Dorit Linke, Berliner Autorin

Jenseits der blauen Grenze und Fett Kohle

Category: Page 1 of 4

Auf Sicht fahren – Geht’s noch?

Eine Haltung prägte die letzten Jahrzehnte der Buchbranche: „Wir versuchen es auf unsere Art, so lange es eben geht. Und wenn es nicht mehr geht, dann übernehmen die, die es können.“ Mit dieser innovationsfeindlichen Verhaltensweise wurde dem Neoliberalismus Tür und Tor geöffnet. Und er hat mittlerweile übernommen. Eine steile These? Schauen wir uns mal die aktuelle Wirklichkeit an.

Wie oft habe ich den vergangenen Wochen von Autoren, die nicht „nur“ zwei, drei Bücher (immerhin!), sondern weit mehr veröffentlicht haben, gehört: „Ohne Lesungen kann ich nicht weitermachen“.  Die letzte gute, konventionelle, mehr oder weniger regelmäßige Einnahmequelle ist derzeit versiegt. Ob, wann und wie sie wieder zu sprudeln anfangen wird, steht in den Sternen. Doch davon hängt für hauptberufliche Autoren nun fast alles ab.

Untervergütung, Dumpingpreise, Flatrates, eine desaströse digitale Verwertung zwingen Autoren schon lange in die Knie. Bücher lohnen sich nicht für die, die sie schreiben, zumindest nicht finanziell. Das ist nichts Neues, das wissen Verlage, Lektoren, Vertriebler, Buchhändler, Agenten seit Jahren. „Der Markt gibt nicht mehr her“, ist das Totschlagargument seit Jahren. Diesem Mantra hat man sich ausgeliefert, es akzeptiert, weil es irgendwie funktioniert hat. Bis jetzt.

Das Buchbranchenkartenhaus droht zusammenzukrachen, so wie andere Kartenhäuser unserer Gesellschaft auch. Buchhandlungen sind geschlossen, der mächtigste Onlinehändler liefert vorzugsweise andere Waren aus, geplante Neuerscheinungen werden verschoben, Veranstaltungen fallen aus, die Absagen reichen aktuell bis in den Herbst hinein.

Ein Großteil der Autoren sieht in Zeiten von Corona nun kein Land mehr. Einfache Wahrheit: Die am Anfang der Verwertungskette stehen, springen als erste über die Klinge, Ausnahmen gibt es immer. Systemrelevanz wird nicht wertgeschätzt, das ist die simple, systemimmanente Wahrheit. Zu Recht regen sich die Leute in den sozialen Diensten über das Balkongeklatsche auf, so nett es auch gemeint ist. Immerhin können wir Autoren weiterschreiben, das zumindest bleibt. Und so gesehen sind wir mit dieser Kernkompetenz ganz am Ende dann doch wieder vorn, insofern wir durchhalten und noch Bock auf all das haben.

In den letzten Tagen haben wir häufig die Formulierung aus der Buchbranche gehört, man müsse jetzt „auf Sicht fahren“ – in Zeiten der Digitalisierung ist dies das größte, ärgerlichste Armutszeugnis überhaupt, es ist verantwortungslos den Wertschöpfenden gegenüber, doch die Formulierung beschreibt gut den Zustand, der seit Jahren beharrlich verteidigt wird. Also weiter auf Sicht fahren.

Gleichzeitig sehen wir aber auch, wie schnell es gehen kann mit den neuen Ideen (die so neu nicht sind). Etliche Schulen führen rasant digitale Formate und Konferenzsoftware ein. Datenschutz?  Ist doch jetzt egal! Plötzlich scheint einiges möglich, plötzlich ist da ein Pioniergeist, ein „Über-den-Tellerrand-Schauen“, eine trotz allem vorwärtsdrängende Stimmung. Ich wünschte, wir hätten dies in ruhigen Zeiten getan, hätten achtsam und mit der nötigen Besonnenheit umstrukturiert, hätten Abwehr gegen das Unbekannte ersetzt durch Neugier auf das Neue. Eine vernünftige Abwägung von Innovationsdruck, Sicherheit und Werten hätte längst stattfinden und auch umgesetzt werden müssen.

Doch hätte hätte muss nun vorerst zuhause bleiben.

Ich schreibe derweil weiter.

Gründung von METIS e.V.

„Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.“ Diesen Satz soll Bismarck mal gesagt haben. Das Zitat ist umstritten – und stimmt ohnehin nicht.

In Mecklenburg-Vorpommern wurden und werden digitale Vermittlungskonzepte für Unterricht und Freizeit umgesetzt, über deren grundsätzliche Bedeutung aus aktuellem Anlass gerade aufgeregt diskutiert wird.

Ich freue mich und bin stolz darauf, Gründungsmitglied von METIS e.V. und damit Teil eines anhaltend aufregenden Prozesses zu sein.

Mit meiner Mitstreiterin Katharina Lifson, Dozentin für medienpädagogische Vermittlungskonzepte, habe ich in den vergangenen Wochen so einiges gerockt: Wir haben am Konzept gearbeitet, die Webseite von METIS e.V. gebaut, Förderanträge geschrieben.

Alles war von langer Hand geplant, die intensive und lösungsorientierte Vorarbeit war geleistet und erreichte mit unserer Vereinsgründung einen ersten Höhepunkt im Januar 2020 und mit der Coronakrise im März 2020 dann eine drängende Bedeutung.

Auch vorher schon haben wir uns von Widerständen und Vorurteilen nicht beirren lassen und sind immer von der Notwendigkeit der Nutzung und Implementierung digitaler Formate in Bildung und Leseförderung überzeugt gewesen. Wir haben Diskussionen über das „Wie“ geführt, haben viele Bedenken ausgeräumt und uns auch der vorurteilsbehafteten und konservativen Diskussion um das „Ob“ gestellt. Zumindest letztere ist spätestens mit den aktuellen und gravierenden Veränderungen unserer Gesellschaft obsolet geworden.

Nun schauen wir auf erprobte digitale Konzepte, auf eine nachhaltige Infrastruktur, wertevermittelnde Inhalte und wichtige Kooperationspartner. Die notwendige Finanzierung steht: Unsere Formate werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Deutschen Bibliotheksverband gefördert.

Bereits diesen April starten wir mit unseren Online-Kursen, Online-Lesungen und vierwöchigen Web-Seminaren. Wir schreiben Romane um zu Drehbüchern mit dem Ziel einer Instagram-Inszenierung.

Neben Leseförderung und Medienpädagogik haben wir uns vieles auf die Fahnen geschrieben, vor allem aber das: Spaß an der Literatur, Spaß an Ideen und Innovation, Respekt vor der vielfältigen Lebenswelt junger Menschen – und Verantwortung im Sinne eines kreativen und bewussten Umgangs mit digitalen und sozialen Medien.

Schaut vorbei! Wir freuen uns auf euch.
Und wir freuen uns, wenn ihr diese Info teilt.
Ahoi aus Mecklenburg-Vorpommern.

Live-Lesungen auf Youtube

Hallo liebe Leute,

physisch müssen wir Distanz halten, digital können wir zusammen rücken.

Daher lese ich kommende Woche vormittags täglich *live* auf meinem Youtube-Kanal aus “Jenseits der blauen Grenze”, und zwar für Jugendliche (8. bis 10. Klasse), die aufgrund der aktuellen Situation zuhause sind und dort lernen müssen. Ältere können sich natürlich auch zuschalten.

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
Bitte erlaube Cookies, indem du auf Übernehmen im Banner klickst.

Wer mag, kann gleich mal meinen Youtube-Kanal abonnieren:

https://www.youtube.com/user/TheDorlie

Für Schulen biete ich darüber hinaus ein interaktives Format an, wobei auch die Schüler*innen zu Wort kommen. Weitere Infos dazu gibt es hier.

Bleibt gesund und steht euch bei.

Schreibtisch statt Leipzig

Da die Leipziger Buchmesse und meine Lesungen nun leider ausfallen, kommt jetzt ein kurzer Werbeblock:

Ihr könnt mich für eine interaktive Onlinelesung mit anschließendem Gespräch buchen, und zwar hier:

https://schullesung-online.de/

Wir sehen uns! Ahoi.

Im Test: Online-Lesungen und Online-Fachinterviews für Schulen

Vom Schreibtisch ins Klassenzimmer
Oder: Der Blick über den Tellerrand

In den letzten Monaten habe ich mit Schulklassen diverse Online-Lesungen und Online-Fachvorträge für den fächerübergreifenden Schulunterricht durchgeführt. Themen waren DDR, Diktatur und Friedliche Revolution, Basis dafür meine Jugendromane “Jenseits der blauen Grenze” und “Wir sehen uns im Westen”. Daneben unterhielten wir uns auch über Schreibprozesse und den Alltag von Autorinnen und Autoren.

Das neue Konzept bestätigt, was meine langjährige Arbeit an Schulen bereits gezeigt hat: Lehrinhalte werden über die Zeitzeugenarbeit lebendiger und fassbarer für die junge Generation.

Daneben machen aktuelle gesellschaftliche Prozesse und die mitunter fahrlässigen Aussagen der Politik deutlich, dass eine korrekte Geschichtsvermittlung im Zusammenhang mit der DDR-Diktatur notwendig ist, damit junge Menschen diese historisch fundiert einordnen können. Mit der Digitalisierung bietet sich die Chance, neue Wege für eine gute politische Bildung der nachfolgenden Generationen zu beschreiten.

Dorit Linke – Onlinelesung Live – Foto credits: Stadtbibliothek Rostock

Im Dezember 2019 wurde ich in die Rostocker Stadtbibliothek geschaltet – in meine Heimatstadt. Während der Veranstaltung, die im Rahmen des Projekts „Kultur macht STARK“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung stattfand und vom Literaturhaus Rostock organisiert wurde, stellten die Schülerinnen und Schüler viele kluge und detaillierte Fragen, die ihr großes Interesse an der Auseinandersetzung mit der DDR zeigten.

Stadtbibliothek Rostock – Foto: Dorit Linke

Ein Hinweis für Internationale Schulen: Die Fach-Interviews sind auch auf Englisch möglich. Lesung auf Englisch werde ich demnächst ebenfalls anbieten, da “Jenseits der blauen Grenze” zeitnah in den USA erscheinen wird.

Dorit Linke – Onlinelesung Live – Foto credits: Stadtbibliothek Rostock
Die Friedliche Revolution in Rostock – Foto: Roland Hartig, Rostock
Bornholmer Straße – Foto: Dorit Linke

Das Ende des Jugendwerkhofs Torgau

Im Jugendwerkhof Torgau, einem früheren Gefängnis, wurden zu Zeiten der DDR über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren willkürlich und ohne richterlichen Beschluss zu Umerziehungsmaßnahmen eingewiesen und waren dort militärischem Drill, Isolation und Misshandlungen ausgesetzt. Die meisten Jugendliche zerbrachen an ihrer Verzweiflung, manche sahen keinen Ausweg und nahmen sich das Leben.

Im Zuge der friedlichen Revolution im November 1989 wurde der Jugendwerkhof vom Ministerium für Volksbildung überstürzt aufgelöst und die sofortige Dokumentenvernichtung angeordnet.

Meine Kurzgeschichte erzählt aus der Sicht eines Erziehers und zeigt den Zynismus, der im Umgang mit unangepassten Kindern und Jugendlichen in der DDR vorherrschte.

Im anderen Licht – von Dorit Linke

Gestern kam der Anruf aus dem Ministerium. Wir sollen die Jugendlichen in ihre Stammeinrichtungen zurückführen und alle Dokumente vernichten.

Kurt, der schräg vor mir sitzt, ist eifrig dabei. Obwohl wir ihn nicht darum gebeten haben, erläutert er uns die Situation. Wir verbrächten die Nacht nur deshalb hier, weil sich auf dem Alexanderplatz ein paar Uneinsichtige und vom Westen Aufgestachelte zusammengerottet und den Wunsch nach freien Wahlen geäußert haben.

Ich höre seinem Geschwätz nicht zu. Eine Seite nach der anderen zerreiße ich und stopfe die Schnipsel in schwarze Säcke, die ich auf den hell erleuchteten Flur trage, vorbei an ungewohnt leeren Regalen. Obwohl auch in anderen Räumen gearbeitet wird, ist es still im Haus.

Mir gegenüber wühlt sich Monika durch einen Haufen Papier. Fortwährend streicht sie ihre grüne Bluse glatt und sieht hinaus in die Dunkelheit. Sie ist nervös, weil sie den Zweck unserer Arbeit aus den Augen verliert. Lies nicht alles, was dir in die Hände fällt, ermahne ich sie, doch sie beachtet mich nicht. Auf die Art werden wir nie fertig.

Sven M., geboren am 28.3.1972. Mitteilung an die Eltern, dass ihr Sohn mit Genehmigung des Ministeriums für Volksbildung in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt wurde. Er blieb fast sechs Monate. Nach seiner Ankunft heulte er jeden Tag, doch die Jungen seiner Gruppe machten ihm schnell klar, was sie von seinem Gejammer hielten. Erziehung im Kollektiv ist ein wirksames Mittel.

Kurt erklärt uns gerade, warum die Anderen unsere Arbeit nicht verstehen werden. Wen meinst du damit, frage ich leise. Der Klang meiner Stimme warnt ihn. Nun ja, entgegnet er, wirft eine leere Akte auf den Boden und greift zum nächsten Schriftstück. Sein unordentlicher Arbeitsplatz spricht für sich. Keine Linie, keine Besonnenheit. Doch auch die Verantwortlichen im Ministerium sind in Eile. Offenbar kommt den Genossen nicht in den Sinn, dass unsere Aktion bei Nacht und Nebel wie ein Schuldeingeständnis wirkt.

Jochen F., geboren am 15.4.1974, uneinsichtig und provokant. In der Werkstatt aß er Nägel, weil er annahm, wir würden ihn ins Krankenhaus bringen. Für solche Fälle braucht man keinen Arzt. Wir gaben ihm Sauerkraut und steckten ihn in die Arrestzelle. Er hat die ganze Nacht gebrüllt vor Schmerzen.

Kurt fragt in das schlecht gelüftete Zimmer, was wohl die westdeutsche Presse zu unserer derzeitigen Tätigkeit sagen wird. Monikas Züge frieren ein. Das halbdurchrissene Foto einer langhaarigen Jugendlichen schwebt zwischen ihren Händen.

Die Haare schneiden wir grundsätzlich runter auf zwei Millimeter. Den Jungen macht das kaum etwas aus, abgesehen von den Hippies und den Punks. Die Mädchen heulen und die Skinheads verhöhnen uns, weil die Maßnahme für sie überflüssig ist. Natürlich werden die Opportunisten der Bildzeitung über uns hetzen. Das bedeutet überhaupt nichts.

Dennoch werde ich wütend bei der Vorstellung, wie ein weichgespülter westlicher Pädagoge, der noch nie etwas von Makarenko und den Normen des sozialistischen Zusammenlebens gehört hat, unsere Erziehungsmethoden beurteilt. Wie soll er in seiner dekadenten Welt etwas von Disziplin wissen. Er verbreitet die groteske Idee der antiautoritären Erziehung und predigt Egoismus. Was dabei herauskommt, sehen wir jeden Tag im Fernsehen. Schund, Arbeitslosigkeit, Elend. Die Menschen, die nun wie Schafe blöken, dass sie das Volk seien, sind sich nicht darüber bewusst, welche Geister sie rufen.

Soeben kam wieder ein Anruf, dieses Mal vom Rat des Bezirkes. Die ganze Hierarchie wird jetzt durchlaufen. Die Genossen erkundigen sich nach unseren Fortschritten. Kurt und ich holen neue Akten aus dem Nachbarzimmer. Monika sitzt steif auf ihrem Stuhl und rührt sich nicht.
Du arbeitest zu langsam, sage ich.

Ohne mich anzusehen steht sie auf und geht zur Tür. Als sie weg ist, zwinkert Kurt mir zu, als hätten wir etwas gemein. Ich reagiere nicht. Fahrig nimmt er seine winzige Brille ab und putzt sie umständlich. Dann beugt er sich über seinen Schreibtisch.

Monika kehrt zurück und berichtet, dass der Jugendliche, der bis eben unten im Fuchsbau war, die Zelle nicht verlassen will. Da Kurt sich benimmt, als hätte er nichts gehört, ruhen ihre Augen auf mir. Er kann vermutlich nicht laufen, sage ich und stopfe Papierreste in den Sack.

Erschüttert dreht sie sich weg. Ihre Fassungslosigkeit ist nur Theater. Sie weiß ebenso wie ich, dass jeder das fensterlose Kabuff, das zu klein zum Liegen oder Stehen ist, verstört verlässt. Man verliert die Orientierung, oben, unten, rechts und links gibt es da drin nicht mehr. Letztes Jahr hat mich ein Jugendlicher, der vierundzwanzig Stunden im Fuchsbaus gewesen war, nach seinem Namen gefragt. Dieser Zustand ist hart, aber zweckmäßig. Er erhöht die Bereitschaft zur Umerziehung.

Kurt geht hinaus auf den Flur. Monika folgt ihm, weil sie nicht mit mir allein sein möchte. Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Die nächste Akte ist umfangreich, oben auf der letzte Eintrag. Vorkommnismeldung: Am 29.4.1988 wurde Patrick B., 1971 in Jena geboren, um 17.25 vom Erzieher in der Isolierzelle erhängt aufgefunden. Die Mutter des Jugendlichen wurde vom Direktor des Jugendwerkhofes persönlich über den Tod ihres Sohnes informiert.

Die Tür öffnet sich wieder. Kurt und Monika stellen Kaffeebecher und Kekse auf den Tisch und diskutieren die aktuelle Direktive des Ministeriums. Das Gebäude soll so umgebaut werden, dass es nicht mehr den Eindruck eines Gefängnisses vermittelt. Monika verzweifelt an der absurden Anweisung der Genossen, trinkt hastig und verbrüht sich. Kaffee spritzt auf eine Akte aus dem Jahre 1981.

Drei Meter hohe Mauern, Suchscheinwerfer, Wachhunde, an den Eckpunkten Wachtürme, vergitterte Fenster und Türen. Unwillkürlich lächle ich, als ich mich frage, wie man sich im Ministerium die Metamorphose zu einem Erholungsheim denn vorstellt.

Dir macht das alles überhaupt nichts aus, fährt mich Monika an. Vor allem ihr Ton überrascht mich. Ich mache mir Sorgen um meinen Mann, verkündet sie. Der ist Major bei der Volksarmee und seit Wochen in Gefechtsbereitschaft.

Soll er gefälligst seine Pflicht tun, sage ich.
Sofort fällt Monika in sich zusammen. Es könnte Bürgerkrieg geben, flüstert sie.

Endlich mal ein vernünftiger Gedanke. Ich wundere mich über das lange Zögern unserer Regierung. Schleunigst Panzer auf die Straße, dann hat auch das blöde Rumgerenne mit den Kerzen ein Ende.

Die Genossen wissen, was zu tun ist, beschwichtigt sie Kurt.
Da bin ich mir nicht sicher. Ich vermeide es, ihn anzusehen. Noch kann er sich nicht entscheiden, wovor er eigentlich Angst hat, charakteristisch für Menschen ohne festen Standpunkt. Er fürchtet sich vor der Partei, vor dem Westen, vor den selbsternannten Menschenrechtlern. Und vor mir.

Udo M.: fünf Tage Arrest wegen Ungehorsam und hartnäckigem Lügen. Beim morgendlichen Sport behauptete er, Knieschmerzen zu haben. Es war Kurt, der dem Jugendlichen sein Schlüsselbund solange ins Gesicht schlug, bis dieser endlich sein Soll erfüllte. Ich fühle mich beobachtet und sehe auf.
Monika starrt mich an. Warum ich Erzieher werden wollte, fragt sie.

Ich zerfetze mehrere Seiten, ziehe den nächsten Ordner heran und öffne ihn unachtsam. Fotos der Jugendlichen häufen sich vor mir, einige gleiten hinunter auf den Boden. Die Jahrgänge geraten durcheinander. Mein Puls steigt. Ich bevorzuge exaktes Arbeiten.

Kurt setzt sich in Position. Fragst du dich nicht auch, ob wir nicht zu hart zu den Kindern waren? Dass ausgerechnet er von mir eine Stellungnahme erwartet, ist eine Unverschämtheit.

Es erscheint nun vieles in einem anderen Licht, sinniert Monika. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen und verliere einen Moment die Fassung. Wie das, frage ich, reflektiert das Licht plötzlich anders als vor ein paar Tagen?
So meinen wir das doch nicht, entgegnet Kurt herablassend.
Aha, der ehemalige Physiklehrer, ereifert sich Monika.

Ich habe genug von den Mätzchen, stehe auf und trete zum Fenster. Erst jetzt nehme ich den Kaffeegeruch wahr, der im Raum hängt.
Einige Jugendliche laufen im blauen Licht der Dämmerung über den Hof. Sie tragen ihre Zivilkleidung, haben den Werkhofsanzug abgelegt. Ein Junge schiebt seine Hände in die Taschen und schaut am Haus empor. Ich sehe seinen Atem. Es ist kalt für Anfang November.

Vermutlich denkt er an seine Ankunft in Torgau, an das Ende seiner Illusionen. Als er mich sieht, senkt er sofort seinen Kopf und geht auf das schwere Eingangstor zu. Man wird ihm falsche Ideale auftischen und unsere unvollendete Arbeit mit Füßen treten.

Den neuen Menschen erschafft man nicht über Nacht.

Hinter mir arbeiten Monika und Kurt mechanisch, haben einen Rhythmus gefunden. Die Stille, die vom Geräusch reißenden Papiers strukturiert wird, ist wohltuend, mein Puls wieder gleichmäßig.

Am Tor zögert der Junge und bleibt stehen. Hilflos sieht er sich um. Schon jetzt findet er sich nicht mehr zurecht.

Er tut mir nicht leid.
Es ist mir egal, was aus ihm wird.
Sollen die Elemente, die nun aus ihren Löchern kriechen, sich über ihn den Kopf zerbrechen.

Quelle: picture alliance / dpa


Arbeits- und Recherchestipendium

Es ist absolut toll, dass ich für die Fortsetzung von “Jenseits der blauen Grenze” ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhalte. Nun kann ich einige Monate lang an meinem Lieblingsprojekt weiterarbeiten, recherchieren und feilen.

Es wird eine Reise in die frühen 90er Jahre sein, die in meine Heimatstadt Rostock, in westdeutsche Städte und hoch in den Norden Europas führen wird.

Zur Einstimmung einige tolle Fotos, aufgenommen 1990 von meinem Rostocker Lieblingsfotografen Roland Hartig.

Foto: Roland Hartig 1990
Foto: Roland Hartig 1990
Foto: Roland Hartig 1990
Foto: Roland Hartig 1990
Foto: Roland Hartig 1990
Foto: Roland Hartig 1990
Foto: Roland Hartig 1990

Frischer irischer Wind in Mecklenburg

“Elektrische Fische” von Susan Kreller

Eben noch tut das Gelesene weh, nimmt die Luft, und im nächsten Moment blitzt dieser Humor durch, manchmal subtil, manchmal direkt, immer liebevoll. Susan Kreller ist ihren Protagonisten zugewandt, nimmt sie ernst und behandelt sie mit Respekt. Und sie kann dabei verdammt gut schreiben. Um ehrlich zu sein: es gibt wenige Jugendbuchautor*innen, die so verdammt gut schreiben können wie Susan Kreller.

„Elektrische Fische“ ist ein berührendes und kluges Jugendbuch, das sich wichtigen Fragen junger Menschen stellt. Wann gehöre ich dazu? Wie kann ich mich zugehörig fühlen, wenn die neue Welt fremd und unverständlich ist, ich nicht über mein Leben und Wohl entscheiden kann?

Die Handlung setzt ein in einem ziemlich hoffnungslosen und öden Kaff in Mecklenburg. Doch der trostlose Ort gewinnt unter dem Blick eines Mädchens, das in Irland groß geworden ist und nun mitsamt seinen Geschwistern in die alte Heimat der Mutter ziehen muss, nach und nach an Farbe, wird lebendig und bunt – und mit ihm seine Bewohner. Ganz langsam wird das Heimweh von Emma, die nichts anderes als zurück nach Dublin will, milder, weicht auf, verschwindet manchmal sogar. Und irgendwann, wenn der Wind der Ostsee weicher, irischer wird, tut sich ein Schimmer von Hoffnung am Horizont auf.

Im Grunde ahnt man bereits auf den ersten Romanseiten, dass es genauso kommen wird, kann sich dies aber beim besten Willen nicht vorstellen. Doch Susan Kreller schreibt einfach an gegen diese innere Stimme, die „bloß weg da“ ruft, sanft, beharrlich und mitunter sehr komisch. Trotz der schmerzenden Trostlosigkeit, der Emma und ihre Geschwister in der Fremde und durch die Entwurzelung ausgesetzt sind, weiß man sie dennoch beschützt in diesem großen Ganzen, das die Autorin für sie erschafft. Und das ist auch nötig, denn die Herausforderungen, welche die jungen Menschen hier bewältigen müssen, scheinen oft übermächtig. Das Heimweh ist brachial bis zur Sprachlosigkeit, in der Schule läuft es nicht, die Älteren haben ihre eigenen Probleme, so wie das eben ist. Emma: „Mir fallen die Wörter ein, die ich heute Nachmittag gelernt habe, Kekskuchenwörter und Mutterwörter, ich denke: Kalter Hund, Essengeldturnschuhe, schizophrene Psychose.“

Und so braucht Emma eine Weile, wieder Boden zu bekommen, sich zu öffnen und Zukunft versuchen zu wollen. Dabei hilft ihr der Mecklenburger Junge Levin und die zwischen ihnen aufkeimende Liebe. Auch Levin ist getrieben und belastet, hat eine psychisch kranke Mutter, will Emma aber dabei helfen, zurück nach Irland zu flüchten, obwohl sie ihm in der eigenen Verlorenheit gut tut und genau das ist, was er schon lange nötig hat.

Bestechend ist die raffinierte Perspektive, dieser irische Blick auf Ostdeutschland und auf all die Absurditäten, die durch die andere Kultur, den anderen Alltag, die andere Sprache entstehen. Das entspannt die Angelegenheit ungemein, schafft eine wichtige Distanz und damit letztlich wieder Nähe. Emma schaut aber nicht „nur“ auf ein anderes Land, sondern auch auf ein anderes System, das zwar vergangen, aber in seinen Auswirkungen noch immer spürbar ist. Und so wird es komisch und auch doppelbödig, wenn Emma am ersten Schultag fragt, wer denn Thälmann war (ausgelöst durch eine Straße, die so heißt) und dann selber raten soll. Ein Graf vielleicht? Und dafür ein ruppiges deutsches „Falsch!“ erntet.

Meisterhaft webt Susan Kreller auf diese Art die DDR und die Erfahrungen ihrer Menschen in die Emanzipationsgeschichte von Emma hinein, mit einem überraschenden Effekt. Es scheint, als wäre dieser weiter entfernte Blick und der größere Kontext durchaus geeignet, sich dieser Welt anzunähern.

Mit „Elektrische Fische“ erzählt Susan Kreller eine wahrhaftige Geschichte vom Erwachsenwerden und davon, dass Zugehörigkeit oder „Heimat“ oder „home“ ein Prozess ist, der gern lange andauern kann – insofern er so menschlich und offen angeschaut wird wie in diesem wunderbaren Roman.

Erschienen im Carlsen Verlag

Rezension in der Süddeutschen

Die Süddeutsche Zeitung am 4.11.2019 in der Rubrik “Politisches Kinder- und Jugendbuch zu “Wir sehen uns im Westen”.

“… und es gelingt ihr, Zeitgeschichte authentisch und ungemein lebendig an ihre jungen Leserinnen und Leser zu vermitteln.” Hilde Elisabeth Menzel

Vollständige Rezension hier
Treffpunkt Neptunbrunnen. Von Hilde Elisabeth Menzel, Süddeutsche Zeitung

Die Friedliche Revolution in Rostock

Der Fotograf Roland Hartig hat im Herbst 1989 mutig und beherzt die Friedliche Revolution in Rostock fotografiert und dokumentiert.

Anfangs waren die Demonstranten aus Angst oder Unsicherheit nicht davon begeistert, dass jemand Fotos von ihnen anfertigte. Immer wieder hörte man Rufe wie “keine Fotos” oder “keine Stasi”. Man rechnete eher damit, von der Staatssicherheit überwacht zu werden als mit einem privaten Fotografen, der die historische Dimension begriff und festhalten wollte. Wie gut, dass sich Roland Hartig nicht von seinem Vorhaben hat abbringen lassen.

Entstanden ist eine einzigartige Chronik der damaligen Ereignisse in meiner Heimatstadt. Dafür sage ich – nach 30 Jahren – herzlich Danke!

Die Erklärungen zu den Fotos hat er ebenfalls verfasst.

Weitere Fotos folgen in den kommenden Tagen. Du möchtest darüber informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Das Spruchband „Zutrauen zur Zukunft – Neues Forum“ und der Schmetterling „Gewaltfrei für Demokratie“ sind die Erkennungszeichen der Donnerstagsdemonstrationen im Herbst 1989 in Rostock. Dabei trägt Stephan Mahlburg den bunten Butterfly stets voran, den er in der Tischlerei Riebe erschaffen hat. Heute schmückt das Werk sein Büro, von wo er als Sozialrichter agiert. Eine Kopie befindet sich in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Am 12. Oktober 1989 wird die zweite Fürbittandacht in Rostock auf Grund des großen Zulaufs von etwa 3000 Bürgerinnen und Bürgern in die Marienkirche verlegt. Vor der Kirche formiert sich eine Mahnwache.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Die friedliche Revolution in Rostock 1989, die neben den Demo-Hochburgen Leipzig und Berlin auch hier von den Kirchen ausging, nahm Anfang Oktober 1989 an Fahrt auf. So beginnt in der Rostocker Petrikirche am 5. Oktober um 20 Uhr die erste Fürbittandacht für inhaftierte Leipziger Demonstranten. Mehr als 500 Menschen kommen. Die Umweltgruppe der Petri-Nikolai-Gemeinde hat die Andacht initiiert. Zudem wird in den Rostocker Kirchen ein Schreiben mit dem Titel „Aufbruch 89 – Neues Forum“ verteilt. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Nach dem Donnerstagsgottesdienst am 19. Oktober 1989 formiert sich die erste „Donnerstagsdemo“ ausgehend von der Marienkirche und Petrikirche mit mehreren tausend Teilnehmern. Die Beteiligung an den Demonstrationen wächst von Woche zu Woche.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Die Marienkirche entwickelt sich zum Zentrum der Herbstbewegung in Rostock. Am 19. Oktober 1989 fanden erstmals Andachten in mehreren Kirchen statt. Sie stehen unter dem Motto: „Gottesdienst für gesellschaftliche Veränderungen“. Pastor Joachim Gauck hält in der Marienkirche eine Predigt, Stadtjugendpfarrer Jochen Schmachtel verliest die entsprechende in der Petrikirche. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Auch das Spruchband „Rostock – gewaltfrei für demokratische Zukunft“ manifestiert das Ziel der Herbstbewegung. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Das Neue Forum – im Herbst 89 die politische Hauptkraft der DDR Reformbewegung – fordert nicht nur Freie Wahlen. Auch die Zulassung von demokratischen Parteien, Reisefreiheit, Pressefreiheit und die Abschaffung der „Diktatur des Proletariats“ standen auf dem Forderungskatalog der oppositionellen Bewegung. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

„Mit einem Pass kauft Ihr uns nicht“ – Faktisch traut hier keiner mehr den SED-Oberen, die mit dem Wink der Reisefreiheit die DDR retten wollen. Das kommt bei zahlreichen Bürgern nicht mehr an, die bereits auf Pro deutsche Einheit eingestellt sind. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

November und Dezember 1989: Demonstranten stellen immer wieder Kerzen vor dem Rathaus (Foto), Haus der Armee und vor dem Gebäude der MfS-Bezirksverwaltung in der August-Bebel-Straße auf. Stets in friedlicher Absicht, ganz im Sinne von gewaltfrei für Demokratie.

Weitere Informationen zu Roland Hartig und seiner Arbeit findet ihr hier: http://www.rostock-1989.de/

Page 1 of 4

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen