Narzissmus

Im Park. Ich schraube in der Abendsonne an meinem Rad herum, als es hinter mir unerwartet laut wird.
„Wo seid ihr?“, ruft eine Frau. „Ich kann euch nicht finden!“
Dezent drehe ich mich um. Ungefähr zwanzig Jahre alt, blaues Flatterkleid, sehr hohe Schuhe, Handy.
„Ich suche euch schon seit Minuten. Wo seid ihr?“
(Ihr Gesprächspartner sagt etwas).
„Ich weiß nicht, wo das ist!“
Sie macht einen Schritt in die eine, dann in die andere Richtung, wirkt sehr erbost.
„Das weiß ich aber nicht! Und ich habe echt keine Lust, hier weiter rumzurennen!“
(Ihr Gesprächspartner sagt etwas).
„Ich bin da, wo die Sonne ist!“
Ich grinse, wende mich wieder meinem Rad zu.
„Siehst du die Sonne? Da bin ich!“
Ich lache auf, schon nicht mehr dezent. Sie ist so in Rage, dass sie es nicht hört, schreit: „Hallo! Ich weiß aber nicht, wo das sein soll!“
(Ihr Gesprächspartner sagt etwas, vermutlich etwas Beruhigendes).
„Ich laufe jetzt hin und her, siehst du mich?“ Die Hacken ihrer Schuhe knallen über den Asphalt, ich spüre einen Windhauch, vermutlich verursacht von ihrem Kleid. „Wieso kannst du mich nicht sehen? Bist du blind? Siehst du die Sonne?“
Alle irre, denke ich und schüttle den Kopf. Alle irre. Und bin dann plötzlich doch sehr müde.
„Also! Es reicht mir jetzt echt“, ruft sie. „Wenn mich nicht sofort jemand von da abholt, wo die Sonne ist, dann gehe ich nach Hause.“
„Tja“, sage ich laut zu meiner Speiche, befestige einen Reflektor. „Dann geh doch nach Hause.“