Karl–Heinz Paqué, Volkswirt und Professor für internationale Wirtschaft in Magdeburg, und Richard Schröder, Theologe und lange Zeit Professor für Philosophie an der Humboldt Universität, haben gemeinsam das Buch „Gespaltene Nation? Einspruch! 30 Jahre Deutsche Einheit“ verfasst.

Interview in der Sendung Büchermarkt am, 5.2.2021, die Autorin Dorit Linke im Gespräch mit Catrin Stövesand

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Paqué und Schröder zeigen in ihrem wichtigen Werk auf, dass die noch bestehenden Unterschiede zwischen Ost und West keinesfalls als Spaltung beschrieben werden können, sondern ihre Ursache in der unterschiedlichen Historie seit dem 2. Weltkrieg haben. Die Autoren belegen ihre Aussagen anschaulich mit Zahlenmaterial, Statistiken und Umfragen. So erklären in einer Forsa–Umfrage von 2019 fast 70% der ehemaligen DDR–Bürger, die in den neuen Bundesländern leben, dass es ihnen heute im Vergleich zu früher besser geht.

Foto: Roland Hartig, Rostock, Partnerstadt Bremen 1990

In ihrer Analyse kommen die Autoren zu dem Schluss, dass sich das ökonomische Ergebnis der Wiedervereinigung angesichts der damaligen Umstände sehen lassen kann und verweisen darauf, dass andere Nationen respektvoll auf die Entwicklungen und Leistungen unseres Landes schauen. Der wirtschaftliche Unterschied zwischen Ost und West ist längst nicht mehr so dramatisch wie häufig dargestellt. Beispielsweise fällt die Wanderungsbilanz zwischen Ost und West seit 2012 nicht mehr negativ für den Osten aus, seit 2010 wachsen ostdeutsche Großstädte wieder, auch die Löhne gleichen sich weiter an.

Der Prozess muss weiterhin gestaltet werden, und rückblickend lässt sich sagen, dass dieser länger andauert als erwartet. Auch stimmt es, dass der Verlust von Arbeitsplätzen für viele Menschen in den 90er Jahren eine große Schwierigkeit darstellte. Diese Entwicklung war jedoch angesichts des gravierenden Systemwandels kaum zu vermeiden. Natürlich gab und gibt es schwierige Schicksale zu betrauern, die vor allem die Generation der in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geborenen betreffen. Doch die Verwerfungen und beruflichen Einschnitte, die nach 1990 entstanden, hatten größtenteils mit dem Erbe der DDR zu tun.

Foto: Roland Hartig, Rostock, Warnow-Werft 1990

Obwohl aus diesen Umständen keine weitreichende Frustration entstanden ist, hält sich medial der Eindruck der Spaltung sehr hartnäckig. Als eine Ursache dafür geben Paqué und Schröder jene Stimmen an, die den Osten gern zum Opfer erklären und den Mythos befeuern, der Westen habe ihn nach 1990 annektiert und kolonialisiert. Mit dem Ziel der politischen Stimmungsmache wird der angebliche wirtschaftliche Rückstand überdramatisiert und die höhere Ausländerfeindlichkeit im Osten den Schwierigkeiten der Nachwendezeit zugeschrieben.

Vor allem die Treuhand ist ein willkommener Sündenbock, auch bei vielen Westdeutschen genießt sie wenig Ansehen. Manche gehen sogar so weit, der Treuhand unmittelbar die Schuld an der aktuellen ostdeutschen Ausländerfeindlichkeit zu geben. Das sind fahrlässige Interpretationen, sagen die Autoren, denn sie verkürzen die Kausalität unzulässig auf die Zeit ab 1989. Dieser Opfermythos wird zusätzlich von gefährlichen Mythen über die DDR begleitet.

Foto: Roland Hartig, Trabi im Wald bei Ribnitz 1990

An dieser Stelle ein Hinweis zum gelungenen Aufbau des Buches: Die Autoren stellen Fakten und Mythen nebeneinander und widerlegen letztere übersichtlich und sachlich, ein Fundus für allen Interessierten, die vernünftige Interpretationen und Lösungen suchen.

Die Wirtschaft der DDR war 1990 voll funktions– und leistungsfähig gewesen, die Treuhand hat sie zerstört, um dem Westen wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen – das ist ein klassischer Mythos über die Nachwendezeit. Doch was sagen die Fakten? Die Autoren verweisen auf den Schürerbericht von Ende Oktober 1989, den die Staatliche Plankommission der DDR erarbeitet hatte: eine schonungslose Bestandsaufnahme der DDR Wirtschaftslage, die u. a. von Innovationsschwäche und planerischer Ineffizienz gekennzeichnet war. Die Treuhand sollte damals die marode Planwirtschaft in die soziale Marktwirtschaft überführen – ohne die Gelder, die dabei geflossen sind, wären nach der Währungsunion Mitte 1990 alle Betriebe sofort pleite gewesen.

Dank der Treuhand konnten für eine Übergangszeit weiter die Löhne bezahlt werden. Die ehemaligen DDR–Bürger, die den Mythos des zerstörerischen Westens verbreiten, erinnern sich offenbar nicht daran, dass sie nach der Währungsunion kein Interesse mehr an den Produkten ihrer ostdeutschen Firmen hatten, stattdessen den westlichen Standard wollten. Dass Ostdeutsche keine Großbetriebe erwerben konnten, lag am fehlenden Kapital. Demgegenüber standen jedoch unzählige kleine Privatisierungen im Dienstleistungsbereich oder im Handwerk, von denen unmittelbar Ostdeutsche profitierten.

Foto: Roland Hartig, Rostock, Demo Schule 1990

Ein weiterer Mythos ist der angebliche Elitenaustausch an den Unis und in den Behörden, der das Ziel verfolgt haben soll, die ostdeutsche Konkurrenz zugunsten der Westdeutschen auszuschalten. Diesen hat es in dem oft dargestellten Ausmaß nicht gegeben, halten Paqué und Schröder fest. Westdeutsche wurden oftmals in diese Positionen gewählt, weil Ostdeutsche sie für die besseren Kandidaten hielten und die alten Kader dort nicht mehr haben wollten. Vor allem an ostdeutschen Universitäten war das ein brennendes Thema und im Interesse der Studierenden. Fakt ist auch, dass Karrieren im Zentralkomitee der SED (ZK), bei der Nationalen Volksarmee (NVA) oder dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nach der Wiedervereinigung tatsächlich wertlos waren: eine logische Folge der Revolution, nicht der Vereinigung. Diesen Menschen wurde lediglich eine öffentliche Karriere verwehrt, keine wirtschaftliche, dieses wichtige Detail geht in der Diskussion oft unter.

Die über die DDR erzählten Mythen sind vielfältig. Paqué und Schröder nennen dabei die Debatte zum Thema Unrechtsstaat, bei der die Opfer der DDR, die während ihres Bestehens auf vielfältige Weise drangsaliert, beschädigt und gebrochen wurden, wenig zu Wort kommen.

Es werden wiederkehrend die bessere Versorgung mit Kindergartenplätzen, die zwischenmenschliche Wärme, die Unwichtigkeit von Geld und die Gleichberechtigung der Frauen in der DDR gelobt. Auch hier hilft ein Blick auf das große Ganze und die Fakten: Weder gab es freie Wahlen noch Presse– und Meinungsfreiheit, Menschenrechte wurden verletzt, Nachbarn verrieten Nachbarn, Systemkritiker wurden verfolgt, eingesperrt und an den Westen verkauft. Von 1963 bis 1989 flossen aus der Bundesrepublik Deutschland für den Freikauf politischer Häftlinge fast 3,5 Milliarden D–Mark in die DDR. In dem Land, in dem Geld angeblich unwichtig war, blühte der Menschenhandel.

Und die Kindergartenplätze? Das System der Kindererziehung war von Gleichschaltung und Indoktrination gekennzeichnet, daneben gab es auch schwarze Pädagogik und Gewalt in der Erziehung. Von 1949 bis 1990 befanden sich ca. 500.000 Minderjährige im Heimsystem. Wenn man heute konstatiert, dass die Versorgung mit Kindergartenplätzen in der DDR besser war, hat man die moralische Verantwortung, parallel dazu auch über das Erziehungssystem zu reden. Es ist grundsätzlich unzulässig, einzelne Phänomene aus dem Kontext zu reißen und lediglich singulär zu betrachten.

Foto: Roland Hartig, Rostock, Werbung 1990

Aktuell ist der Rechtspopulismus in Ostdeutschland ein großes Problem, doch die Behauptung, dieser könne mit den Schwierigkeiten der Wendezeit begründet werden, ist falsch. Rechte Gewalt trat bereits in der DDR zutage bzw. verstärkte sich ab 1990, zu einem Zeitpunkt also, als die Treuhand gerade erst ihre Arbeit aufnahm. Das offene und selbstverständliche Erscheinen der Rechten auf der Bühne habe auch ich in meiner Heimatstadt Rostock erlebt, mit den bekannten katastrophalen Ereignissen in Rostock– Lichtenhagen. Die gewaltbereiten oder diese unterstützenden Menschen kamen damals nicht, wie gern behauptet wird, alle aus dem Westen. Sie kamen größtenteils aus dem angeblichen Land des Antifaschismus – ein weiterer Mythos.

All die Mythen über die DDR sind nach Meinung der Autoren auch deshalb so gefährlich, weil die AfD diese strategisch einsetzt. Auch deshalb ist das vorliegende Buch so wichtig, denn mit Hilfe dieser Mythen konnte die AfD im Osten erstarken, mit westdeutschem Personal. Es ist ein interessantes Phänomen, dass sich Ostdeutsche häufig gegen die westdeutschen Eliten aussprechen, hier aber widerspruchslos den Herrschaftsanspruch des rechten westdeutschen Führungspersonals akzeptieren. Autoritätenhörigkeit, Führerkult und die Anfälligkeit für Propaganda können als ein Erbe der autoritären Strukturen der DDR verstanden werden.

Foto: Roland Hartig, Rostock, Schule 1990

An dieser Stelle erlaube ich mir als Jugendbuchautorin ein paar Worte. Ich bin viel an Schulen unterwegs und erlebe dort in Bezug auf die DDR oft eine Irritation bei meiner Zielgruppe. Die Erfahrungen meiner in den frühen 70er Jahren geborenen Generation, die ich den jungen Menschen mit meinen Büchern vermittle, passen häufig nicht zu dem, was medial über die DDR verbreitet wird. Jüngere Ostdeutsche wehren sich instinktiv gegen das falsche Opferbild des Nachwende-Ostens. Sie wollen zurecht eine positive Identität für sich zu begründen, suchen dieses Positive dann aber oft in der DDR, was die Mythenbildung weiter verstärkt. Ihre Eltern klären zu wenig auf bzw. nehmen die Nachfolgegenerationen in die Pflicht, Stichwort „Anerkennung von Lebensleistung“. Dabei könnte diese positive Ost–Identität doch mit den Errungenschaften der Friedlichen Revolution geformt werden, die allen Menschen in Ost, West, Nord und Süd bester Antrieb für die Zukunft sein sollten.

Foto: Roland Hartig, Demo Rostock 1989, Rathaus

Die Stimmen, die Ostdeutsche pauschal zu Opfern erklären, entmündigen die Menschen und machen sie klein. Wenn man sich heute paternalistisch zum Kämpfer oder zur Kämpferin für die Ostdeutschen aufschwingt und behauptet, diese habe man 30 Jahre lang nicht angehört, sollte man eine bekannte Suchmaschine, Zeitungen oder Bibliotheken bemühen. Eine Recherche wird diese geschichtsvergessene und arrogante Aussage in Sekunden zerlegen.

Foto: Roland Hartig, Wahl 1990

Doch zurück zum Buch: Gefallen hat mir persönlich dessen klare und faktenbasierte Sprache. Sie ist sachlich und beschönigt nicht, sondern ordnet ein und erklärt. Die Autoren sind an Lösungen interessiert, bringen eine notwendige Entspannung in die Debatte und teilen Deutschland nicht in Opfer und Täter. Sie zeichnen das treffende Bild einer Schicksalsgemeinschaft, die in historisch schwieriger und gleichermaßen einzigartiger Lage versucht hat, das Beste daraus zu machen – was gelungen ist. Paqué und Schröder fordern historische Verantwortung ein und sprechen damit weder den Ostdeutschen noch den Westdeutschen ihre Ressourcen ab. Und sie stellen klar heraus, dass die DDR–Bürger keine Opfer der BRD, sondern Sieger über das SED Regime sind. Das kann man nicht oft genug betonen.

Foto: Roland Hartig, Demo Rostock 1989, Marienkirche

Heute erscheint es wichtiger denn je, den Erfolg der Friedlichen Revolution hervorzuheben, ihn weiterhin zu würdigen und immer und zuallererst die Opfer der Diktatur in die Debatten mit einzubeziehen. Auch aus diesem Grund wünsche ich mir, dass das Buch von Paqué und Schröder in vielen Haushalten in Ost und West gelesen und außerdem in den Schulunterricht integriert wird.

„Gespaltene Nation? Einspruch! 30 Jahre Deutsche Einheit“
Karl-Heinz Paqué und Richard Schröder
NZZ Libro 2020, 289 Seiten, ISBN-10 : 390729100X

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Fotos: Roland Hartig, Rostock: Wanderausstellungen des Fotografen Roland Hartig (Rostock) (foto-hartig.de)

Interview in der Sendung Büchermarkt am, 5.2.2021, die Autorin Dorit Linke im Gespräch mit Catrin Stövesand

Foto: Roland Hartig, Menschenkette “Zusammenstehen” – Dezember 1989