Dorit Linke, Autorin

Wissen, Werte und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Schlagwort: Politische Bildung Seite 1 von 2

Autorencoaching: Das eigene Onlinelesungskonzept

Das Konzept einer Lesung vor Ort lässt sich nicht auf Onlinelesungen übertragen, da Literatur– und Inhaltsvermittlung digital anders funktioniert als analog. Die junge Generation muss jedoch digital und im Sinne der Leseförderung erreicht werden.

Onlinelesung – Methoden, Materialien und Ideen für das neue Vermittlungskonzept

Für viele Autor*innen ist das Onlineformat Neuland. Ich biete Schulungen an, unterstütze bei Konzeptentwicklung und Dramaturgie dieser Veranstaltungen als auch bei inhaltlichen und technischen Fragen. Welche Medien, Bausteine und Methoden ermöglichen die gewünschte Interaktivität und bestmögliche Wissensvermittlung?

Ziel: Erstellung eines transparenten und leicht umsetzbaren Onlinelesungskonzepts, das den Inhalten und Strategien der Teilnehmenden entspricht und somit auf ihre zukünftigen Bücher übertragen werden kann.

Kosten Online-Workshop 2 x 90 Minuten

Gruppencoaching: 
4 Personen je 275 Euro zzgl. MwSt.

Einzelcoaching
480 Euro zzgl. MwSt.

Bitte kontaktieren Sie mich über das unten stehende Kontaktformular oder schlagen unverbindlich über den Button „jetzt Termin vereinbaren“ einen ebensolchen vor. Bitte lassen Sie mich dabei wissen, ob Sie an einem Einzel- oder Gruppencoaching interessiert sind.

credit Foto Mädchen auf Buch: iStock

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    Digitale Bildung 2021 – ein Podcast

    2020 hat uns gezeigt, dass es nicht klug ist, sich Neuem zu verschließen. Um es in einem Satz zu sagen: Wären die Möglichkeiten der Digitalisierung bereits vor Corona im Fokus gewesen, hätte die Pandemie weniger stark unseren Schulbetrieb treffen können.

    Doch genug der Konjunktive: Mittlerweile haben wir zum Glück verstanden, dass es – trotz des großartigen Engagements einzelner Lehrerinnen, Lehrer und Förderer – vor allem an personeller Kompetenz fehlt. Trotz des ambitionierten „Digitalpakt Schule“ gibt es noch immer zu wenig digitale Infrastruktur an den Schulen. Es fehlen medienpädagogische Konzepte und Anleitung durch digital ausgebildetes Personal, der digitale Unterricht ist weitestgehend vom Engagement einzelner Lehrerinnen und Lehrer abhängig.

    Der Nationale Bildungsbericht und der Bildungsbericht der OECD kritisierten in 2020 die digitale Bildung Deutschlands und konstatierten, dass unser Land keine überzeugende Strategie für Bildung in der digitalisierten Welt hat, obwohl digitaler Unterricht dabei helfen kann, die Potentiale aller Menschen jederzeit zur Geltung zu bringen, Stichwort Inklusion. Er kann bei umfangreichen Klassengrößen dem Einzelnen ermöglichen, unabhängig von anderen weiterzuarbeiten, so zum Beispiel mit Hilfe von digitalen Lernbegleitern.

    Unsere Vision: Lehrer brauchen dringend neben digitalen Fortbildungen rund um die Uhr erreichbare Telefon-Hotlines und permanente Unterstützung durch Medienpädagogen und IT-Personal. Digitaler Unterricht muss ein Ausbildungsfach für Pädagogen werden.

    Wer sind wir?

    Katharina Lifson, Medienpädagogin und Vorstandsvorsitzende von METIS e.V.
    Dorit Linke, Autorin, digitale Konzepte, Vorstandsmitglied von METIS e.V.
    METIS e.V. arbeitet zusammen mit Schulen, Bibliotheken, Vereinen – und zwar bundesweit.

    Unsere Projekte haben mehrere Ebenen:
    Arbeit mit konkreten Romanen
    medienpädagogische Ebene und Didaktik
    Inszenierung von Geschichte/n

    Weiterführende Informationen unter:

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    Multimediale Buchpräsentationen

    Mein Lesungs-Angebot für Schulklassen, Bibliotheken, Lesefestivals und andere Veranstalter habe ich visualisiert.

    Wichtig: Ich lese auch online und interaktiv für Klassenverbände, die unter den gegebenen Umständen nicht zusammen sein können.

    Die Onlineveranstaltungen sind kleinteilig und abwechslungsreich. Ich begleite die Lesungen mit Fotomaterial und lasse die Schüler*innen unter anderem ein Quiz zum Thema „DDR“ lösen. Selbstverständlich kommen wir miteinander ins Gespräch. Es macht Spaß und ist lehrreich, davon zeugen auch die Rückmeldungen 🙂

    Konzeptionell: Multimediale Buchpräsentationen, interaktive Onlinelesungen, Zeitzeugengespräche

    Inhaltlich: Leben in der DDR, Alltag von Jugendlichen, Aufwachsen im geteilten Berlin, Friedliche Revolution, Mauerfall, Wiedervereinigung

    Das Format lässt sich gut in den Unterricht integrieren und ist – abhängig vom jeweiligen Roman – geeignet ab der 6. Klasse. Mein Fokus liegt auf der Vermittlung von Wissen und der Förderung der Lesekompetenz junger Menschen. Unterrichtsmaterialien liegen vor.

    Termine können hier vereinbart werden

    Weitere Infos über mich und meine Arbeit findet ihr auf dieser Webseite. Bei Fragen bitte einfach über das Kontaktformular melden. Ahoi und bis bald im Klassenzimmer!

    Östliche und westliche Perspektiven auf Kulturelle Bildung

    Im November war ich in der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid zu Gast. Die Podiumsdiskussion zum Thema: „Keine Frage des Standorts – Östliche und westliche Perspektiven auf Kulturelle Bildung“ wurde von der Journalistin Susann Krieger moderiert und vom WDR ausgestrahlt.

    Weitere Gäste waren: Prof. Dr. Susanne Keuchel, Direktorin der Akademie der Kulturellen Bildung; Klaus Farin, Publizist und Gründer des Archivs der Jugendkulturen, Dr. Marcus Böick, Historiker, Ruhr-Universität Bochum und Valerie Schönian, Autorin.

    „30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung fragen viele immer noch nach der Herkunft aus Ost – oder Westdeutschland, weil damit eine bestimmte Form der Sozialisation und kulturellen Prägung verbunden ist. Gibt es Unterschiede in der Kulturellen Bildung zwischen Ost und West? Begegnen sich fachliche Perspektiven auf Augenhöhe? Und was kann Kulturelle Bildung tun, um mögliche Distanzen zu überbrücken und für Kinder und Jugendliche gesellschaftliche Gemeinsamkeiten herauszustellen? Über gesamtdeutsche Herausforderungen und Perspektiven in der Kulturellen Bildung diskutiert Susann Krieger mit ihren Gästen.“ (WDR, 2020)

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    Foto: iStock 532418433, Nash1966

    Onlinelesung – neue Konzepte

    Liebe Autorinnen und Autoren,

    seit mehr als einem Jahr veranstalte ich erfolgreich Onlinelesungen, da die junge Generation meines Erachtens auch digital Zugang zur Literatur erhalten sollte – im Sinne der Leseförderung.

    Obwohl das Onlineformat in den vergangenen Monaten ein großes Thema war, ist es dennoch für viele von euch noch Neuland.

    Etwas habe ich in der Vergangenheit ganz sicher gelernt: Literaturvermittlung funktioniert digital anders als analog. Ihr benötigt neue Bausteine und Medien, um die verschiedenen Inhalte und Themen eurer Bücher digital zu transportieren, schließlich sollen lebendige Interaktivität und bestmögliche Wissensvermittlung auch auf digitalem Weg gewährleistet bleiben.

    In Einzelschulungen, die online oder in Präsenzterminen stattfinden, unterstütze ich euch bei der Konzeptentwicklung. Gemeinsam erstellen wir ein Onlinelesungskonzept, das eurer inhaltlichen Ausrichtung entspricht und auf eure zukünftigen Bücher übertragen werden kann.

    Klingt gut? Meldet euch doch einfach unverbindlich, ich freue mich auf euch: info(at)dorit-linke.de

    Unverbindliche Terminanfrage:

    Für Autoren: Das eigene Onlinelesungskonzept

    Das Konzept einer Lesung vor Ort lässt sich nicht auf Onlinelesungen übertragen, da Literatur– und Inhaltsvermittlung digital anders funktioniert als analog. Die junge Generation muss jedoch digital und im Sinne der Leseförderung erreicht werden.

    Für viele Autor*innen ist das Onlineformat Neuland. Ich biete Schulungen an, unterstütze bei der Konzeptentwicklung als auch bei inhaltlichen, technischen oder strategischen Fragen.

    Welche Medien und Bausteine ermöglichen die gewünschte Interaktivität und bestmögliche Wissensvermittlung? Die Antworten sind oft allgemeingültig, müssen aber für die unterschiedlichen Bücher und Inhalte immer wieder neu gefunden werden.

    In Einzelschulungen, online oder telefonisch, führe ich an das Thema heran.

    Ziel: Erstellung eines transparenten und leicht umsetzbaren Onlinelesungskonzepts, das Ihren Inhalten und Strategien entspricht und somit auf Ihre zukünftigen Bücher übertragen werden kann.

    Kosten insgesamt: 480 Euro zzgl. Mehrwertsteuer.

    Bei Interesse kontaktieren Sie mich bitte per Mail oder schlagen unverbindlich über den Button „jetzt Termin vereinbaren“ einen ebensolchen vor. Vielen Dank für das Interesse.

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      Auf Sicht fahren – Geht’s noch?

      Eine Haltung prägte die letzten Jahrzehnte der Buchbranche: „Wir versuchen es auf unsere Art, so lange es eben geht. Und wenn es nicht mehr geht, dann übernehmen die, die es können.“ Mit dieser innovationsfeindlichen Verhaltensweise wurde dem Neoliberalismus Tür und Tor geöffnet. Und er hat mittlerweile übernommen. Eine steile These? Schauen wir uns mal die aktuelle Wirklichkeit an.

      Wie oft habe ich den vergangenen Wochen von Autoren, die nicht „nur“ zwei, drei Bücher (immerhin!), sondern weit mehr veröffentlicht haben, gehört: „Ohne Lesungen kann ich nicht weitermachen“.  Die letzte gute, konventionelle, mehr oder weniger regelmäßige Einnahmequelle ist derzeit versiegt. Ob, wann und wie sie wieder zu sprudeln anfangen wird, steht in den Sternen. Doch davon hängt für hauptberufliche Autoren nun fast alles ab.

      Untervergütung, Dumpingpreise, Flatrates, eine desaströse digitale Verwertung zwingen Autoren schon lange in die Knie. Bücher lohnen sich nicht für die, die sie schreiben, zumindest nicht finanziell. Das ist nichts Neues, das wissen Verlage, Lektoren, Vertriebler, Buchhändler, Agenten seit Jahren. „Der Markt gibt nicht mehr her“, ist das Totschlagargument seit Jahren. Diesem Mantra hat man sich ausgeliefert, es akzeptiert, weil es irgendwie funktioniert hat. Bis jetzt.

      Das Buchbranchenkartenhaus droht zusammenzukrachen, so wie andere Kartenhäuser unserer Gesellschaft auch. Buchhandlungen sind geschlossen, der mächtigste Onlinehändler liefert vorzugsweise andere Waren aus, geplante Neuerscheinungen werden verschoben, Veranstaltungen fallen aus, die Absagen reichen aktuell bis in den Herbst hinein.

      Ein Großteil der Autoren sieht in Zeiten von Corona nun kein Land mehr. Einfache Wahrheit: Die am Anfang der Verwertungskette stehen, springen als erste über die Klinge, Ausnahmen gibt es immer. Systemrelevanz wird nicht wertgeschätzt, das ist die simple, systemimmanente Wahrheit. Zu Recht regen sich die Leute in den sozialen Diensten über das Balkongeklatsche auf, so nett es auch gemeint ist. Immerhin können wir Autoren weiterschreiben, das zumindest bleibt. Und so gesehen sind wir mit dieser Kernkompetenz ganz am Ende dann doch wieder vorn, insofern wir durchhalten und noch Bock auf all das haben.

      In den letzten Tagen haben wir häufig die Formulierung aus der Buchbranche gehört, man müsse jetzt „auf Sicht fahren“ – in Zeiten der Digitalisierung ist dies das größte, ärgerlichste Armutszeugnis überhaupt, es ist verantwortungslos den Wertschöpfenden gegenüber, doch die Formulierung beschreibt gut den Zustand, der seit Jahren beharrlich verteidigt wird. Also weiter auf Sicht fahren.

      Gleichzeitig sehen wir aber auch, wie schnell es gehen kann mit den neuen Ideen (die so neu nicht sind). Etliche Schulen führen rasant digitale Formate und Konferenzsoftware ein. Datenschutz?  Ist doch jetzt egal! Plötzlich scheint einiges möglich, plötzlich ist da ein Pioniergeist, ein „Über-den-Tellerrand-Schauen“, eine trotz allem vorwärtsdrängende Stimmung. Ich wünschte, wir hätten dies in ruhigen Zeiten getan, hätten achtsam und mit der nötigen Besonnenheit umstrukturiert, hätten Abwehr gegen das Unbekannte ersetzt durch Neugier auf das Neue. Eine vernünftige Abwägung von Innovationsdruck, Sicherheit und Werten hätte längst stattfinden und auch umgesetzt werden müssen.

      Doch hätte hätte muss nun vorerst zuhause bleiben.

      Ich schreibe derweil weiter.

      Das Ende des Jugendwerkhofs Torgau

      In den Jugendwerkhof Torgau, einem früheren Gefängnis, wurden zu Zeiten der DDR über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren willkürlich und ohne richterlichen Beschluss zu Umerziehungsmaßnahmen eingewiesen. Sie waren dort militärischem Drill, Isolation und Misshandlungen ausgesetzt. Die meisten Jugendlichen zerbrachen an ihrer Verzweiflung, manche sahen keinen Ausweg und nahmen sich das Leben.

      Im Zuge der friedlichen Revolution im November 1989 wurde der Jugendwerkhof vom Ministerium für Volksbildung überstürzt aufgelöst und die sofortige Dokumentenvernichtung angeordnet.

      Meine Kurzgeschichte aus dem Jahr 2007 erzählt aus der Sicht eines Erziehers und soll die Haltung zeigen, die im Umgang mit unangepassten Kindern und Jugendlichen in der DDR vorherrschte.

      Im anderen Licht
      von Dorit Linke, Berlin 2007, Wettbewerbsbeitrag des Autorinnenforums

      Gestern kam der Anruf aus dem Ministerium. Wir sollen die Jugendlichen in ihre Stammeinrichtungen zurückführen und alle Dokumente vernichten.

      Kurt, der schräg vor mir sitzt, ist eifrig dabei. Obwohl wir ihn nicht darum gebeten haben, erläutert er uns die Situation. Wir verbrächten die Nacht nur deshalb hier, weil sich auf dem Alexanderplatz ein paar Uneinsichtige und vom Westen Aufgestachelte zusammengerottet und den Wunsch nach freien Wahlen geäußert haben.

      Ich höre seinem Geschwätz nicht zu. Eine Seite nach der anderen zerreiße ich und stopfe die Schnipsel in schwarze Säcke, die ich auf den hell erleuchteten Flur trage, vorbei an ungewohnt leeren Regalen. Obwohl auch in anderen Räumen gearbeitet wird, ist es still im Haus.

      Mir gegenüber wühlt sich Monika durch einen Haufen Papier. Fortwährend streicht sie ihre grüne Bluse glatt und sieht hinaus in die Dunkelheit. Sie ist nervös, weil sie den Zweck unserer Arbeit aus den Augen verliert. Lies nicht alles, was dir in die Hände fällt, ermahne ich sie, doch sie beachtet mich nicht. Auf die Art werden wir nie fertig.

      Sven M., geboren am 28.3.1972. Mitteilung an die Eltern, dass ihr Sohn mit Genehmigung des Ministeriums für Volksbildung in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt wurde. Er blieb fast sechs Monate. Nach seiner Ankunft heulte er jeden Tag, doch die Jungen seiner Gruppe machten ihm schnell klar, was sie von seinem Gejammer hielten. Erziehung im Kollektiv ist ein wirksames Mittel.

      Kurt erklärt uns gerade, warum die Anderen unsere Arbeit nicht verstehen werden. Wen meinst du damit, frage ich leise. Der Klang meiner Stimme warnt ihn. Nun ja, entgegnet er, wirft eine leere Akte auf den Boden und greift zum nächsten Schriftstück. Sein unordentlicher Arbeitsplatz spricht für sich. Keine Linie, keine Besonnenheit. Doch auch die Verantwortlichen im Ministerium sind in Eile. Offenbar kommt den Genossen nicht in den Sinn, dass unsere Aktion bei Nacht und Nebel wie ein Schuldeingeständnis wirkt.

      Jochen F., geboren am 15.4.1974, uneinsichtig und provokant. In der Werkstatt aß er Nägel, weil er annahm, wir würden ihn ins Krankenhaus bringen. Für solche Fälle braucht man keinen Arzt. Wir gaben ihm Sauerkraut und steckten ihn in die Arrestzelle. Er hat die ganze Nacht gebrüllt vor Schmerzen.

      Kurt fragt in das schlecht gelüftete Zimmer, was wohl die westdeutsche Presse zu unserer derzeitigen Tätigkeit sagen wird. Monikas Züge frieren ein. Das halbdurchgerissene Foto einer langhaarigen Jugendlichen schwebt zwischen ihren Händen.

      Die Haare schneiden wir grundsätzlich runter auf zwei Millimeter. Den Jungen macht das kaum etwas aus, abgesehen von den Hippies und den Punks. Die Mädchen heulen und die Skinheads verhöhnen uns, weil die Maßnahme für sie überflüssig ist. Natürlich werden die Opportunisten der Bildzeitung über uns hetzen. Das bedeutet überhaupt nichts.

      Dennoch werde ich wütend bei der Vorstellung, wie ein weichgespülter westlicher Pädagoge, der noch nie etwas von Makarenko und den Normen des sozialistischen Zusammenlebens gehört hat, unsere Erziehungsmethoden beurteilt. Wie soll er in seiner dekadenten Welt etwas von Disziplin wissen. Er verbreitet die groteske Idee der antiautoritären Erziehung und predigt Egoismus. Was dabei herauskommt, sehen wir jeden Tag im Fernsehen. Schund, Arbeitslosigkeit, Elend. Die Menschen, die nun wie Schafe blöken, dass sie das Volk seien, sind sich nicht darüber bewusst, welche Geister sie rufen.

      Soeben kam wieder ein Anruf, dieses Mal vom Rat des Bezirkes. Die ganze Hierarchie wird jetzt durchlaufen. Die Genossen erkundigen sich nach unseren Fortschritten. Kurt und ich holen neue Akten aus dem Nachbarzimmer. Monika sitzt steif auf ihrem Stuhl und rührt sich nicht. Du arbeitest zu langsam, sage ich.

      Ohne mich anzusehen steht sie auf und geht zur Tür. Als sie weg ist, zwinkert Kurt mir zu, als hätten wir etwas gemein. Ich reagiere nicht. Fahrig nimmt er seine winzige Brille ab und putzt sie umständlich. Dann beugt er sich über seinen Schreibtisch.

      Monika kehrt zurück und berichtet, dass der Jugendliche, der bis eben unten im Fuchsbau war, die Zelle nicht verlassen will. Da Kurt sich benimmt, als hätte er nichts gehört, ruhen ihre Augen auf mir. Er kann vermutlich nicht laufen, sage ich und stopfe Papierreste in den Sack.

      Erschüttert dreht sie sich weg. Ihre Fassungslosigkeit ist nur Theater. Sie weiß ebenso wie ich, dass jeder das fensterlose Kabuff, das zu klein zum Liegen oder Stehen ist, verstört verlässt. Man verliert die Orientierung, oben, unten, rechts und links gibt es da drin nicht mehr. Letztes Jahr hat mich ein Jugendlicher, der vierundzwanzig Stunden im Fuchsbaus gewesen war, nach seinem Namen gefragt. Dieser Zustand ist hart, aber zweckmäßig. Er erhöht die Bereitschaft zur Umerziehung.

      Kurt geht hinaus auf den Flur. Monika folgt ihm, weil sie nicht mit mir allein sein möchte. Das beruht auf Gegenseitigkeit.

      Die nächste Akte ist umfangreich, oben auf der letzte Eintrag. Vorkommnismeldung: Am 29.4.1988 wurde Patrick B., 1971 in Jena geboren, um 17.25 vom Erzieher in der Isolierzelle erhängt aufgefunden. Die Mutter des Jugendlichen wurde vom Direktor des Jugendwerkhofes persönlich über den Tod ihres Sohnes informiert.

      Die Tür öffnet sich wieder. Kurt und Monika stellen Kaffeebecher und Kekse auf den Tisch und diskutieren die aktuelle Direktive des Ministeriums. Das Gebäude soll so umgebaut werden, dass es nicht mehr den Eindruck eines Gefängnisses vermittelt. Monika verzweifelt an der absurden Anweisung der Genossen, trinkt hastig und verbrüht sich. Kaffee spritzt auf eine Akte aus dem Jahre 1981.

      Drei Meter hohe Mauern, Suchscheinwerfer, Wachhunde, an den Eckpunkten Wachtürme, vergitterte Fenster und Türen. Unwillkürlich lächle ich, als ich mich frage, wie man sich im Ministerium die Metamorphose zu einem Erholungsheim denn vorstellt.

      Dir macht das alles überhaupt nichts aus, fährt mich Monika an. Vor allem ihr Ton überrascht mich. Ich mache mir Sorgen um meinen Mann, verkündet sie. Der ist Major bei der Volksarmee und seit Wochen in Gefechtsbereitschaft.

      Soll er gefälligst seine Pflicht tun, sage ich.
      Sofort fällt Monika in sich zusammen. Es könnte Bürgerkrieg geben, flüstert sie.

      Endlich mal ein vernünftiger Gedanke. Ich wundere mich über das lange Zögern unserer Regierung. Schleunigst Panzer auf die Straße, dann hat auch das blöde Rumgerenne mit den Kerzen ein Ende.

      Die Genossen wissen, was zu tun ist, beschwichtigt sie Kurt.
      Da bin ich mir nicht sicher. Ich vermeide es, ihn anzusehen. Noch kann er sich nicht entscheiden, wovor er eigentlich Angst hat, charakteristisch für Menschen ohne festen Standpunkt. Er fürchtet sich vor der Partei, vor dem Westen, vor den selbsternannten Menschenrechtlern. Und vor mir.

      Udo M.: fünf Tage Arrest wegen Ungehorsam und hartnäckigem Lügen. Beim morgendlichen Sport behauptete er, Knieschmerzen zu haben. Es war Kurt, der dem Jugendlichen sein Schlüsselbund solange ins Gesicht schlug, bis dieser endlich sein Soll erfüllte. Ich fühle mich beobachtet und sehe auf.
      Monika starrt mich an. Warum ich Erzieher werden wollte, fragt sie.

      Ich zerfetze mehrere Seiten, ziehe den nächsten Ordner heran und öffne ihn unachtsam. Fotos der Jugendlichen häufen sich vor mir, einige gleiten hinunter auf den Boden. Die Jahrgänge geraten durcheinander. Mein Puls steigt. Ich bevorzuge exaktes Arbeiten.

      Kurt setzt sich in Position. Fragst du dich nicht auch, ob wir nicht zu hart zu den Kindern waren? Dass ausgerechnet er von mir eine Stellungnahme erwartet, ist eine Unverschämtheit.

      Es erscheint nun vieles in einem anderen Licht, sinniert Monika. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen und verliere einen Moment die Fassung. Wie das, frage ich, reflektiert das Licht plötzlich anders als vor ein paar Tagen?
      So meinen wir das doch nicht, entgegnet Kurt herablassend.
      Aha, der ehemalige Physiklehrer, ereifert sich Monika.

      Ich habe genug von den Mätzchen, stehe auf und trete zum Fenster. Erst jetzt nehme ich den Kaffeegeruch wahr, der im Raum hängt.
      Einige Jugendliche laufen im blauen Licht der Dämmerung über den Hof. Sie tragen ihre Zivilkleidung, haben den Werkhofsanzug abgelegt. Ein Junge schiebt seine Hände in die Taschen und schaut am Haus empor. Ich sehe seinen Atem. Es ist kalt für Anfang November.

      Vermutlich denkt er an seine Ankunft in Torgau, an das Ende seiner Illusionen. Als er mich sieht, senkt er sofort seinen Kopf und geht auf das schwere Eingangstor zu. Man wird ihm falsche Ideale auftischen und unsere unvollendete Arbeit mit Füßen treten.

      Den neuen Menschen erschafft man nicht über Nacht.

      Hinter mir arbeiten Monika und Kurt mechanisch, haben einen Rhythmus gefunden. Die Stille, die vom Geräusch reißenden Papiers strukturiert wird, ist wohltuend, mein Puls wieder gleichmäßig.

      Am Tor zögert der Junge und bleibt stehen. Hilflos sieht er sich um. Schon jetzt findet er sich nicht mehr zurecht.

      Er tut mir nicht leid.
      Es ist mir egal, was aus ihm wird.
      Sollen die Elemente, die nun aus ihren Löchern kriechen, sich über ihn den Kopf zerbrechen.

      Quelle: picture alliance / dpa


      Die Friedliche Revolution in Rostock

      Der Fotograf Roland Hartig hat im Herbst 1989 mutig und beherzt die Friedliche Revolution in Rostock fotografiert und dokumentiert.

      Anfangs waren die Demonstranten aus Angst oder Unsicherheit nicht davon begeistert, dass jemand Fotos von ihnen anfertigte. Immer wieder hörte man Rufe wie „keine Fotos“ oder „keine Stasi“. Man rechnete eher damit, von der Staatssicherheit überwacht zu werden als mit einem privaten Fotografen, der die historische Dimension begriff und festhalten wollte. Wie gut, dass sich Roland Hartig nicht von seinem Vorhaben hat abbringen lassen.

      Entstanden ist eine einzigartige Chronik der damaligen Ereignisse in meiner Heimatstadt. Dafür sage ich – nach 30 Jahren – herzlich Danke!

      Die Erklärungen zu den Fotos hat er ebenfalls verfasst.

      Weitere Fotos folgen in den kommenden Tagen. Du möchtest darüber informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Das Spruchband „Zutrauen zur Zukunft – Neues Forum“ und der Schmetterling „Gewaltfrei für Demokratie“ sind die Erkennungszeichen der Donnerstagsdemonstrationen im Herbst 1989 in Rostock. Dabei trägt Stephan Mahlburg den bunten Butterfly stets voran, den er in der Tischlerei Riebe erschaffen hat. Heute schmückt das Werk sein Büro, von wo er als Sozialrichter agiert. Eine Kopie befindet sich in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock.

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Am 12. Oktober 1989 wird die zweite Fürbittandacht in Rostock auf Grund des großen Zulaufs von etwa 3000 Bürgerinnen und Bürgern in die Marienkirche verlegt. Vor der Kirche formiert sich eine Mahnwache.

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Die friedliche Revolution in Rostock 1989, die neben den Demo-Hochburgen Leipzig und Berlin auch hier von den Kirchen ausging, nahm Anfang Oktober 1989 an Fahrt auf. So beginnt in der Rostocker Petrikirche am 5. Oktober um 20 Uhr die erste Fürbittandacht für inhaftierte Leipziger Demonstranten. Mehr als 500 Menschen kommen. Die Umweltgruppe der Petri-Nikolai-Gemeinde hat die Andacht initiiert. Zudem wird in den Rostocker Kirchen ein Schreiben mit dem Titel „Aufbruch 89 – Neues Forum“ verteilt. 

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Nach dem Donnerstagsgottesdienst am 19. Oktober 1989 formiert sich die erste „Donnerstagsdemo“ ausgehend von der Marienkirche und Petrikirche mit mehreren tausend Teilnehmern. Die Beteiligung an den Demonstrationen wächst von Woche zu Woche.

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Die Marienkirche entwickelt sich zum Zentrum der Herbstbewegung in Rostock. Am 19. Oktober 1989 fanden erstmals Andachten in mehreren Kirchen statt. Sie stehen unter dem Motto: „Gottesdienst für gesellschaftliche Veränderungen“. Pastor Joachim Gauck hält in der Marienkirche eine Predigt, Stadtjugendpfarrer Jochen Schmachtel verliest die entsprechende in der Petrikirche. 

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Auch das Spruchband „Rostock – gewaltfrei für demokratische Zukunft“ manifestiert das Ziel der Herbstbewegung. 

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      Das Neue Forum – im Herbst 89 die politische Hauptkraft der DDR Reformbewegung – fordert nicht nur Freie Wahlen. Auch die Zulassung von demokratischen Parteien, Reisefreiheit, Pressefreiheit und die Abschaffung der „Diktatur des Proletariats“ standen auf dem Forderungskatalog der oppositionellen Bewegung. 

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      „Mit einem Pass kauft Ihr uns nicht“ – Faktisch traut hier keiner mehr den SED-Oberen, die mit dem Wink der Reisefreiheit die DDR retten wollen. Das kommt bei zahlreichen Bürgern nicht mehr an, die bereits auf Pro deutsche Einheit eingestellt sind. 

      Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

      November und Dezember 1989: Demonstranten stellen immer wieder Kerzen vor dem Rathaus (Foto), Haus der Armee und vor dem Gebäude der MfS-Bezirksverwaltung in der August-Bebel-Straße auf. Stets in friedlicher Absicht, ganz im Sinne von gewaltfrei für Demokratie.

      Weitere Informationen zu Roland Hartig und seiner Arbeit findet ihr hier: http://www.rostock-1989.de/

      Online-Live-Interviews und Lesungen

      Vom Schreibtisch ins Klassenzimmer
      Oder: Der Blick über den Tellerrand

      Für den fächerübergreifenden Schulunterricht biete ich Onlinelesungen live und Fachinterviews zu den Themen DDR-Diktatur, Schule, Aufwachsen in der DDR, Leben und Alltag in der Diktatur, Sport in der DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung an.

      Das Angebot richtet sich an Schulklassen, die kurzfristig eine Live-Online Lesung oder ein themenbezogenes Gespräch für den Unterricht buchen möchten, vor allem aber auch an internationale Schulen im Ausland, für die eine Lesung vor Ort aufgrund der Entfernung nicht realisierbar wäre.

      Die Interviews sind auch auf Englisch möglich.

      Dorit Linke – Onlinelesung Live – Foto credits: Stadtbibliothek Rostock

      Termine gibt es hier

      Dorit Linke – Onlinelesung Live – Foto credits: Stadtbibliothek Rostock

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