Dorit Linke, Autorin

Wissen, Werte und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Schlagwort: Volkstheater Rostock

Im Bunker

Lange Zeit war er zugewachsen und nicht mehr aufzufinden: Der Eingang zum ehemaligen Bunker in den Rostocker Wallanlagen. Als Kinder haben wir dort gespielt, dieses Jahr habe ich ihn wiederentdeckt. Bin aber nicht hineingekrochen, so wie die Helden meines Romans: 

Der Eingang zum Bunker war hinter Gestrüpp versteckt. Ich kroch ins Loch und knipste die Taschenlampe an, die wir in der Ecke unter einem Ziegelstein versteckt hatten. Drinnen roch es muffig und feucht. Ich griff in etwas Glitschiges.
»Wollen wir den Weg zur Teufelskuhle suchen?«
»Ne«, rief Sachsen-Jensi.
»Logo!« Andreas kroch mir hinterher.
»Vielleicht liegen hier noch Bomben rum oder so«, sagte Sachsen-Jensi. »Ich bewache den Eingang und halte die Stellung. Zu eurer Sicherheit!«
»Memme«, sagte Andreas.
Das Taschenlampenlicht huschte über Ziegelsteine, morsche Bretter, einen Schuh und eine Bierflasche.
»Seht ihr was?«
»Schnauze dahinten!«
Es wurde kühler, je tiefer wir krochen. Wir kamen bis zu einer Stahltür, deren Griff halb abgebrochen und verrostet war. Ich leuchtete und Andreas rüttelte. Sie ging nicht auf. Nur etwas Putz fiel von der Decke.
»Mist!« Andreas war enttäuscht. »Das wird nichts, dafür brauchen wir Werkzeug.«
»Was macht ihr da?«
Andreas drehte sich um. »He, Sachse, wir haben einen Toten gefunden, in Faschistenuniform.«
»Was?«
Sachsen-Jensis Kreischen dröhnte so laut im Bunker, dass wir uns die Ohren zuhalten mussten.
»Wir bringen ihn mit raus, dann kannst du ihn sehen«, rief ich.
»Ne!« Sachsen-Jensis struppige Haare standen zu Berge. Er starrte uns aus aufgerissenen Augen an.
Ich hielt die Lampe schräg unter das Gesicht. »Uaaah!«
»Hör auf«, schrie Sachsen-Jensi.
Andreas stöhnte laut. »Mann, ist der schwer! Dafür, dass er vierzig Jahre hier rumlag, hat er sich echt gut gehalten.«
Ich konnte vor Lachen kaum kriechen. Sachsen-Jensi duckte sich und trat ein paar Schritte zurück.
»Sogar der Totenkopf am Kragen ist noch zu erkennen!«
»Ihr spinnt urst doll!« Er lief vom Eingang weg.
Wir kletterten aus dem Bunker. Draußen war es richtig warm. An meiner Hand klebte etwas Grünes, das komisch roch. Meine Bluse war eingesaut.
»Igitt, ich kotz gleich«, rief Andreas. Auch er war total verschmiert.
Einige Meter weiter raschelte es im Hagebuttenstrauch.
Sachsen-Jensi hatte sich versteckt.
»Eins, zwei, drei, vier, Eckstein«, schrie Andreas.
Ich hockte mich hin und band mir den Schuh zu.
»Kannst rauskommen, Sachse!«
Einige Zweige bewegten sich hin und her.

Aus dem Rostock-Roman „Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke, erschienen im Magellan Verlag

 

„Jenseits der blauen Grenze“ am Volkstheater Rostock

Foto © Charlotte Burchard

Mit dem Volkstheater Rostock verbindet mich sehr viel. Meine Mutter hat dort ihr gesamtes Berufsleben als Maskenbildnerin gearbeitet und mich oft mit in die „Maske“ genommen.

Schon als kleines Kind kannte ich mich hinter den Kulissen aus, habe das Treiben hinter der Bühne gebannt und fasziniert verfolgt, durfte unter der Decke bei den Scheinwerfern sitzen und von oben die Stücke anschauen. Ich lernte, dass die dramatischen Auftritte der Schauspieler mitunter schon vor dem Stück begonnen und dass das Theater ein Ort war, an dem das Leben in der DDR bunter, mutiger, subversiver und lustiger als Anderswo war – ein einzigartiger Kontrast zum Alltag.

Der Geruch von Perücken, Puder und Schminke ist mir noch immer in der Nase, das Gepolter und Gelächter der Mitwirkenden noch immer im Ohr.
Und weil das so ist, freue ich mich sehr darüber, dass das Volkstheater Rostock als erstes Theater „Jenseits der blauen Grenze“ auf die Bühne bringt.

Die Premiere war am 7. April 2018.
http://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/jenseits-der-blauen-grenze/

Meine Jugendweihe - Familie vorm Volkstheater Rostock

Jugendweihe mit der Familie, Volkstheater Rostock „Großes Haus“, 1986

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