye, auf der sie heimisch werden will. Noch immer sucht sie nach Menschen, die wenigstens erahnen können, was die Flucht über die Ostsee für sie bedeutet – und sie wird in mehrfacher Hinsicht fündig. Hier weitet Linke den Blick und zeigt, dass Hannas Geschichte nicht nur eine deutsch-deutsche, sondern eine viel allgemeinere über Menschlichkeit, Schuld und Leben und sogar über Freiheit und Demokratie ist. Ganz langsam lösen sich bei Hanna die Selbstvorwürfe über den Tod von Andreas und wächst daraus eine sehr klare Verpflichtung, für sich und für die Rechte aller Menschen einzustehen. Auch das schildert Linke packend, nie theoretisierend und extrem realistisch, etwa als Hanna in das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen gerät und auch in anderer Hinsicht beschreibt, wie Hanna zu ihrer wahren Identität findet und man am Ende erkennt, wie stark diese anfangs gebrochen wirkende junge Frau geworden ist. Ein wacher Friede kehrt in sie ein. Ein Frieden, der niemals vergessen wird, was geschehen ist, ein Friede, der Andreas nicht vergessen wird und nicht, wie furchtbar und tödlich eine Jugend in der DDR sein konnte oder wer wirklich die Schuld an Andreas‘ Tod trägt.

„So leicht kommen wir nicht davon“ ist ein aufwühlendes und äußerst fesselndes Buch. Dass es als Jugendbuch tituliert wird, scheint eher der Tatsache geschuldet zu sein, dass der Arena Verlag nun mal auf solche Bücher spezialisiert ist, als der Sprache oder der Thematik, die mit vollem Recht auch jeden Erwachsenen ansprechen. Aber natürlich ist das Buch für Jugendliche sehr zu empfehlen, gerade für ältere unter ihnen, die bereits auf dem Weg in ihr eigenes Leben sind. Was Dorit Linke mit ihren Büchern über Hanna gelungen ist, sind Erzählungen, die sich im Grunde an jeden suchenden Menschen wenden, gleichgültig ob „jugendlich“ und „erwachsen“.

Wer einen Blick auf die DDR werfen will, wie sie von heranwachsenden Menschen erlebt wurde, wird von „Jenseits der blauen Grenze“ auf einen Ausflug in eine reale Vergangenheit getragen, dessen Folgen in „So leicht kommen wir nicht davon“ in aller Deutlichkeit gezeigt und bis hinein in die vergangenheitsvergessenen Lügen und den Selbstbetrug der aktuellen ostdeutschen Bundesländer führt. Und wer sich als Erwachsener mit der Wirklichkeit der DDR befassen und verstehen will, was an diesem Staat auch jenseits der Stasi so erstickend war, den führt Linke vor den Terror und die nackte Unmenschlichkeit der Vergangenheit, die eben bei weitem nicht bei Stasiund Mauerschützen zu Ende war, sondern tief die Gesellschaft durchdrang. Und so entlarvt Linke auch, ohne ihn direkt ansprechen zu müssen, den so oft praktizierten Selbstbetrug der Nachwendezeit und der Gegenwart.

Beide Bücher sind eine unbedingte Empfehlung für jeden, der nicht nur ein paar Zahlen und Fakten über die deutsch-deutsche Vergangenheit erfahren will, sondern wissen möchte, wie es sich angefühlt hat, in dieser Zeit zu leben. Ich kenne kein anderes Buch, das klarer, tiefer und realistischer die Wirklichkeit der DDR beschreibt. Und auch jedem, der sich eine eigene Meinung zur heutigen Ost-Deutschland bilden will, seien die beiden Bücher von Dorit Linke ans Herz gelegt.

Es gibt nichts Besseres.

Jan Groh ist Autor und Verleger

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