Dorit Linke, Autorin

Lesungen, Workshops, politische Bildung

Schlagwort: Kriegskinder

Kreative, kluge Ergebnisse – Schreibworkshop „Schule in der Diktatur“

Wie wirken sich diktatorische Systeme auf Menschen, auf ihr Denken und damit auf die Sprache aus?

Das war unter anderem Thema des Schreibworkshops „Schule in der Diktatur“, der Anfang September 2019 in einer Rostocker Schule stattgefunden hat und – angelehnt an den Roman „Jenseits der blauen Grenze“ – von der Flucht zweier Jugendlicher aus der DDR über die Ostsee erzählt.

Die Jugendlichen erarbeiteten Merkmale einer diktatorischen Sprache und diskutierten darüber, wie sich diese von der Sprache der Demokratie unterscheidet. Sie verfassten eigene Texte, wechselten Perspektiven und Zeitformen, verorteten Romanszenen in die heutige Zeit und untersuchten, wie sich diese in Sprache, Handlung und Gefühlen unterscheiden würden.

Sie äußerten ihre Eindrücke nach dem Lesen von Zeitzeugenberichten, versetzten sich in konkrete damalige Lebenssituationen und schrieben über ihre Gedanken und Empfindungen, die sie dabei hatten. Welche Jugendsprache wurde in den 80er Jahren in der DDR verwendet, welche Wörter finden wir heute noch in unserem Sprachgebrauch?

Wir behandelten das Thema Schule in der DDR, den Alltag der Menschen und ihre Erfahrungen in diesem System, sprachen dabei über Zensur und über die Schere im Kopf.

Herzlichen Dank an Dr. Katrin Möller-Funck (Kempowski-Archiv) und Juliane Foth (Literaturhaus Rostock) für die Möglichkeit, dass ich diesen Workshop gestalten und in meiner Heimatstadt Rostock durchführen konnte. Herzlichen Dank an die Lehrer*innen und Schüler*innen der Werkstatt-Schule Rostock für das Interesse an diesem Projekt und die tolle und inspirierende Zeit!

Die Jugendlichen ließen sich erstaunlich gut auf dieses doch recht schwere Thema ein, hatten oft überraschende Ideen und entwickelten diese weiter, wechselten die Perspektive, gingen sprachlich neue Wege und waren sehr offen für die Berichte von Zeitzeugen, die in unsere Arbeit eingeflossen sind. Das war für mich eine schöne Erfahrung. Danke dafür!

Nun lasse ich Bilder, Texte und Zitate der Jugendlichen sprechen.

Sie sind Lehrerin oder Lehrer und finden das Thema wichtig und interessant? Sie planen eine Projektwoche? Bitte kontaktieren Sie mich über dieses Formular.

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Herausragend: „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel

Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt.


Vor dem Hintergrund der eigenen familiären und systembedingten Gewalterfahrung und angesichts des Verlustes ihres Bruders gelingt es Ines Geipel, ihre sehr persönliche Familiengeschichte so zu erzählen, dass diese Rückschlüsse auf die Identität der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Generationen zulässt. Eine unglaubliche Leistung.


Das Buch „Umkämpfte Zone“ erinnert daran, die drängende Diskussion über die ostdeutsche Vergangenheit nicht erst ab 1989 zu führen, sondern viel früher damit zu beginnen, um die starken rechten Tendenzen und die Gewalt, die sich in Ostdeutschland unüberhörbar Bahn brechen, zu verstehen und ihnen begegnen zu können. Der rechte Hass, das Bekenntnis vieler Menschen zu AFD und Pegida teilen die „Generation Mauer“ erneut, trotz des gleichen Hintergrunds und ähnlicher Erfahrungen. Woher kommt diese Lust an der Gewalt, diese „kollektive Angst“ des Ostens, diese „Sehnsucht nach Zerstörung“?

Ines Geipel beleuchtet die Auswirkungen der Doppeldiktatur auf Ostdeutschland: Schweigen, seit 1945 und fortan über Generationen hinweg. Schweigen über Schuld, über Verbrechen, über Lähmung, über Unrecht, über die Abwesenheit von Mitleid, über Angst, über Fremdenhass und dem Hass auf das, was anders war – Kein 1968. Und alles vor dem Hintergrund des verordneten, entlastend wirkenden Antifaschismus – man war auf der richtigen Seite. Sie zeigt auf, dass nicht gesühnte Schuld und das Wissen der Autoritäten darum – vor allem in Kombination mit Privilegien – Menschen erpressbar machten, zu weiterem Unheil führten, zu noch mehr Verbrechen, zu noch größerer Angst. Und Ines Geipel verdeutlicht, wie Generationen in die Pflicht genommen wurden, dieses Schweigen – koste es, was es wolle – durch die Diktaturen zu tragen.

Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. Ich gehöre der Generation an, die mit dem Mauerfall volljährig war. Damals ist mir die Tragweite der Doppeldiktatur (das Wort gab es ohnehin nicht) im Hinblick auf meine Generation nicht in den Sinn gekommen, schließlich brachen wir auf in die neue und demokratische Welt, und alles war plötzlich gut, auch die Rückschau auf das „Davor“. Das war vielleicht naiv, angesichts der Brutalitäten, die wir aufgrund unserer späteren Geburt zwar nur kurz, aber auch erlebt hatten, oft in Form von übertragenen Ängsten, oft aber auch real. Auch die Kinder und Jugendlichen meiner Generation wurden den Autoritäten zum Fraß vorgeworfen, in die Hände der „Organe“ übergeben, sobald sie rebellierten und /oder das Vermeidungsgerüst der Eltern und der Gesellschaft in Frage stellten – und damit deren Existenzberechtigung an sich. Hass war und ist die Folge. Menschen mit derartigen Erfahrungen suchen das Weite, verfallen in Schweigen oder radikalisieren sich vor Ort, alles geschehen nach 1989. Ergebnis: die Verwahrlosung ganzer Gebiete in Ostdeutschland, kulturell, politisch, humanistisch. Wenn wir Ostdeutschland erst ab 1989 erzählen, beginnen wir mit seinem Ende, nicht mit dem Anfang. All das verdeutlicht „Umkämpfte Zone“ mit Logik und Empathie.

In den Brüchen offenbaren sich die Parallelen der beiden Diktaturen. Ein Satz im Buch, der die Nachkriegszeit 1945 beschreibt, zeigt dies auf einfache, frappierende Weise: „Es war eine Zeit der Personalfragebögen, der geschönten Zeugnisse, der Denunziationen und Legendenbildungen.“ Dies lässt sich original auf die frühen 90er Jahre übertragen.

Eingebettet in ihr Erzählen findet Ines Geipel immer wieder prägnante, glasklare Sätze. „Ich möchte, dass die Wörter an der Stelle richtige Wörter sind. Wörter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen.“

Schwer auszuhaltende Sätze, wenn es um das Beschreiben von persönlich erlebter Gewalt geht. „Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und lässt sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Es bleibt, es bleibt da, es muss da bleiben.“

Da ist die Liebe zu ihrem Bruder. Sie nennt ihn ihren „Kernmenschen“, und wenn man das Buch liest, versteht man, warum. Es gibt diese Kernmenschen für uns, in jeder Epoche, in jeder Zeit – das versöhnt vielleicht ein wenig. „Was ich von den Sternen weiß, weiß ich von ihm.“ Trauriger und schöner kann ein Mensch nicht Abschied nehmen.

Danke, Ines Geipel, für die richtigen Wörter, danke für dieses herausragende Buch.

Aus historischen Gründen tue ich mich schwer mit autoritär klingenden Sätzen, doch jetzt versuche ich einen: „Umkämpfte Zone“ sollten alle Ostdeutschen lesen. Und dann darüber sprechen, mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern, mit ihren Kindern, mit ihren Freunden und Wegbegleitern.

Ines Geipel, Umkämpfte Zone, Mein Bruder, der Osten und der Hass.
Hier erhältlich: Klett-Cotta-Verlag

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