Dorit Linke, Autorin

Lesungen, Workshops, politische Bildung

Kategorie: Politische Bildung Seite 1 von 2

Sprechen wir über Revolution

von Dorit Linke

Laut Sonntagsumfrage liegt die AfD im Osten vorn.
Unfassbar? Natürlich.
Kopf in den Sand? Niemals.

Mein Artikel „Sprechen wir über Revolution“ ist im Moritz Magazin der Uni Greifswald im Mai 2019 erschienen

Wie jeden Morgen stellte er drei Teller auf den Tisch. Für Noah, für Elisa, für sich. Er goss Kaffee in einen Becher und griff nach dem Monatsblatt. Nr. 12 in 2035. Auf der ersten Seite der aktuelle Leitspruch: »Kinderkriegen ist keine Privatsache«, darunter Ausführungen zu den geplanten Geburtenraten. Er ließ das Blatt wieder sinken. Er konnte vieles ertragen, aber das nicht.

Wie sehr hatte sie gelitten, unter den Gesprächen mit dem Arzt, den penetranten Fragen. Sie hatte doch bereits ein Kind zur Welt gebracht, wieso tat sie sich mit dem zweiten so schwer? Er kippte Milch in den Kaffee, zitterte dabei, Tropfen zerplatzten auf dem Tisch. Fröhliches Vogelgezwitscher im Innenhof, ungewöhnlich, mitten im Winter. Elisa hatte diese Gespräche ertragen, sich mit Arbeit abgelenkt, sechzig Stunden die Woche. Weil ihnen das zugute gekommen war, hatte er sie nicht davon abgehalten. Sie brauchten das Geld, denn das Steuersystem änderte sich jedes Jahr, war unzuverlässig. Sie konnten nicht planen, schufteten wie blöd und fuhren nicht mehr in den Urlaub.

Er hielt das Monatsblatt dichter vor sein Gesicht. »Sonnenaufgang in Heringsdorf«, stand als einziges Stück auf dem Programm des Stadttheaters. Die günstigste Karte kostete hundertachtzig Neue Mark. Kultur musste ökonomisch sein, warum auch nicht. Shakespeare war out, was ihn nicht störte, schließlich hat er mit Hamlet und Co. noch nie was anfangen können.

Der Kaffee schmeckte etwas bitter. Werbung für Whisky aus der Lausitz, angeblich so gut wie schottischer Single Malt. Die hatten Humor. Es schüttelte ihn, und erneut dachte er an Elisa. Plötzlich war es schnell gegangen, erst das Burnout, das neuerdings »Simu-SD« hieß, die Abkürzung für Simulantensyndrom, dann der Alkohol, die Tabletten, die manischen Schübe. Nächtelanges Toben in ihrer Wohnung in der Großen Parower, aus der sie später raus mussten. Im Hanseklinikum kam Elisa an ein Messer und verletzte eine Krankenschwester. »Gefahr für sich und für Andere«, befand der Arzt. Sicherheitsverwahrung in Prora, auf unbestimmte Zeit.

Wie konnte so etwas möglich sein? Er dachte an Binz, an 2009, an das Beachvolleyball-Turnier am Ostseestrand. Elisa war Dresdnerin und nach dem Studium in den Norden gezogen. Er hatte bereits eine Ehe hinter sich, die kinderlos geblieben war, zum Glück. Das war unter diesen Umständen ein Segen.

Werbung für eine Schokoladenmarke, die Noah immer gern gegessen hatte. Dumpfes Gefühl im Magen. Nicht. An. Noah. Denken.

Er atmete tief ein, stand auf und nahm eine Scheibe Brot aus dem Regal. Keine Butter im Kühlschrank. Ratlos starrte er in das kühle Nichts, bevor er die Tür wieder zudrückte. Der einzige Laden, der Produkte offline anbot, war vier Kilometer entfernt. Er hatte keine Lust, stundenlang durch eiskaltes Wasser zu waten. Seinen schwulen Nachbarn konnte er nicht um Butter bitten, der öffnete niemandem mehr die Tür, misstraute allen.

Natürlich konnte er die Butter online bestellen, doch da Elisa noch immer in Verwahrung war, gehörte er zu den Suspekten, wurde kontrolliert. Er machte nur ungern etwas online. Ein Absolvent der Universität Rostock hatte ihm auf behördliche Anordnung hin eine App auf seinem Touchphone installiert, die ihn und seine Umgebung filmte, sobald er das Ding anstellte. Und er war verpflichtet, das zu tun, für mindestens zwölf Stunden am Tag, wobei die Zeit von Mitternacht bis morgens um sechs nicht mitzählte. Klebte er die Linse zu oder ließ das Phone offline (hatte er schon versucht, stand auch als fettes No-Go in den FAQ), schalteten sich Strom, Wasser und Heizung in der Wohnung automatisch ab.

Das Startup »KeDatSich« (»Keine Datensicherheit für Täter«) hatte mit dieser Innovation 2031 den Gründerwettbewerb der mittlerweile verstaatlichten UP-Bank gewonnen und sich zum reichsten Unternehmen des Landes entwickelt. Täglich wurde er von sich unvermittelt öffnenden Bubbles gezwungen, die App zu bewerten. Er vergab immer acht Sonnen, dann hatte er seine Ruhe. Waren es weniger, musste er begründen, warum er mit der Dienstleistung unzufrieden war.

Er brach ein Stück Brot ab, kaute darauf herum. Inzwischen war sein Becher leer, und er hatte ziemlich schlechte Laune. Im Kulturteil eine Aufforderung des Kultusministeriums an alle Privatschulen: So wie für die staatlichen Schulen bereits durchgesetzt, sollten im kommenden Jahr die Themen »Nationalsozialismus« und »Mauerfall« vom Lehrplan entfernt werden, schließlich war dieser, Zitat: »… einer positiven Darstellung der Heimat verpflichtet«. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Wieso denn der Mauerfall? Vielleicht sollte niemand mehr an die erfolgreiche Revolution der Ostdeutschen erinnert werden. Was einmal gelungen war, konnte schließlich auch ein zweites Mal gelingen.

Was hatte Noah gesagt, kurz bevor er abgehauen war?

»Ihr habt es 1989 im Osten doch geschafft! Ihr habt für eure Freiheit gekämpft und ein ganzes System gestürzt. Wieso habt ihr euch wieder alles wegnehmen lassen? Wieso habt ihr euch wieder für eine Diktatur entschieden?«

Ihm kamen die Tränen, nun doch. Nachdem Elisa fort war, sprayte Noah jede Nacht die Häuserwände mit radikalen Zeichen voll, erst hier im völlig verarmten Andershof und später in der noblen Altstadt, wo die Leute wohnten, die ihm das alles eingebrockt hatten. 2030 kam Noah wegen Sachbeschädigung ins Gefängnis, mit gerade mal elf Jahren. Als er wieder draußen war, war er ihm völlig fremd, der eigene Sohn. Keine Worte mehr, nur noch Schweigen. Mit fünfzehn packte Noah seine Sachen und haute ab. Nachdem er wochenlang verschwunden war, wurde er offiziell ausgebürgert, lebte nun als Staatenloser oben im Norden, irgendwo an einem Fjord, am Wasser. Ihm fiel wieder ein, was er vorhin auf AL2 gehört und noch nicht verinnerlicht hatte: Der Meeresspiegel war erneut gestiegen, Grund dafür war die nun ständige, sehr geringe Entfernung des Mondes zur Erde.

Sein rechtes Bein zitterte, er spürte, wie sein Puls schneller wurde. Hielten die ihn wirklich für so bescheuert? Vielleicht war er das ja. Schließlich hätte er all das kommen sehen können. Die Ausbürgerung von Kriminellen war schon immer Programmpunkt gewesen, am Anfang ausschließlich für Nicht-Deutsche, doch mittlerweile wurde der Passus auf alle Bürger angewendet. Und dieser Kinderwahn, der Elisa aus der Bahn geworfen hatte. Die Abschaffung der Rente! All das stand im Wahlprogramm! Kinder in den Knast, schwarz auf weiß! Er hätte es nur lesen müssen. Hätte sie nur beim Wort nehmen müssen! Stattdessen musste er, der ehemalige Geografielehrer, sich diesen Quatsch über den Mond und andere abstruse Erklärungen für den menschengemachten Klimawandel anhören, obwohl er an der Uni Greifswald eine sehr gute Ausbildung genossen hatte.

Doch was sollte er machen? Jetzt saß er da. Allein, mit trocken Brot. Mit einem schwulen, paranoiden Nachbarn, der sich tot stellte. Und wenn er nicht sofort, in diesem Augenblick, sein Touchphone anmachte, würde er zu frieren beginnen.

Für wen sollte das hier eigentlich alles gut sein? Nicht für ihn, nicht für Elisa. Nicht für Noah. Nicht für die Menschen, die er mal gekannt hatte.

Er wusste nicht mehr, warum er sein verdammtes Kreuz an der falschen Stelle gemacht hatte. Damals. Doch er wusste jetzt und hier, dass es falsch gewesen war. Das Kreuz war falsch gewesen, denn alles, was ihm jemals etwas bedeutet hatte, war weg.

Es war weg und kam nicht wieder.

„Jenseits der blauen Grenze“ am Theater in Gera

„Jenseits der blauen Grenze“ wird im 30. Jahr des Mauerfalls nun auch in Gera aufgeführt – als Puppentheater. Ich bin sehr gespannt!

Die Premiere ist am 9. November 2019. Weitere Aufführungen finden statt am 14., 16. und 23. November.

https://theater-altenburg-gera.de/stuecke-konzerte/jenseits-der-blauen-grenze-1010/

Am 24. August nach Dresden – Unteilbar!

Die Wahlen in Sachsen und Brandenburg werden uns höchstwahrscheinlich die Schuhe ausziehen, aber Kopf in den Sand ist keine Option.

Wer kommt am 24. August mit nach Dresden? Flagge zeigen für die Demokratie, für unsere europäischen Werte, für die Menschlichkeit.

„Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden und ergreifen die Initiative! Gemeinsam stellen wir uns gegen Diskriminierung, Verarmung, Rassismus, Sexismus, Entrechtung und Nationalismus!“

Link zur Veranstaltung: Unteilbar 2019


Alan Turing und die 50 Pfund Note

Sein von Menschen bestimmtes Schicksal macht fassunglos. Aufgrund seiner Homosexualität wurde er verurteilt und vor die Wahl gestellt: Gefängnis oder Hormonbehandlung, die zur chemischen Kastration führen sollte.

Er entschied sich für die „Therapie“, die Depressionen auslöste und ihn lähmte. Früher Marathonläufer, zog er sich zurück. 1954 nahm sich der Brite Alan Turing, einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, in Wilmslow bei Manchester das Leben, mit gerade einmal 41 Jahren.

Von Königin Elizabeth II. wurde er 2013 durch ein Royal Pardon begnadigt – fast sechzig Jahre nach seinem Tod wirkte das unbeholfen, war für die Angehörigen aber sicher wichtig – und seine herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Kryptoanalyse und Informatik werden mittlerweile weltweit gewürdigt.

Demnächst wird Alan Turing also auf der britischen 50 Pfund-Note verewigt sein. Doch jeder noch so gutgemeinte Akt ist banal angesichts der Tatsache, dass Turings Arbeit in Bletchley Park Historikern zufolge den Zweiten Weltkrieg um Monate, wenn nicht sogar um Jahre verkürzt haben soll. Wir wissen, wieviel unvorstellbares Leid dieser Krieg hervorgebracht hat. Können wir uns vorstellen, wieviel Leid Alan Turing verhindert haben mag?

Über seine Erfolge durfte er nicht reden, denn auch nach 1945 und im Kalten Krieg wurden Botschaften verschlüsselt, auf Geräten, die der Enigma ähnelten. Alan Turings Wissen unterlag der Geheimhaltung, er war ein Kind seiner Zeit, und so war er nicht nur als Homosexueller gesellschaftlich geächtet, sondern ihm wurde auch die Anerkennung seiner einzigartigen Lebensleistung verweigert.

Zwar ist diese Anerkennung jetzt da, sie kommt aber für ihn, den Mann, der geliebt, gearbeitet und gewirkt hat, zu spät.

HANDOUT – 15.07.2019, Großbritannien, London: Dieses, von der Bank of England zur Verfügung gestellte, Handout zeigt das Konzept für die neue 50-Pfund-Note mit dem Bild des Computerpioniers Alan Turing. Die Note soll Ende 2021 in Umlauf gebracht werden, teilte die Bank of England am Montag in London mit. Turing hatte dem britischen Geheimdienst geholfen, den «Enigma»-Code der Wehrmacht zu knacken. So konnten die Briten Funksprüche mitlesen und vielen Menschen das Leben retten. Foto: –/Bank of England/AP/dpa -dpa-Bildfunk

30 Jahre Mauerfall – Das Ende des Jugendwerkhofs Torgau

Im Jugendwerkhof Torgau, einem früheren Gefängnis, wurden zu Zeiten der DDR über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren willkürlich und ohne richterlichen Beschluss zu Umerziehungsmaßnahmen eingewiesen und waren dort militärischem Drill, Isolation und Misshandlungen ausgesetzt. Die meisten Jugendliche zerbrachen an ihrer Verzweiflung, manche sahen keinen Ausweg und nahmen sich das Leben.

Im Zuge der friedlichen Revolution im November 1989 wurde der Jugendwerkhof vom Ministerium für Volksbildung überstürzt aufgelöst und die sofortige Dokumentenvernichtung angeordnet.

Meine Kurzgeschichte erzählt aus der Sicht eines Erziehers und zeigt den Zynismus, der im Umgang mit unangepassten Kindern und Jugendlichen in der DDR vorherrschte.

Im anderen Licht – von Dorit Linke

Gestern kam der Anruf aus dem Ministerium. Wir sollen die Jugendlichen in ihre Stammeinrichtungen zurückführen und alle Dokumente vernichten.

Kurt, der schräg vor mir sitzt, ist eifrig dabei. Obwohl wir ihn nicht darum gebeten haben, erläutert er uns die Situation. Wir verbrächten die Nacht nur deshalb hier, weil sich auf dem Alexanderplatz ein paar Uneinsichtige und vom Westen Aufgestachelte zusammengerottet und den Wunsch nach freien Wahlen geäußert haben.

Ich höre seinem Geschwätz nicht zu. Eine Seite nach der anderen zerreiße ich und stopfe die Schnipsel in schwarze Säcke, die ich auf den hell erleuchteten Flur trage, vorbei an ungewohnt leeren Regalen. Obwohl auch in anderen Räumen gearbeitet wird, ist es still im Haus.

Mir gegenüber wühlt sich Monika durch einen Haufen Papier. Fortwährend streicht sie ihre grüne Bluse glatt und sieht hinaus in die Dunkelheit. Sie ist nervös, weil sie den Zweck unserer Arbeit aus den Augen verliert. Lies nicht alles, was dir in die Hände fällt, ermahne ich sie, doch sie beachtet mich nicht. Auf die Art werden wir nie fertig.

Sven M., geboren am 28.3.1972. Mitteilung an die Eltern, dass ihr Sohn mit Genehmigung des Ministeriums für Volksbildung in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt wurde. Er blieb fast sechs Monate. Nach seiner Ankunft heulte er jeden Tag, doch die Jungen seiner Gruppe machten ihm schnell klar, was sie von seinem Gejammer hielten. Erziehung im Kollektiv ist ein wirksames Mittel.

Kurt erklärt uns gerade, warum die Anderen unsere Arbeit nicht verstehen werden. Wen meinst du damit, frage ich leise. Der Klang meiner Stimme warnt ihn. Nun ja, entgegnet er, wirft eine leere Akte auf den Boden und greift zum nächsten Schriftstück. Sein unordentlicher Arbeitsplatz spricht für sich. Keine Linie, keine Besonnenheit. Doch auch die Verantwortlichen im Ministerium sind in Eile. Offenbar kommt den Genossen nicht in den Sinn, dass unsere Aktion bei Nacht und Nebel wie ein Schuldeingeständnis wirkt.

Jochen F., geboren am 15.4.1974, uneinsichtig und provokant. In der Werkstatt aß er Nägel, weil er annahm, wir würden ihn ins Krankenhaus bringen. Für solche Fälle braucht man keinen Arzt. Wir gaben ihm Sauerkraut und steckten ihn in die Arrestzelle. Er hat die ganze Nacht gebrüllt vor Schmerzen.

Kurt fragt in das schlecht gelüftete Zimmer, was wohl die westdeutsche Presse zu unserer derzeitigen Tätigkeit sagen wird. Monikas Züge frieren ein. Das halbdurchrissene Foto einer langhaarigen Jugendlichen schwebt zwischen ihren Händen.

Die Haare schneiden wir grundsätzlich runter auf zwei Millimeter. Den Jungen macht das kaum etwas aus, abgesehen von den Hippies und den Punks. Die Mädchen heulen und die Skinheads verhöhnen uns, weil die Maßnahme für sie überflüssig ist. Natürlich werden die Opportunisten der Bildzeitung über uns hetzen. Das bedeutet überhaupt nichts.

Dennoch werde ich wütend bei der Vorstellung, wie ein weichgespülter westlicher Pädagoge, der noch nie etwas von Makarenko und den Normen des sozialistischen Zusammenlebens gehört hat, unsere Erziehungsmethoden beurteilt. Wie soll er in seiner dekadenten Welt etwas von Disziplin wissen. Er verbreitet die groteske Idee der antiautoritären Erziehung und predigt Egoismus. Was dabei herauskommt, sehen wir jeden Tag im Fernsehen. Schund, Arbeitslosigkeit, Elend. Die Menschen, die nun wie Schafe blöken, dass sie das Volk seien, sind sich nicht darüber bewusst, welche Geister sie rufen.

Soeben kam wieder ein Anruf, dieses Mal vom Rat des Bezirkes. Die ganze Hierarchie wird jetzt durchlaufen. Die Genossen erkundigen sich nach unseren Fortschritten. Kurt und ich holen neue Akten aus dem Nachbarzimmer. Monika sitzt steif auf ihrem Stuhl und rührt sich nicht.
Du arbeitest zu langsam, sage ich.

Ohne mich anzusehen steht sie auf und geht zur Tür. Als sie weg ist, zwinkert Kurt mir zu, als hätten wir etwas gemein. Ich reagiere nicht. Fahrig nimmt er seine winzige Brille ab und putzt sie umständlich. Dann beugt er sich über seinen Schreibtisch.

Monika kehrt zurück und berichtet, dass der Jugendliche, der bis eben unten im Fuchsbau war, die Zelle nicht verlassen will. Da Kurt sich benimmt, als hätte er nichts gehört, ruhen ihre Augen auf mir. Er kann vermutlich nicht laufen, sage ich und stopfe Papierreste in den Sack.

Erschüttert dreht sie sich weg. Ihre Fassungslosigkeit ist nur Theater. Sie weiß ebenso wie ich, dass jeder das fensterlose Kabuff, das zu klein zum Liegen oder Stehen ist, verstört verlässt. Man verliert die Orientierung, oben, unten, rechts und links gibt es da drin nicht mehr. Letztes Jahr hat mich ein Jugendlicher, der vierundzwanzig Stunden im Fuchsbaus gewesen war, nach seinem Namen gefragt. Dieser Zustand ist hart, aber zweckmäßig. Er erhöht die Bereitschaft zur Umerziehung.

Kurt geht hinaus auf den Flur. Monika folgt ihm, weil sie nicht mit mir allein sein möchte. Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Die nächste Akte ist umfangreich, oben auf der letzte Eintrag. Vorkommnismeldung: Am 29.4.1988 wurde Patrick B., 1971 in Jena geboren, um 17.25 vom Erzieher in der Isolierzelle erhängt aufgefunden. Die Mutter des Jugendlichen wurde vom Direktor des Jugendwerkhofes persönlich über den Tod ihres Sohnes informiert.

Die Tür öffnet sich wieder. Kurt und Monika stellen Kaffeebecher und Kekse auf den Tisch und diskutieren die aktuelle Direktive des Ministeriums. Das Gebäude soll so umgebaut werden, dass es nicht mehr den Eindruck eines Gefängnisses vermittelt. Monika verzweifelt an der absurden Anweisung der Genossen, trinkt hastig und verbrüht sich. Kaffee spritzt auf eine Akte aus dem Jahre 1981.

Drei Meter hohe Mauern, Suchscheinwerfer, Wachhunde, an den Eckpunkten Wachtürme, vergitterte Fenster und Türen. Unwillkürlich lächle ich, als ich mich frage, wie man sich im Ministerium die Metamorphose zu einem Erholungsheim denn vorstellt.

Dir macht das alles überhaupt nichts aus, fährt mich Monika an. Vor allem ihr Ton überrascht mich. Ich mache mir Sorgen um meinen Mann, verkündet sie. Der ist Major bei der Volksarmee und seit Wochen in Gefechtsbereitschaft.

Soll er gefälligst seine Pflicht tun, sage ich.
Sofort fällt Monika in sich zusammen. Es könnte Bürgerkrieg geben, flüstert sie.

Endlich mal ein vernünftiger Gedanke. Ich wundere mich über das lange Zögern unserer Regierung. Schleunigst Panzer auf die Straße, dann hat auch das blöde Rumgerenne mit den Kerzen ein Ende.

Die Genossen wissen, was zu tun ist, beschwichtigt sie Kurt.
Da bin ich mir nicht sicher. Ich vermeide es, ihn anzusehen. Noch kann er sich nicht entscheiden, wovor er eigentlich Angst hat, charakteristisch für Menschen ohne festen Standpunkt. Er fürchtet sich vor der Partei, vor dem Westen, vor den selbsternannten Menschenrechtlern. Und vor mir.

Udo M.: fünf Tage Arrest wegen Ungehorsam und hartnäckigem Lügen. Beim morgendlichen Sport behauptete er, Knieschmerzen zu haben. Es war Kurt, der dem Jugendlichen sein Schlüsselbund solange ins Gesicht schlug, bis dieser endlich sein Soll erfüllte. Ich fühle mich beobachtet und sehe auf.
Monika starrt mich an. Warum ich Erzieher werden wollte, fragt sie.

Ich zerfetze mehrere Seiten, ziehe den nächsten Ordner heran und öffne ihn unachtsam. Fotos der Jugendlichen häufen sich vor mir, einige gleiten hinunter auf den Boden. Die Jahrgänge geraten durcheinander. Mein Puls steigt. Ich bevorzuge exaktes Arbeiten.

Kurt setzt sich in Position. Fragst du dich nicht auch, ob wir nicht zu hart zu den Kindern waren? Dass ausgerechnet er von mir eine Stellungnahme erwartet, ist eine Unverschämtheit.

Es erscheint nun vieles in einem anderen Licht, sinniert Monika. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen und verliere einen Moment die Fassung. Wie das, frage ich, reflektiert das Licht plötzlich anders als vor ein paar Tagen?
So meinen wir das doch nicht, entgegnet Kurt herablassend.
Aha, der ehemalige Physiklehrer, ereifert sich Monika.

Ich habe genug von den Mätzchen, stehe auf und trete zum Fenster. Erst jetzt nehme ich den Kaffeegeruch wahr, der im Raum hängt.
Einige Jugendliche laufen im blauen Licht der Dämmerung über den Hof. Sie tragen ihre Zivilkleidung, haben den Werkhofsanzug abgelegt. Ein Junge schiebt seine Hände in die Taschen und schaut am Haus empor. Ich sehe seinen Atem. Es ist kalt für Anfang November.

Vermutlich denkt er an seine Ankunft in Torgau, an das Ende seiner Illusionen. Als er mich sieht, senkt er sofort seinen Kopf und geht auf das schwere Eingangstor zu. Man wird ihm falsche Ideale auftischen und unsere unvollendete Arbeit mit Füßen treten.

Den neuen Menschen erschafft man nicht über Nacht.

Hinter mir arbeiten Monika und Kurt mechanisch, haben einen Rhythmus gefunden. Die Stille, die vom Geräusch reißenden Papiers strukturiert wird, ist wohltuend, mein Puls wieder gleichmäßig.

Am Tor zögert der Junge und bleibt stehen. Hilflos sieht er sich um. Schon jetzt findet er sich nicht mehr zurecht.

Er tut mir nicht leid.
Es ist mir egal, was aus ihm wird.
Sollen die Elemente, die nun aus ihren Löchern kriechen, sich über ihn den Kopf zerbrechen.

Quelle: picture alliance / dpa


„Schule in der Diktatur“ – Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung

Dieses Projekt richtet sich an Rostocker Schülerinnen und Schüler der 8. Klassenstufe. Bündnispartner sind der Friedrich-Bödecker-Kreis, das Kempowski Archiv Rostock und das Literaturhaus Rostock.

Rostocker Schulen können Schreib-Werkstatttage mit Lesungen, Stadtrundgängen und Textarbeit wahrnehmen. Es werden Romane des bekannten Rostocker Autors Walter Kempowski und mein Roman „Jenseits der blauen Grenze“ betrachtet. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die Diktatur des Dritten Reichs und die der DDR auf Schulalltag und Sprache ausgewirkt haben.

Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten typische Merkmale einer diktatorischen Sprache und untersuchen Texte, welche die Lebenswelten der DDR bzw. die des Dritten Reichs darstellen. Sie sollen nach diesen Werkstatttagen in der Lage sein, die Sprache einer Diktatur von der Sprache einer Demokratie zu unterscheiden. Außerdem werden sie die Bedeutung von Zeitzeugenberichten erkennen und für ein tolerantes Miteinander sensibilisiert.

Sie sind interessiert und haben Fragen? Sie kennen eine Schulklasse, die für dieses Projekt in Frage käme?
Hier: https://diktatur-in-der-schule.de/ finden Sie ausführliche Informationen zum Projekt und die Kontakte zum Literaturhaus Rostock und zum Kempowski-Archiv. Sie können mich natürlich auch gern direkt anschreiben: info@dorit-linke.de

Herausragend: „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel

Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt.


Vor dem Hintergrund der eigenen familiären und systembedingten Gewalterfahrung und angesichts des Verlustes ihres Bruders gelingt es Ines Geipel, ihre sehr persönliche Familiengeschichte so zu erzählen, dass diese Rückschlüsse auf die Identität der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Generationen zulässt. Eine unglaubliche Leistung.


Das Buch „Umkämpfte Zone“ erinnert daran, die drängende Diskussion über die ostdeutsche Vergangenheit nicht erst ab 1989 zu führen, sondern viel früher damit zu beginnen, um die starken rechten Tendenzen und die Gewalt, die sich in Ostdeutschland unüberhörbar Bahn brechen, zu verstehen und ihnen begegnen zu können. Der rechte Hass, das Bekenntnis vieler Menschen zu AFD und Pegida teilen die „Generation Mauer“ erneut, trotz des gleichen Hintergrunds und ähnlicher Erfahrungen. Woher kommt diese Lust an der Gewalt, diese „kollektive Angst“ des Ostens, diese „Sehnsucht nach Zerstörung“?

Ines Geipel beleuchtet die Auswirkungen der Doppeldiktatur auf Ostdeutschland: Schweigen, seit 1945 und fortan über Generationen hinweg. Schweigen über Schuld, über Verbrechen, über Lähmung, über Unrecht, über die Abwesenheit von Mitleid, über Angst, über Fremdenhass und dem Hass auf das, was anders war – Kein 1968. Und alles vor dem Hintergrund des verordneten, entlastend wirkenden Antifaschismus – man war auf der richtigen Seite. Sie zeigt auf, dass nicht gesühnte Schuld und das Wissen der Autoritäten darum – vor allem in Kombination mit Privilegien – Menschen erpressbar machten, zu weiterem Unheil führten, zu noch mehr Verbrechen, zu noch größerer Angst. Und Ines Geipel verdeutlicht, wie Generationen in die Pflicht genommen wurden, dieses Schweigen – koste es, was es wolle – durch die Diktaturen zu tragen.

Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. Ich gehöre der Generation an, die mit dem Mauerfall volljährig war. Damals ist mir die Tragweite der Doppeldiktatur (das Wort gab es ohnehin nicht) im Hinblick auf meine Generation nicht in den Sinn gekommen, schließlich brachen wir auf in die neue und demokratische Welt, und alles war plötzlich gut, auch die Rückschau auf das „Davor“. Das war vielleicht naiv, angesichts der Brutalitäten, die wir aufgrund unserer späteren Geburt zwar nur kurz, aber auch erlebt hatten, oft in Form von übertragenen Ängsten, oft aber auch real. Auch die Kinder und Jugendlichen meiner Generation wurden den Autoritäten zum Fraß vorgeworfen, in die Hände der „Organe“ übergeben, sobald sie rebellierten und /oder das Vermeidungsgerüst der Eltern und der Gesellschaft in Frage stellten – und damit deren Existenzberechtigung an sich. Hass war und ist die Folge. Menschen mit derartigen Erfahrungen suchen das Weite, verfallen in Schweigen oder radikalisieren sich vor Ort, alles geschehen nach 1989. Ergebnis: die Verwahrlosung ganzer Gebiete in Ostdeutschland, kulturell, politisch, humanistisch. Wenn wir Ostdeutschland erst ab 1989 erzählen, beginnen wir mit seinem Ende, nicht mit dem Anfang. All das verdeutlicht „Umkämpfte Zone“ mit Logik und Empathie.

In den Brüchen offenbaren sich die Parallelen der beiden Diktaturen. Ein Satz im Buch, der die Nachkriegszeit 1945 beschreibt, zeigt dies auf einfache, frappierende Weise: „Es war eine Zeit der Personalfragebögen, der geschönten Zeugnisse, der Denunziationen und Legendenbildungen.“ Dies lässt sich original auf die frühen 90er Jahre übertragen.

Eingebettet in ihr Erzählen findet Ines Geipel immer wieder prägnante, glasklare Sätze. „Ich möchte, dass die Wörter an der Stelle richtige Wörter sind. Wörter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen.“

Schwer auszuhaltende Sätze, wenn es um das Beschreiben von persönlich erlebter Gewalt geht. „Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und lässt sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Es bleibt, es bleibt da, es muss da bleiben.“

Da ist die Liebe zu ihrem Bruder. Sie nennt ihn ihren „Kernmenschen“, und wenn man das Buch liest, versteht man, warum. Es gibt diese Kernmenschen für uns, in jeder Epoche, in jeder Zeit – das versöhnt vielleicht ein wenig. „Was ich von den Sternen weiß, weiß ich von ihm.“ Trauriger und schöner kann ein Mensch nicht Abschied nehmen.

Danke, Ines Geipel, für die richtigen Wörter, danke für dieses herausragende Buch.

Aus historischen Gründen tue ich mich schwer mit autoritär klingenden Sätzen, doch jetzt versuche ich einen: „Umkämpfte Zone“ sollten alle Ostdeutschen lesen. Und dann darüber sprechen, mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern, mit ihren Kindern, mit ihren Freunden und Wegbegleitern.

Ines Geipel, Umkämpfte Zone, Mein Bruder, der Osten und der Hass.
Hier erhältlich: Klett-Cotta-Verlag

„PEGIDA“ Gunter Lampe. Poetry Slam im Bürgergarten Stralsund

Poetry Slam, Bürgergarten Stralsund, 24. Mai 2019
Im Rahmen der „Woche der Sprache und des Lesens 2019“

Von Gunter Lampe
Der Text ist in dem Heft “ Andacht eines Nichtrauchers“ 2018 im mueckenschweinverlag erschienen

PEGIDA

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Heute gegen Islamisten
morgen gegen Buddhisten,
dann trifft es Christen
und Co.
Und Juden sowieso.
Es wird nur anders heißen!

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Heute gegen „schwarzen Moder“,
morgen gegen „rotes Geloder“,
gegen alle links von der Oder.
Dasselbe
trifft dann auch zu auf „Gelbe“.
Es wird nur anders heißen!

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Trotz patriotischer Euroetüden
gegen die Arbeitsmüden
aus dem sonnigen Süden,
die nonkonform
leben wider der Norm.
Es wird nur anders heißen!

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Heute gegen die Punkerhose,
morgen gegen Arbeitslose,
gegen die neue „Weiße Rose“.
Scheuklappenblind
gegen alle, die anders sind!
Es wird nur anders heißen!

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Heute gegen bunte Erscheinung,
morgen gegen andere Meinung.
Bis hin zur Holocaustverneinung
ein Schritt.
Machen Sie mit?
Es wird nur anders heißen!

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Aus „Sorge“ geboren,
kaum ausgegoren,
die Haare geschoren,
braun angehaucht
und eiskalt missbraucht.
Es wird nur anders heißen!

Pegida 
beginnt im Kopf
und ist: “ Gegen die da!“

Gegen jeden der sich widersetzt,
der sich gegen Dummheit vernetzt.
Gegen dich selber zuletzt,
trotz drehen und winden.
Ein Grund wird sich finden!

Pegida 
beginnt im Kopf…

„Wohin gehst du?“ Constanze Budde. Poetry Slam im Bürgergarten Stralsund

Poetry Slam, Bürgergarten Stralsund, 24. Mai 2019
Im Rahmen der „Woche der Sprache und des Lesens 2019“

Von Constanze Budde, Greifswald

Wohin gehst du?

Die Entscheidung ist gefallen.
Er muss – auch wenn er nicht will.
Kein Zurück.

Aber doch, nur einmal noch
Dreht er sich um und kniet an ihrem Bett
„Schlaf, meine Prinzessin, träume von einem neuen Morgen.“
Ein letzter Kuss für seine Frau, nun muss er aber wirklich.
Er steht schon an dem Rest der Tür,
da steht sie plötzlich da, mit großen schwarzen Augen.
„Papa, wohin gehst du?“

In ein neues Morgen,
ohne Angst und ohne Sorgen.
Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt
Er schweigt, denn das neue Morgen ist bis auf weiteres ein Morgen ohne sie.
Und wo dieses Morgen liegt, das weiß er nicht, versteht sie nicht.
Er schweigt, weil man, wenn man die Zähne zusammenbeißen muss, nicht gut reden kann.

Die Entscheidung ist gefallen.

Er muss – auch wenn er nicht will.
Kein Zurück.
Aber doch, nur einmal noch

Schaut er hinaus und sieht die Heimat in Ruinen
„Bis bald, meine Prinzessin, hoffentlich in einem neuen Morgen.“
Wie gut, dass sie nicht hier ist, sie würd’s nicht überleben.
Er steht auf dem maroden Deck,
und fragt sich ängstlich insgeheim, mit großen schwarzen Augen.
„Papa, wohin gehst du?“

In ein neues Morgen,
ohne Angst und ohne Sorgen.
Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt
Er schweigt, denn ein neuer Morgen ist in dieser Nussschale mehr als fraglich.
Und ob es dieses Morgen gibt, das weiß er nicht, erhofft er sich.Er schweigt, weil man, wenn man den Mund aufmacht, Wasser schluckt und ertrinkt.

Die Entscheidung ist gefallen.
Er muss – auch wenn er nicht mehr kann.
Kein Zurück.

Aber doch, nur einmal noch
Sieht er voraus und ergreift die rettende Hand des Andern
„Erstmal sicher, Fremder, wie es weitergeht, das seh’n wir morgen.“
Vielleicht ist’s das, was der gesagt hat, er kann ihn nicht verstehen.
Er liegt auf engem Lagerplatz,
und Fragen sieht er überall, in tausend fremden Augen.
„Fremder, wohin gehst du?“

In ein neues Morgen,
ohne Angst und ohne Sorgen.
Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt
Er schweigt, denn er ist zu müde, um dieses Mantra zu wiederholen
Und was dieses Morgen bringt, das weiß er nicht, sagt man ihm nicht.
Er schweigt, weil auf dem Feldbett neben ihm, ein Kind Ruhe braucht zum Schlafen.

Auf ein Morgen hat er gehofft
Auf morgen wird er vertröstet.
Er wollte doch nur ein neues Morgen, nicht gleich so viele.
Angst und Sorgen sind nicht weg, sie sehen hier nur anders aus.
Das Morgen machen andere, es nimmt schon seinen Lauf,
deshalb muss er durchhalten. Nicht aufgeben.
Vielleicht ist er ja kurz vorm Ziel.

Die Entscheidung ist gefallen.
Er muss – auch wenn es hart ist.
Kein Zurück.

Aber doch, endlich doch
Wird er gerufen und soll erzählen, von seiner Heimat.
„Auf Wiedersehen, Sie erhalten von uns Bescheid.“
Man hat gefragt, wie schwer es ist, er schildert alles ehrlich.
Der saß auf einem Lederstuhl,
schaute bedauernd aber freundlich, aus großen blauen Augen.
„Fremder, wovon träumst du?“
Er saß auf der anderen Seite,
die Hoffnung nicht verborgen, hat er das Echo noch vor Augen.
„Papa, wohin gehst du?“

In ein neues Morgen,
ohne Angst und ohne Sorgen.
Das könnt‘ er sagen, doch er schweigt
Er schweigt, denn das neue Morgen ist noch immer so weit weg und offenbar nicht hier.
Und  wenn dieses Morgen werden soll, erfährt er‘s nicht, integriert‘s sie nicht.
Er schweigt, weil  es für Sehnsucht und Heimweh keine Worte gibt.

Die Entscheidung ist gefallen.
Er muss – auch wenn er nicht will.

Kein Zurück.

„Der 88 der das denkt“ Jesse. Poetry Slam im Bürgergarten Stralsund

Poetry Slam, Bürgergarten Stralsund, 24. Mai 2019
Im Rahmen der „Woche der Sprache und des Lesens 2019“

Von Jesse, 14 Jahre

Der 88 der das denkt

Das Denken anderer Leute von heute
ist schon verrückt!
Und keine Frage solch ein Denken erdrückt.
Soviel Unwissenheit 
und vom vermeintlich Richtigen so unglaublich weit
(entfernt)

Trotzdem unbegreiflich, 
Warum dieses Dumme und Schlechte
Denken so vielen so stark schmeichelt.
Ja, solch ein Denken ist schon verzwickt
und keine Frage, mit Fallen gespickt.
Aber was denken denn dieses Leute von heute?

Ja wenn wir uns mal eine Demo von denen ansehen, kann man schon sagen: „Eine wilde Meute!“
Aber was denken denn diese Leute von heute?

Ich kann euch sagen was sie denken:
„Macht die Grenzen dicht!“
„Ausländer sind Terroristen!“
„Homosexuelle, sind spezielle Fälle, sind alle gestört,
(keiner von denen der hier hingehört)“
„Wir sind zurecht empört!“

Die „Terroristen“ müssen raus, 
zurück ins bombadierte, schon fast eingestürzte Haus.
„Macht die Grenzen dicht,
Schicht für Schicht,
einen Stacheldrahtzaun,
nicht zu vergessen: Die Ausländer klaun!“

Ihr merkt selber was ich laber,
was ich fasel, ist inhaltsloser Wahnsinn.
Aber
meine lieben Freunde, 
wir dürfen nicht verzagen,
und ja ich weiß, dieses Denken dieser Leute
ist nun wirklich nicht mehr zu ertragen.

Mit diesen Leuten ist es schwer zu diskutieren.
Manchmal wünscht ich, ihr Denken, ihre Ideologie, ihren Glauben,
den sie so oft versuchen zu kaschieren.
ihnen zu nehmen, zu rauben.
Sie davon zu befrein,
doch sie sagen immer wieder: „NEIN!“

Und dann lauf ich durch die Gegend,
in der Hoffnung schon fast flehend,
dass die Plakate von heute, mal mehr Inhalt bieten,
mal etwas gehaltvolles,
(nichts gewaltvolles)

Und da sehe ich sie, ich blinke mit den Augen
ist das echt, (ist das wahr)
oder sind wir bei „Versteckte Kamera“.

Ich komme zum Ergebnis es ist rechts äh echt
und schon echt geschwind
ist es die Hoffnung, die ich vor einer Minute noch wahrte,
die da zerinnt.

Rechtsradikal 
und wenn ich mal so kurz überlege
hat mir irgendjemand,
irgendwann mal gesagt:
„Das ist nicht phänomenal!“

Und wenn ich mal so überlege,
(Gerade vor der großen Wahl)
wieviele sagen:
„88“ (macht sich) und ist eine schöne Zahl!

NEIN!  
Solch ein Denken ist unheimlich gefährlich.
Gehirnwäsche pur. Solche Leute bräuchten eine Kur
Ohne Zweifel! Ehrlich!

Das Denken dieser Leute von heute
und immer wenn ich überlege,
was der Grund für dieses Denken ist,
Ich suche ihn besser als Miss Marpel und Sherlock zusammen,
ich finde ihn nicht…
Den Grund für dieses Denken, dieser Leute von heute….

Dieses Denken ist nicht klug….
aber nun ist es genug.

Genug den Moralapostel gespielt,
fassen sie sich an ihre eigene Nase
und überlegen Sie: „Was denke ich aktuell,
ganz visuell,
richtig orginell
vielleicht auch nur punktuell
und wenn es ganz hart auf hart kommt auch schon kriminell.

Was denken Sie?

Aber was denken diese Leute von heute in unserer Wahrnehmung
was Falsches, aber machen sie sich eine eigene Meinung,
aber denken Sie dran, jederverlangt:
„Es muss die richtige sein!“

Danke!

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