Dorit Linke, Autorin

Wissen, Werte und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Schlagwort: Rostock

So leicht kommen wir nicht davon

Anfang Mai durfte ich zur virtuellen Ringvorlesung „Grenzen, Wenden, Umbrüche. Mauerfälle in Literatur, Musik und Film“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beitragen.

Maren Conrad, Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur, Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur, und ich haben Onlinelesungen zu „Jenseits der blauen Grenze“ und zu „So leicht kommen wir nicht davon“ (Roman ist in Arbeit) durchgeführt und außerdem einen Podcast aufgenommen. Wir sprachen über die Bedeutung von Geschichtsvermittlung an Schulen, über die DDR und über Rostock-Lichtenhagen.

„Schreiben über die DDR. Ein Werkstattgespräch zu Romanprojekten – Schweigen, Gewalt und Wegschauen in der DDR als ein Motor der rassistischen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen 1992.

Hört doch mal rein, ich würde mich freuen:
Podcast Ringvorlesung: mit Maren Conrad (Universität Erlangen) und Dorit Linke





Die Friedliche Revolution in Rostock

Der Fotograf Roland Hartig hat im Herbst 1989 mutig und beherzt die Friedliche Revolution in Rostock fotografiert und dokumentiert.

Anfangs waren die Demonstranten aus Angst oder Unsicherheit nicht davon begeistert, dass jemand Fotos von ihnen anfertigte. Immer wieder hörte man Rufe wie „keine Fotos“ oder „keine Stasi“. Man rechnete eher damit, von der Staatssicherheit überwacht zu werden als mit einem privaten Fotografen, der die historische Dimension begriff und festhalten wollte. Wie gut, dass sich Roland Hartig nicht von seinem Vorhaben hat abbringen lassen.

Entstanden ist eine einzigartige Chronik der damaligen Ereignisse in meiner Heimatstadt. Dafür sage ich – nach 30 Jahren – herzlich Danke!

Die Erklärungen zu den Fotos hat er ebenfalls verfasst.

Weitere Fotos folgen in den kommenden Tagen. Du möchtest darüber informiert bleiben? Dann bitte hier entlang.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Das Spruchband „Zutrauen zur Zukunft – Neues Forum“ und der Schmetterling „Gewaltfrei für Demokratie“ sind die Erkennungszeichen der Donnerstagsdemonstrationen im Herbst 1989 in Rostock. Dabei trägt Stephan Mahlburg den bunten Butterfly stets voran, den er in der Tischlerei Riebe erschaffen hat. Heute schmückt das Werk sein Büro, von wo er als Sozialrichter agiert. Eine Kopie befindet sich in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Am 12. Oktober 1989 wird die zweite Fürbittandacht in Rostock auf Grund des großen Zulaufs von etwa 3000 Bürgerinnen und Bürgern in die Marienkirche verlegt. Vor der Kirche formiert sich eine Mahnwache.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Die friedliche Revolution in Rostock 1989, die neben den Demo-Hochburgen Leipzig und Berlin auch hier von den Kirchen ausging, nahm Anfang Oktober 1989 an Fahrt auf. So beginnt in der Rostocker Petrikirche am 5. Oktober um 20 Uhr die erste Fürbittandacht für inhaftierte Leipziger Demonstranten. Mehr als 500 Menschen kommen. Die Umweltgruppe der Petri-Nikolai-Gemeinde hat die Andacht initiiert. Zudem wird in den Rostocker Kirchen ein Schreiben mit dem Titel „Aufbruch 89 – Neues Forum“ verteilt. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Nach dem Donnerstagsgottesdienst am 19. Oktober 1989 formiert sich die erste „Donnerstagsdemo“ ausgehend von der Marienkirche und Petrikirche mit mehreren tausend Teilnehmern. Die Beteiligung an den Demonstrationen wächst von Woche zu Woche.

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Die Marienkirche entwickelt sich zum Zentrum der Herbstbewegung in Rostock. Am 19. Oktober 1989 fanden erstmals Andachten in mehreren Kirchen statt. Sie stehen unter dem Motto: „Gottesdienst für gesellschaftliche Veränderungen“. Pastor Joachim Gauck hält in der Marienkirche eine Predigt, Stadtjugendpfarrer Jochen Schmachtel verliest die entsprechende in der Petrikirche. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Auch das Spruchband „Rostock – gewaltfrei für demokratische Zukunft“ manifestiert das Ziel der Herbstbewegung. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

Das Neue Forum – im Herbst 89 die politische Hauptkraft der DDR Reformbewegung – fordert nicht nur Freie Wahlen. Auch die Zulassung von demokratischen Parteien, Reisefreiheit, Pressefreiheit und die Abschaffung der „Diktatur des Proletariats“ standen auf dem Forderungskatalog der oppositionellen Bewegung. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

„Mit einem Pass kauft Ihr uns nicht“ – Faktisch traut hier keiner mehr den SED-Oberen, die mit dem Wink der Reisefreiheit die DDR retten wollen. Das kommt bei zahlreichen Bürgern nicht mehr an, die bereits auf Pro deutsche Einheit eingestellt sind. 

Foto und Text: Roland Hartig, Rostock

November und Dezember 1989: Demonstranten stellen immer wieder Kerzen vor dem Rathaus (Foto), Haus der Armee und vor dem Gebäude der MfS-Bezirksverwaltung in der August-Bebel-Straße auf. Stets in friedlicher Absicht, ganz im Sinne von gewaltfrei für Demokratie.

Weitere Informationen zu Roland Hartig und seiner Arbeit findet ihr hier: http://www.rostock-1989.de/

Im Bunker

Lange Zeit war er zugewachsen und nicht mehr aufzufinden: Der Eingang zum ehemaligen Bunker in den Rostocker Wallanlagen. Als Kinder haben wir dort gespielt, dieses Jahr habe ich ihn wiederentdeckt. Bin aber nicht hineingekrochen, so wie die Helden meines Romans: 

Der Eingang zum Bunker war hinter Gestrüpp versteckt. Ich kroch ins Loch und knipste die Taschenlampe an, die wir in der Ecke unter einem Ziegelstein versteckt hatten. Drinnen roch es muffig und feucht. Ich griff in etwas Glitschiges.
»Wollen wir den Weg zur Teufelskuhle suchen?«
»Ne«, rief Sachsen-Jensi.
»Logo!« Andreas kroch mir hinterher.
»Vielleicht liegen hier noch Bomben rum oder so«, sagte Sachsen-Jensi. »Ich bewache den Eingang und halte die Stellung. Zu eurer Sicherheit!«
»Memme«, sagte Andreas.
Das Taschenlampenlicht huschte über Ziegelsteine, morsche Bretter, einen Schuh und eine Bierflasche.
»Seht ihr was?«
»Schnauze dahinten!«
Es wurde kühler, je tiefer wir krochen. Wir kamen bis zu einer Stahltür, deren Griff halb abgebrochen und verrostet war. Ich leuchtete und Andreas rüttelte. Sie ging nicht auf. Nur etwas Putz fiel von der Decke.
»Mist!« Andreas war enttäuscht. »Das wird nichts, dafür brauchen wir Werkzeug.«
»Was macht ihr da?«
Andreas drehte sich um. »He, Sachse, wir haben einen Toten gefunden, in Faschistenuniform.«
»Was?«
Sachsen-Jensis Kreischen dröhnte so laut im Bunker, dass wir uns die Ohren zuhalten mussten.
»Wir bringen ihn mit raus, dann kannst du ihn sehen«, rief ich.
»Ne!« Sachsen-Jensis struppige Haare standen zu Berge. Er starrte uns aus aufgerissenen Augen an.
Ich hielt die Lampe schräg unter das Gesicht. »Uaaah!«
»Hör auf«, schrie Sachsen-Jensi.
Andreas stöhnte laut. »Mann, ist der schwer! Dafür, dass er vierzig Jahre hier rumlag, hat er sich echt gut gehalten.«
Ich konnte vor Lachen kaum kriechen. Sachsen-Jensi duckte sich und trat ein paar Schritte zurück.
»Sogar der Totenkopf am Kragen ist noch zu erkennen!«
»Ihr spinnt urst doll!« Er lief vom Eingang weg.
Wir kletterten aus dem Bunker. Draußen war es richtig warm. An meiner Hand klebte etwas Grünes, das komisch roch. Meine Bluse war eingesaut.
»Igitt, ich kotz gleich«, rief Andreas. Auch er war total verschmiert.
Einige Meter weiter raschelte es im Hagebuttenstrauch.
Sachsen-Jensi hatte sich versteckt.
»Eins, zwei, drei, vier, Eckstein«, schrie Andreas.
Ich hockte mich hin und band mir den Schuh zu.
»Kannst rauskommen, Sachse!«
Einige Zweige bewegten sich hin und her.

Aus dem Rostock-Roman „Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke, erschienen im Magellan Verlag

 

Wieder auf dem Spielplan am Volkstheater Rostock

„Jenseits der blauen Grenze“
Vorstellungen am 2. Oktober, 3. Oktober, 24. Oktober, 25. Oktober, 16. November

Tickets hier

Die Premiere von „Jenseits der blauen Grenze“ am
fand am 7. April 2018 statt. Hier die Rezension der Süddeutschen Zeitung.

Foto: Frank Hormann

Regie: Angelika Zacek
Ausstattung: Heike Mondschein
Dramaturgie: Anna Langhoff
Spielefassung: Julia Korrek
Schauspielerin: Sophia Platz
Schauspieler: Alban Mondschein

 

„Jenseits der blauen Grenze“ am Volkstheater Rostock

Foto © Charlotte Burchard

Mit dem Volkstheater Rostock verbindet mich sehr viel. Meine Mutter hat dort ihr gesamtes Berufsleben als Maskenbildnerin gearbeitet und mich oft mit in die „Maske“ genommen.

Schon als kleines Kind kannte ich mich hinter den Kulissen aus, habe das Treiben hinter der Bühne gebannt und fasziniert verfolgt, durfte unter der Decke bei den Scheinwerfern sitzen und von oben die Stücke anschauen. Ich lernte, dass die dramatischen Auftritte der Schauspieler mitunter schon vor dem Stück begonnen und dass das Theater ein Ort war, an dem das Leben in der DDR bunter, mutiger, subversiver und lustiger als Anderswo war – ein einzigartiger Kontrast zum Alltag.

Der Geruch von Perücken, Puder und Schminke ist mir noch immer in der Nase, das Gepolter und Gelächter der Mitwirkenden noch immer im Ohr.
Und weil das so ist, freue ich mich sehr darüber, dass das Volkstheater Rostock als erstes Theater „Jenseits der blauen Grenze“ auf die Bühne bringt.

Die Premiere war am 7. April 2018.
http://www.volkstheater-rostock.de/spielplan/a-z/jenseits-der-blauen-grenze/

Meine Jugendweihe - Familie vorm Volkstheater Rostock

Jugendweihe mit der Familie, Volkstheater Rostock „Großes Haus“, 1986

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