Dorit Linke, Berliner Autorin

Wissen, Werte und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Category: Ostdeutschland

So leicht kommen wir nicht davon

Anfang Mai durfte ich zur virtuellen Ringvorlesung “Grenzen, Wenden, Umbrüche. Mauerfälle in Literatur, Musik und Film” der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beitragen.

Maren Conrad, Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur, Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur, und ich haben Onlinelesungen zu “Jenseits der blauen Grenze” und zu “So leicht kommen wir nicht davon” (Roman ist in Arbeit) durchgeführt und außerdem einen Podcast aufgenommen. Wir sprachen über die Bedeutung von Geschichtsvermittlung an Schulen, über die DDR und über Rostock-Lichtenhagen.

“Schreiben über die DDR. Ein Werkstattgespräch zu Romanprojekten – Schweigen, Gewalt und Wegschauen in der DDR als ein Motor der rassistischen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen 1992.

Hört doch mal rein, ich würde mich freuen:
Podcast Ringvorlesung: mit Maren Conrad (Universität Erlangen) und Dorit Linke





Großes Kino – Warten auf’n Bus

Also mal wieder Ostdeutschland, nach unzähligen Büchern und Filmen, nach oftmals halbgaren Versuchen, den Osten zu erzählen, ihn in ein zu enges Korsett zu zwängen, damit ein abschließendes und irgendwie versöhnliches: “Ja, so war das” möglich wird.

Und plötzlich ist da “Warten auf’n Bus”, eine Mini-Serie vom Regisseur Dirk Kummer nach dem Drehbuch von Oliver Bukowski, die zu keinem Zeitpunkt auf einfache Erklärungen abzielt, sondern mit ihrer Intelligenz und Warmherzigkeit mitten in Mark und Herz trifft. Wie selbstverständlich ist die Serie da, und man fragt sich, was man ohne sie all die Jahre eigentlich gemacht hat.

In “Warten auf’n Bus” geht es um weit mehr als „nur“ eine Männerfreundschaft in einer strukturschwachen Region, um mehr als Gerangel um eine Frau, um mehr als schlaue Sprüche (diese sind zugegeben frappierend klug und schlagfertig). Es geht ums Eingemachte, um einst kraftvolle Leben, die zum Halten gekommen und auf der Strecke geblieben sind. Und es geht nicht um Schuld. Was soll man auch sagen? Haut doch ab? Wohin denn? Und was genau sollen die Menschen tun, die nicht weggehen konnten, es nicht wollten, aus Gründen?

Davon erzählen Hannes und Ralle (grandios: Ronald Zehrfeld und Felix Kramer) an ihrer Bushaltestelle, mal ganz leise, mal ganz laut, zanken wie ein altes Ehepaar, kloppen sich, lachen begeistert über ihre eigenen Witze, sind oftmals und verständlicherweise zynisch, bewegen sich schwindelerregend nahe an menschlichen Abgründen und finden immer wieder versöhnlich zueinander – durch Kommunikation und im ständigen Ringen um Wertschätzung und Selbstachtung. Bei all dem Aufbegehren werden sie begleitet vom treuen Hund Maik (typisch ostdeutsch mit „ai“).

In regelmäßigen Abständen zeigt sich die Liebe. Den beiden Protagonisten und
auch den Zuschauern wird schnell klar, dass diese nicht erfüllt werden wird, zumindest nicht so, wie man sich dies vielleicht vorstellt. Die Busfahrerin Kathrin (grandios: Jördis Triebel) steht für das sture Nichtaufgebenwollen der Hoffnung, sie ist ein wohltuendes Bild für die Wahrung der Würde in einer recht aussichtslosen Lage. Und sie schenkt uns in einer gleichermaßen brachialen, witzigen und todernsten Situation eine wunderbar emanzipierte Naziverkloppszene.

Für mich gehört dieses Trio zu den stärksten ostdeutschen Charakteren, die im Film bisher gezeigt worden sind. Es sind gebrochene Menschen und auch wieder nicht, sie schwärmen von früher, von besseren Zeiten, erzählen von ihren Träumen und von ihrer Jugend, verklären dabei aber zu keinem Zeitpunkt die DDR, sondern ordnen sich, ihre Brüche, ihren Schmerz ein in den gesellschaftlichen Wandel, bleiben dabei aber kritisch und offen, wehren sich gegen Anmaßung und Dummheit.

Diesen Spagat zu schaffen in einer Kultur, die Geschichte(n) gern vereinfacht für den sogenannten Mainstream aufbereitet, und dann auch noch in dieser Komplexität filmisch darzustellen – das ist eine Meisterleistung von Regie, Drehbuch und Darstellern.

Am Ende denkt man kein abschließendes “Ja, so war das“. Man denkt: „Ja, so war das, so ist das, so bleibt es vermutlich auch noch eine Weile.” Und dann schaut man die ganze Serie noch einmal von vorne an.

Frischer irischer Wind in Mecklenburg

“Elektrische Fische” von Susan Kreller

Eben noch tut das Gelesene weh, nimmt die Luft, und im nächsten Moment blitzt dieser Humor durch, manchmal subtil, manchmal direkt, immer liebevoll. Susan Kreller ist ihren Protagonisten zugewandt, nimmt sie ernst und behandelt sie mit Respekt. Und sie kann dabei verdammt gut schreiben. Um ehrlich zu sein: es gibt wenige Jugendbuchautor*innen, die so verdammt gut schreiben können wie Susan Kreller.

„Elektrische Fische“ ist ein berührendes und kluges Jugendbuch, das sich wichtigen Fragen junger Menschen stellt. Wann gehöre ich dazu? Wie kann ich mich zugehörig fühlen, wenn die neue Welt fremd und unverständlich ist, ich nicht über mein Leben und Wohl entscheiden kann?

Die Handlung setzt ein in einem ziemlich hoffnungslosen und öden Kaff in Mecklenburg. Doch der trostlose Ort gewinnt unter dem Blick eines Mädchens, das in Irland groß geworden ist und nun mitsamt seinen Geschwistern in die alte Heimat der Mutter ziehen muss, nach und nach an Farbe, wird lebendig und bunt – und mit ihm seine Bewohner. Ganz langsam wird das Heimweh von Emma, die nichts anderes als zurück nach Dublin will, milder, weicht auf, verschwindet manchmal sogar. Und irgendwann, wenn der Wind der Ostsee weicher, irischer wird, tut sich ein Schimmer von Hoffnung am Horizont auf.

Im Grunde ahnt man bereits auf den ersten Romanseiten, dass es genauso kommen wird, kann sich dies aber beim besten Willen nicht vorstellen. Doch Susan Kreller schreibt einfach an gegen diese innere Stimme, die „bloß weg da“ ruft, sanft, beharrlich und mitunter sehr komisch. Trotz der schmerzenden Trostlosigkeit, der Emma und ihre Geschwister in der Fremde und durch die Entwurzelung ausgesetzt sind, weiß man sie dennoch beschützt in diesem großen Ganzen, das die Autorin für sie erschafft. Und das ist auch nötig, denn die Herausforderungen, welche die jungen Menschen hier bewältigen müssen, scheinen oft übermächtig. Das Heimweh ist brachial bis zur Sprachlosigkeit, in der Schule läuft es nicht, die Älteren haben ihre eigenen Probleme, so wie das eben ist. Emma: „Mir fallen die Wörter ein, die ich heute Nachmittag gelernt habe, Kekskuchenwörter und Mutterwörter, ich denke: Kalter Hund, Essengeldturnschuhe, schizophrene Psychose.“

Und so braucht Emma eine Weile, wieder Boden zu bekommen, sich zu öffnen und Zukunft versuchen zu wollen. Dabei hilft ihr der Mecklenburger Junge Levin und die zwischen ihnen aufkeimende Liebe. Auch Levin ist getrieben und belastet, hat eine psychisch kranke Mutter, will Emma aber dabei helfen, zurück nach Irland zu flüchten, obwohl sie ihm in der eigenen Verlorenheit gut tut und genau das ist, was er schon lange nötig hat.

Bestechend ist die raffinierte Perspektive, dieser irische Blick auf Ostdeutschland und auf all die Absurditäten, die durch die andere Kultur, den anderen Alltag, die andere Sprache entstehen. Das entspannt die Angelegenheit ungemein, schafft eine wichtige Distanz und damit letztlich wieder Nähe. Emma schaut aber nicht „nur“ auf ein anderes Land, sondern auch auf ein anderes System, das zwar vergangen, aber in seinen Auswirkungen noch immer spürbar ist. Und so wird es komisch und auch doppelbödig, wenn Emma am ersten Schultag fragt, wer denn Thälmann war (ausgelöst durch eine Straße, die so heißt) und dann selber raten soll. Ein Graf vielleicht? Und dafür ein ruppiges deutsches „Falsch!“ erntet.

Meisterhaft webt Susan Kreller auf diese Art die DDR und die Erfahrungen ihrer Menschen in die Emanzipationsgeschichte von Emma hinein, mit einem überraschenden Effekt. Es scheint, als wäre dieser weiter entfernte Blick und der größere Kontext durchaus geeignet, sich dieser Welt anzunähern.

Mit „Elektrische Fische“ erzählt Susan Kreller eine wahrhaftige Geschichte vom Erwachsenwerden und davon, dass Zugehörigkeit oder „Heimat“ oder „home“ ein Prozess ist, der gern lange andauern kann – insofern er so menschlich und offen angeschaut wird wie in diesem wunderbaren Roman.

Erschienen im Carlsen Verlag

Lesung, Theater, Gespräch – Am 9. November 2019

Noch keine Pläne für den 30. Jahrestag des Mauerfalls?

Ich hätte da einen Tipp. Und zwar lese ich am 9. November 2019 um 17 Uhr am Theater der Altmark in Stendal aus meinem neuen Roman “Wir sehen uns im Westen”.

Danach gibt es das Theaterstück “Jenseits der blauen Grenze”, das ganz toll umgesetzt wurde und euch begeistern wird, und im Anschluss daran folgt dann auch noch ein Publikumsgespräch mit mir zum Stück.

Kommt rum, es gibt noch Karten (den Link zu den Tickets findet ihr weiter unten) und übernachtet doch einfach in Stendal. Ich geb an diesem bunten Abend dann auch einen aus. Im Hotel später dann Kissenschlacht 🙂

Zu den Tickets geht es hier lang.

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Interview mit Australien

Meine Arbeit hat es anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls ans andere Ende der Welt geschafft, und zwar ins australische SBS Radio, das sich an Australier*innen mit nicht englischsprachigem Hintergrund richtet, in dem konkreten Fall an die in Australien lebende deutschsprachige Community.

Herzlichen Dank an Eva Murer. Sie hat mir auf der Frankfurter Buchmesse spannende Fragen zur Friedlichen Revolution der DDR und zur heutigen Situation in Ostdeutschland gestellt. Hört hier doch mal rein.

Dazu passt dann auch gut, dass “Jenseits der blauen Grenze” 2020 in englischer Sprache erscheinen wird.

Kinder- und Jugendliteratur über die DDR

“Jenseits der blauen Grenze” hat es 5 Jahre nach Erscheinen tatsächlich in “Die Zeit” geschafft – dank der großartigen Autorenkollegin Susan Kreller. Ich freue mich riesig über diese Wertschätzung.

Susan Kreller in “Die Zeit” vom 2. Oktober 2019

“Auf dem Mifa-Rad zum Ostseestrand” ist ein sehr lesenswerter und kluger Artikel über die Kinder- und Jugendliteratur der vergangenen Jahre zum Thema DDR.

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“Wer Nazis war, bestimmen wir”

Rassismus und Rechtsextremismus sind ein tief liegendes Phänomen des Ostens und nicht Folge der Wiedervereinigung, wie oft und fahrlässig erzählt wird. Sie müssen daher auch nicht als Systemkritik überinterpretiert werden, sondern als das benannt werden, was sie sind: Rassismus und Rechtsextremismus.

Hier ein erhellender Beitrag zum Thema: Die DDR und ihre Neonazis: Real existierender Rechtsextremismus, Beitrag im Deutschlandfunk von Sabine Adler

Auszug:
Die DDR hatte sowohl ein Neonazi-Problem als auch eines mit Alt-Nazis, erkannte die Buch- und Filmautorin Freya Klier, die in ihrem Umfeld von immer mehr Personen mit einer braunen Vergangenheit erfuhr. Im Gegensatz zur offiziellen Lesart: “Alle Nazis waren im Westen und wir waren auf der Seite der sowjetischen Befreier. Dann lernte ich die ersten Freunde kennen, die mir still mitteilten, dass ihr Vater eigentlich Lehrer war und davor in der NSDAP. Der hatte es dann zu einer großen Parteikarriere in der DDR geschafft. Die Polizei wurde übernommen, also Mittelbau, Unterbau komplett. Es spielte dann schon bald keine Rolle mehr, wer was war vorher. Dann ging immer der Spruch rum: Wer Nazis war, bestimmen wir.“

Hier geht zum Beitrag des Deutschlandfunk

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