Dorit Linke, Autorin

Wissen, Werte und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Schlagwort: Ostdeutschland Seite 1 von 2

Podcast „30 Jahre Deutsche Einheit“

„QUERGELESEN“ ist ein Podcast des Medienforums des Bistums Essen. Lesungen und spannende Diskussionen mit Autorinnen und Autoren, die im Medienforum zu Gast sind, werden in sieben Folgen dieses Podcasts zum Nachhören zusammengefasst. 

Am 30. September 2020 war ich zu Gast und sprach mit Vera Steinkamp, der Leiterin des Medienforums über meine Arbeit als Zeitzeugin und Autorin und über die Bedeutung von Geschichtsvermittlung.

Kinderland oder: Verstehen, wo wir herkommen

Lest den Essay „Kinderland“ über die Nachwirkungen der DDR auf die Folgegeneration, von der Dramatikerin und Autorin Anne Rabe und erschienen in der Zeitschrift Merkur.

Sie schreibt mit klarer Sprache und mit einer Haltung, die weder schön redet noch verklärt oder abschließt.

Danke für diese notwendige Bereicherung der Debatte.

Die Lehrer, die wenige Jahre zuvor ihren Schülern noch vermitteln sollten, dass die DDR das bessere Deutschland ist und der Westen der Klassenfeind, arbeiteten jetzt für diesen Westen und sollten uns auf ein Leben in einer Gesellschaft vorbereiten, die sie selbst nicht kannten. Vielleicht überspielten sie bloß ihre Hilflosigkeit mit dem autoritären Gehabe? Vielleicht machten sie aber auch einfach so weiter wie immer. Man hatte sie übernommen und für brauchbar befunden. Sie schwiegen über die Stasi und über die Funktion, die sie im System innehatten. Dass wir jetzt Partys auf dem Gelände eines ehemaligen Jugendwerkhofs feierten, war weder für sie noch für unsere Eltern Anlass, uns Margot Honeckers menschenverachtendes System der Jugendhilfe zu erklären.“ Anne Rabe in „Kinderland“

So leicht kommen wir nicht davon

Anfang Mai durfte ich zur virtuellen Ringvorlesung „Grenzen, Wenden, Umbrüche. Mauerfälle in Literatur, Musik und Film“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beitragen.

Maren Conrad, Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur, Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur, und ich haben Onlinelesungen zu „Jenseits der blauen Grenze“ und zu „So leicht kommen wir nicht davon“ (Roman ist in Arbeit) durchgeführt und außerdem einen Podcast aufgenommen. Wir sprachen über die Bedeutung von Geschichtsvermittlung an Schulen, über die DDR und über Rostock-Lichtenhagen.

„Schreiben über die DDR. Ein Werkstattgespräch zu Romanprojekten – Schweigen, Gewalt und Wegschauen in der DDR als ein Motor der rassistischen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen 1992.

Hört doch mal rein, ich würde mich freuen:

Podcast Ringvorlesung: mit Maren Conrad (Universität Erlangen) und Dorit Linke





Großes Kino – Warten auf’n Bus

Also mal wieder Ostdeutschland, nach unzähligen Büchern und Filmen, nach oftmals halbgaren Versuchen, den Osten zu erzählen, ihn in ein zu enges Korsett zu zwängen, damit ein abschließendes und irgendwie versöhnliches: „Ja, so war das“ möglich wird.

Und plötzlich ist da „Warten auf’n Bus“, eine Mini-Serie vom Regisseur Dirk Kummer nach dem Drehbuch von Oliver Bukowski, die zu keinem Zeitpunkt auf einfache Erklärungen abzielt, sondern mit ihrer Intelligenz und Warmherzigkeit mitten in Mark und Herz trifft. Wie selbstverständlich ist die Serie da, und man fragt sich, was man ohne sie all die Jahre eigentlich gemacht hat.

In „Warten auf’n Bus“ geht es um weit mehr als „nur“ eine Männerfreundschaft in einer strukturschwachen Region, um mehr als Gerangel um eine Frau, um mehr als schlaue Sprüche (diese sind zugegeben frappierend klug und schlagfertig). Es geht ums Eingemachte, um einst kraftvolle Leben, die zum Halten gekommen und auf der Strecke geblieben sind. Und es geht nicht um Schuld. Was soll man auch sagen? Haut doch ab? Wohin denn? Und was genau sollen die Menschen tun, die nicht weggehen konnten, es nicht wollten, aus Gründen?

Davon erzählen Hannes und Ralle (grandios: Ronald Zehrfeld und Felix Kramer) an ihrer Bushaltestelle, mal ganz leise, mal ganz laut, zanken wie ein altes Ehepaar, kloppen sich, lachen begeistert über ihre eigenen Witze, sind oftmals und verständlicherweise zynisch, bewegen sich schwindelerregend nahe an menschlichen Abgründen und finden immer wieder versöhnlich zueinander – durch Kommunikation und im ständigen Ringen um Wertschätzung und Selbstachtung. Bei all dem Aufbegehren werden sie begleitet vom treuen Hund Maik (typisch ostdeutsch mit „ai“).

In regelmäßigen Abständen zeigt sich die Liebe. Den beiden Protagonisten und
auch den Zuschauern wird schnell klar, dass diese nicht erfüllt werden wird, zumindest nicht so, wie man sich dies vielleicht vorstellt. Die Busfahrerin Kathrin (grandios: Jördis Triebel) steht für das sture Nichtaufgebenwollen der Hoffnung, sie ist ein wohltuendes Bild für die Wahrung der Würde in einer recht aussichtslosen Lage. Und sie schenkt uns in einer gleichermaßen brachialen, witzigen und todernsten Situation eine wunderbar emanzipierte Naziverkloppszene.

Für mich gehört dieses Trio zu den stärksten ostdeutschen Charakteren, die im Film bisher gezeigt worden sind. Es sind gebrochene Menschen und auch wieder nicht, sie schwärmen von früher, von besseren Zeiten, erzählen von ihren Träumen und von ihrer Jugend, verklären dabei aber zu keinem Zeitpunkt die DDR, sondern ordnen sich, ihre Brüche, ihren Schmerz ein in den gesellschaftlichen Wandel, bleiben dabei aber kritisch und offen, wehren sich gegen Anmaßung und Dummheit.

Diesen Spagat zu schaffen in einer Kultur, die Geschichte(n) gern vereinfacht für den sogenannten Mainstream aufbereitet, und dann auch noch in dieser Komplexität filmisch darzustellen – das ist eine Meisterleistung von Regie, Drehbuch und Darstellern.

Am Ende denkt man kein abschließendes „Ja, so war das“. Man denkt: „Ja, so war das, so ist das, so bleibt es vermutlich auch noch eine Weile.“ Und dann schaut man die ganze Serie noch einmal von vorne an.

Frischer irischer Wind in Mecklenburg

„Elektrische Fische“ von Susan Kreller

Eben noch tut das Gelesene weh, nimmt die Luft, und im nächsten Moment blitzt dieser Humor durch, manchmal subtil, manchmal direkt, immer liebevoll. Susan Kreller ist ihren Protagonisten zugewandt, nimmt sie ernst und behandelt sie mit Respekt. Und sie kann dabei verdammt gut schreiben. Um ehrlich zu sein: es gibt wenige Jugendbuchautor*innen, die so verdammt gut schreiben können wie Susan Kreller.

„Elektrische Fische“ ist ein berührendes und kluges Jugendbuch, das sich wichtigen Fragen junger Menschen stellt. Wann gehöre ich dazu? Wie kann ich mich zugehörig fühlen, wenn die neue Welt fremd und unverständlich ist, ich nicht über mein Leben und Wohl entscheiden kann?

Die Handlung setzt ein in einem ziemlich hoffnungslosen und öden Kaff in Mecklenburg. Doch der trostlose Ort gewinnt unter dem Blick eines Mädchens, das in Irland groß geworden ist und nun mitsamt seinen Geschwistern in die alte Heimat der Mutter ziehen muss, nach und nach an Farbe, wird lebendig und bunt – und mit ihm seine Bewohner. Ganz langsam wird das Heimweh von Emma, die nichts anderes als zurück nach Dublin will, milder, weicht auf, verschwindet manchmal sogar. Und irgendwann, wenn der Wind der Ostsee weicher, irischer wird, tut sich ein Schimmer von Hoffnung am Horizont auf.

Im Grunde ahnt man bereits auf den ersten Romanseiten, dass es genauso kommen wird, kann sich dies aber beim besten Willen nicht vorstellen. Doch Susan Kreller schreibt einfach an gegen diese innere Stimme, die „bloß weg da“ ruft, sanft, beharrlich und mitunter sehr komisch. Trotz der schmerzenden Trostlosigkeit, der Emma und ihre Geschwister in der Fremde und durch die Entwurzelung ausgesetzt sind, weiß man sie dennoch beschützt in diesem großen Ganzen, das die Autorin für sie erschafft. Und das ist auch nötig, denn die Herausforderungen, welche die jungen Menschen hier bewältigen müssen, scheinen oft übermächtig. Das Heimweh ist brachial bis zur Sprachlosigkeit, in der Schule läuft es nicht, die Älteren haben ihre eigenen Probleme, so wie das eben ist. Emma: „Mir fallen die Wörter ein, die ich heute Nachmittag gelernt habe, Kekskuchenwörter und Mutterwörter, ich denke: Kalter Hund, Essengeldturnschuhe, schizophrene Psychose.“

Und so braucht Emma eine Weile, wieder Boden zu bekommen, sich zu öffnen und Zukunft versuchen zu wollen. Dabei hilft ihr der Mecklenburger Junge Levin und die zwischen ihnen aufkeimende Liebe. Auch Levin ist getrieben und belastet, hat eine psychisch kranke Mutter, will Emma aber dabei helfen, zurück nach Irland zu flüchten, obwohl sie ihm in der eigenen Verlorenheit gut tut und genau das ist, was er schon lange nötig hat.

Bestechend ist die raffinierte Perspektive, dieser irische Blick auf Ostdeutschland und auf all die Absurditäten, die durch die andere Kultur, den anderen Alltag, die andere Sprache entstehen. Das entspannt die Angelegenheit ungemein, schafft eine wichtige Distanz und damit letztlich wieder Nähe. Emma schaut aber nicht „nur“ auf ein anderes Land, sondern auch auf ein anderes System, das zwar vergangen, aber in seinen Auswirkungen noch immer spürbar ist. Und so wird es komisch und auch doppelbödig, wenn Emma am ersten Schultag fragt, wer denn Thälmann war (ausgelöst durch eine Straße, die so heißt) und dann selber raten soll. Ein Graf vielleicht? Und dafür ein ruppiges deutsches „Falsch!“ erntet.

Meisterhaft webt Susan Kreller auf diese Art die DDR und die Erfahrungen ihrer Menschen in die Emanzipationsgeschichte von Emma hinein, mit einem überraschenden Effekt. Es scheint, als wäre dieser weiter entfernte Blick und der größere Kontext durchaus geeignet, sich dieser Welt anzunähern.

Mit „Elektrische Fische“ erzählt Susan Kreller eine wahrhaftige Geschichte vom Erwachsenwerden und davon, dass Zugehörigkeit oder „Heimat“ oder „home“ ein Prozess ist, der gern lange andauern kann – insofern er so menschlich und offen angeschaut wird wie in diesem wunderbaren Roman.

Erschienen im Carlsen Verlag

Online-Live-Interviews und Lesungen

Vom Schreibtisch ins Klassenzimmer
Oder: Der Blick über den Tellerrand

Für den fächerübergreifenden Schulunterricht biete ich Onlinelesungen live und Fachinterviews zu den Themen DDR-Diktatur, Schule, Aufwachsen in der DDR, Leben und Alltag in der Diktatur, Sport in der DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung an.

Das Angebot richtet sich an Schulklassen, die kurzfristig eine Live-Online Lesung oder ein themenbezogenes Gespräch für den Unterricht buchen möchten, vor allem aber auch an internationale Schulen im Ausland, für die eine Lesung vor Ort aufgrund der Entfernung nicht realisierbar wäre.

Die Interviews sind auch auf Englisch möglich.

Dorit Linke – Onlinelesung Live – Foto credits: Stadtbibliothek Rostock

Termine gibt es hier

Dorit Linke – Onlinelesung Live – Foto credits: Stadtbibliothek Rostock

„Wer Nazis war, bestimmen wir“

Rassismus und Rechtsextremismus sind ein tief liegendes Phänomen des Ostens und nicht Folge der Wiedervereinigung, wie oft und fahrlässig erzählt wird. Sie müssen daher auch nicht als Systemkritik überinterpretiert werden, sondern als das benannt werden, was sie sind: Rassismus und Rechtsextremismus.

Hier ein erhellender Beitrag zum Thema: Die DDR und ihre Neonazis: Real existierender Rechtsextremismus, Beitrag im Deutschlandfunk von Sabine Adler

Auszug:
Die DDR hatte sowohl ein Neonazi-Problem als auch eines mit Alt-Nazis, erkannte die Buch- und Filmautorin Freya Klier, die in ihrem Umfeld von immer mehr Personen mit einer braunen Vergangenheit erfuhr. Im Gegensatz zur offiziellen Lesart: „Alle Nazis waren im Westen und wir waren auf der Seite der sowjetischen Befreier. Dann lernte ich die ersten Freunde kennen, die mir still mitteilten, dass ihr Vater eigentlich Lehrer war und davor in der NSDAP. Der hatte es dann zu einer großen Parteikarriere in der DDR geschafft. Die Polizei wurde übernommen, also Mittelbau, Unterbau komplett. Es spielte dann schon bald keine Rolle mehr, wer was war vorher. Dann ging immer der Spruch rum: Wer Nazis war, bestimmen wir.“

Hier geht zum Beitrag des Deutschlandfunk

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Kreative, kluge Ergebnisse – Schreibworkshop „Schule in der Diktatur“

Wie wirken sich diktatorische Systeme auf Menschen, auf ihr Denken und damit auf die Sprache aus?

Das war unter anderem Thema des Schreibworkshops „Schule in der Diktatur“, der Anfang September 2019 in einer Rostocker Schule stattgefunden hat und – angelehnt an den Roman „Jenseits der blauen Grenze“ – von der Flucht zweier Jugendlicher aus der DDR über die Ostsee erzählt.

Die Jugendlichen erarbeiteten Merkmale einer diktatorischen Sprache und diskutierten darüber, wie sich diese von der Sprache der Demokratie unterscheidet. Sie verfassten eigene Texte, wechselten Perspektiven und Zeitformen, verorteten Romanszenen in die heutige Zeit und untersuchten, wie sich diese in Sprache, Handlung und Gefühlen unterscheiden würden.

Sie äußerten ihre Eindrücke nach dem Lesen von Zeitzeugenberichten, versetzten sich in konkrete damalige Lebenssituationen und schrieben über ihre Gedanken und Empfindungen, die sie dabei hatten. Welche Jugendsprache wurde in den 80er Jahren in der DDR verwendet, welche Wörter finden wir heute noch in unserem Sprachgebrauch?

Wir behandelten das Thema Schule in der DDR, den Alltag der Menschen und ihre Erfahrungen in diesem System, sprachen dabei über Zensur und über die Schere im Kopf.

Herzlichen Dank an Dr. Katrin Möller-Funck (Kempowski-Archiv) und Juliane Foth (Literaturhaus Rostock) für die Möglichkeit, dass ich diesen Workshop gestalten und in meiner Heimatstadt Rostock durchführen konnte. Herzlichen Dank an die Lehrer*innen und Schüler*innen der Werkstatt-Schule Rostock für das Interesse an diesem Projekt und die tolle und inspirierende Zeit!

Die Jugendlichen ließen sich erstaunlich gut auf dieses doch recht schwere Thema ein, hatten oft überraschende Ideen und entwickelten diese weiter, wechselten die Perspektive, gingen sprachlich neue Wege und waren sehr offen für die Berichte von Zeitzeugen, die in unsere Arbeit eingeflossen sind. Das war für mich eine schöne Erfahrung. Danke dafür!

Nun lasse ich Bilder, Texte und Zitate der Jugendlichen sprechen.

Sie sind Lehrerin oder Lehrer und finden das Thema wichtig und interessant? Sie planen eine Projektwoche? Bitte kontaktieren Sie mich über dieses Formular.

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    Sprechen wir über Revolution

    von Dorit Linke

    Laut Sonntagsumfrage liegt die AfD im Osten vorn.
    Unfassbar? Natürlich.
    Kopf in den Sand? Niemals.

    Mein Artikel „Sprechen wir über Revolution“ ist im Moritz Magazin der Uni Greifswald im Mai 2019 erschienen

    Wie jeden Morgen stellte er drei Teller auf den Tisch. Für Noah, für Elisa, für sich. Er goss Kaffee in einen Becher und griff nach dem Monatsblatt. Nr. 12 in 2035. Auf der ersten Seite der aktuelle Leitspruch: »Kinderkriegen ist keine Privatsache«, darunter Ausführungen zu den geplanten Geburtenraten. Er ließ das Blatt wieder sinken. Er konnte vieles ertragen, aber das nicht.

    Wie sehr hatte sie gelitten, unter den Gesprächen mit dem Arzt, den penetranten Fragen. Sie hatte doch bereits ein Kind zur Welt gebracht, wieso tat sie sich mit dem zweiten so schwer? Er kippte Milch in den Kaffee, zitterte dabei, Tropfen zerplatzten auf dem Tisch. Fröhliches Vogelgezwitscher im Innenhof, ungewöhnlich, mitten im Winter. Elisa hatte diese Gespräche ertragen, sich mit Arbeit abgelenkt, sechzig Stunden die Woche. Weil ihnen das zugute gekommen war, hatte er sie nicht davon abgehalten. Sie brauchten das Geld, denn das Steuersystem änderte sich jedes Jahr, war unzuverlässig. Sie konnten nicht planen, schufteten wie blöd und fuhren nicht mehr in den Urlaub.

    Er hielt das Monatsblatt dichter vor sein Gesicht. »Sonnenaufgang in Heringsdorf«, stand als einziges Stück auf dem Programm des Stadttheaters. Die günstigste Karte kostete hundertachtzig Neue Mark. Kultur musste ökonomisch sein, warum auch nicht. Shakespeare war out, was ihn nicht störte, schließlich hat er mit Hamlet und Co. noch nie was anfangen können.

    Der Kaffee schmeckte etwas bitter. Werbung für Whisky aus der Lausitz, angeblich so gut wie schottischer Single Malt. Die hatten Humor. Es schüttelte ihn, und erneut dachte er an Elisa. Plötzlich war es schnell gegangen, erst das Burnout, das neuerdings »Simu-SD« hieß, die Abkürzung für Simulantensyndrom, dann der Alkohol, die Tabletten, die manischen Schübe. Nächtelanges Toben in ihrer Wohnung in der Großen Parower, aus der sie später raus mussten. Im Hanseklinikum kam Elisa an ein Messer und verletzte eine Krankenschwester. »Gefahr für sich und für Andere«, befand der Arzt. Sicherheitsverwahrung in Prora, auf unbestimmte Zeit.

    Wie konnte so etwas möglich sein? Er dachte an Binz, an 2009, an das Beachvolleyball-Turnier am Ostseestrand. Elisa war Dresdnerin und nach dem Studium in den Norden gezogen. Er hatte bereits eine Ehe hinter sich, die kinderlos geblieben war, zum Glück. Das war unter diesen Umständen ein Segen.

    Werbung für eine Schokoladenmarke, die Noah immer gern gegessen hatte. Dumpfes Gefühl im Magen. Nicht. An. Noah. Denken.

    Er atmete tief ein, stand auf und nahm eine Scheibe Brot aus dem Regal. Keine Butter im Kühlschrank. Ratlos starrte er in das kühle Nichts, bevor er die Tür wieder zudrückte. Der einzige Laden, der Produkte offline anbot, war vier Kilometer entfernt. Er hatte keine Lust, stundenlang durch eiskaltes Wasser zu waten. Seinen schwulen Nachbarn konnte er nicht um Butter bitten, der öffnete niemandem mehr die Tür, misstraute allen.

    Natürlich konnte er die Butter online bestellen, doch da Elisa noch immer in Verwahrung war, gehörte er zu den Suspekten, wurde kontrolliert. Er machte nur ungern etwas online. Ein Absolvent der Universität Rostock hatte ihm auf behördliche Anordnung hin eine App auf seinem Touchphone installiert, die ihn und seine Umgebung filmte, sobald er das Ding anstellte. Und er war verpflichtet, das zu tun, für mindestens zwölf Stunden am Tag, wobei die Zeit von Mitternacht bis morgens um sechs nicht mitzählte. Klebte er die Linse zu oder ließ das Phone offline (hatte er schon versucht, stand auch als fettes No-Go in den FAQ), schalteten sich Strom, Wasser und Heizung in der Wohnung automatisch ab.

    Das Startup »KeDatSich« (»Keine Datensicherheit für Täter«) hatte mit dieser Innovation 2031 den Gründerwettbewerb der mittlerweile verstaatlichten UP-Bank gewonnen und sich zum reichsten Unternehmen des Landes entwickelt. Täglich wurde er von sich unvermittelt öffnenden Bubbles gezwungen, die App zu bewerten. Er vergab immer acht Sonnen, dann hatte er seine Ruhe. Waren es weniger, musste er begründen, warum er mit der Dienstleistung unzufrieden war.

    Er brach ein Stück Brot ab, kaute darauf herum. Inzwischen war sein Becher leer, und er hatte ziemlich schlechte Laune. Im Kulturteil eine Aufforderung des Kultusministeriums an alle Privatschulen: So wie für die staatlichen Schulen bereits durchgesetzt, sollten im kommenden Jahr die Themen »Nationalsozialismus« und »Mauerfall« vom Lehrplan entfernt werden, schließlich war dieser, Zitat: »… einer positiven Darstellung der Heimat verpflichtet«. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Wieso denn der Mauerfall? Vielleicht sollte niemand mehr an die erfolgreiche Revolution der Ostdeutschen erinnert werden. Was einmal gelungen war, konnte schließlich auch ein zweites Mal gelingen.

    Was hatte Noah gesagt, kurz bevor er abgehauen war?

    »Ihr habt es 1989 im Osten doch geschafft! Ihr habt für eure Freiheit gekämpft und ein ganzes System gestürzt. Wieso habt ihr euch wieder alles wegnehmen lassen? Wieso habt ihr euch wieder für eine Diktatur entschieden?«

    Ihm kamen die Tränen, nun doch. Nachdem Elisa fort war, sprayte Noah jede Nacht die Häuserwände mit radikalen Zeichen voll, erst hier im völlig verarmten Andershof und später in der noblen Altstadt, wo die Leute wohnten, die ihm das alles eingebrockt hatten. 2030 kam Noah wegen Sachbeschädigung ins Gefängnis, mit gerade mal elf Jahren. Als er wieder draußen war, war er ihm völlig fremd, der eigene Sohn. Keine Worte mehr, nur noch Schweigen. Mit fünfzehn packte Noah seine Sachen und haute ab. Nachdem er wochenlang verschwunden war, wurde er offiziell ausgebürgert, lebte nun als Staatenloser oben im Norden, irgendwo an einem Fjord, am Wasser. Ihm fiel wieder ein, was er vorhin auf AL2 gehört und noch nicht verinnerlicht hatte: Der Meeresspiegel war erneut gestiegen, Grund dafür war die nun ständige, sehr geringe Entfernung des Mondes zur Erde.

    Sein rechtes Bein zitterte, er spürte, wie sein Puls schneller wurde. Hielten die ihn wirklich für so bescheuert? Vielleicht war er das ja. Schließlich hätte er all das kommen sehen können. Die Ausbürgerung von Kriminellen war schon immer Programmpunkt gewesen, am Anfang ausschließlich für Nicht-Deutsche, doch mittlerweile wurde der Passus auf alle Bürger angewendet. Und dieser Kinderwahn, der Elisa aus der Bahn geworfen hatte. Die Abschaffung der Rente! All das stand im Wahlprogramm! Kinder in den Knast, schwarz auf weiß! Er hätte es nur lesen müssen. Hätte sie nur beim Wort nehmen müssen! Stattdessen musste er, der ehemalige Geografielehrer, sich diesen Quatsch über den Mond und andere abstruse Erklärungen für den menschengemachten Klimawandel anhören, obwohl er an der Uni Greifswald eine sehr gute Ausbildung genossen hatte.

    Doch was sollte er machen? Jetzt saß er da. Allein, mit trocken Brot. Mit einem schwulen, paranoiden Nachbarn, der sich tot stellte. Und wenn er nicht sofort, in diesem Augenblick, sein Touchphone anmachte, würde er zu frieren beginnen.

    Für wen sollte das hier eigentlich alles gut sein? Nicht für ihn, nicht für Elisa. Nicht für Noah. Nicht für die Menschen, die er mal gekannt hatte.

    Er wusste nicht mehr, warum er sein verdammtes Kreuz an der falschen Stelle gemacht hatte. Damals. Doch er wusste jetzt und hier, dass es falsch gewesen war. Das Kreuz war falsch gewesen, denn alles, was ihm jemals etwas bedeutet hatte, war weg.

    Es war weg und kam nicht wieder.

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    Herausragend: „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel

    Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt.


    Vor dem Hintergrund der eigenen familiären und systembedingten Gewalterfahrung und angesichts des Verlustes ihres Bruders gelingt es Ines Geipel, ihre sehr persönliche Familiengeschichte so zu erzählen, dass diese Rückschlüsse auf die Identität der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Generationen zulässt. Eine unglaubliche Leistung.


    Das Buch „Umkämpfte Zone“ erinnert daran, die drängende Diskussion über die ostdeutsche Vergangenheit nicht erst ab 1989 zu führen, sondern viel früher damit zu beginnen, um die starken rechten Tendenzen und die Gewalt, die sich in Ostdeutschland unüberhörbar Bahn brechen, zu verstehen und ihnen begegnen zu können. Der rechte Hass, das Bekenntnis vieler Menschen zu AFD und Pegida teilen die „Generation Mauer“ erneut, trotz des gleichen Hintergrunds und ähnlicher Erfahrungen. Woher kommt diese Lust an der Gewalt, diese „kollektive Angst“ des Ostens, diese „Sehnsucht nach Zerstörung“?

    Ines Geipel beleuchtet die Auswirkungen der Doppeldiktatur auf Ostdeutschland: Schweigen, seit 1945 und fortan über Generationen hinweg. Schweigen über Schuld, über Verbrechen, über Lähmung, über Unrecht, über die Abwesenheit von Mitleid, über Angst, über Fremdenhass und dem Hass auf das, was anders war – Kein 1968. Und alles vor dem Hintergrund des verordneten, entlastend wirkenden Antifaschismus – man war auf der richtigen Seite. Sie zeigt auf, dass nicht gesühnte Schuld und das Wissen der Autoritäten darum – vor allem in Kombination mit Privilegien – Menschen erpressbar machten, zu weiterem Unheil führten, zu noch mehr Verbrechen, zu noch größerer Angst. Und Ines Geipel verdeutlicht, wie Generationen in die Pflicht genommen wurden, dieses Schweigen – koste es, was es wolle – durch die Diktaturen zu tragen.

    Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. Ich gehöre der Generation an, die mit dem Mauerfall volljährig war. Damals ist mir die Tragweite der Doppeldiktatur (das Wort gab es ohnehin nicht) im Hinblick auf meine Generation nicht in den Sinn gekommen, schließlich brachen wir auf in die neue und demokratische Welt, und alles war plötzlich gut, auch die Rückschau auf das „Davor“. Das war vielleicht naiv, angesichts der Brutalitäten, die wir aufgrund unserer späteren Geburt zwar nur kurz, aber auch erlebt hatten, oft in Form von übertragenen Ängsten, oft aber auch real. Auch die Kinder und Jugendlichen meiner Generation wurden den Autoritäten zum Fraß vorgeworfen, in die Hände der „Organe“ übergeben, sobald sie rebellierten und /oder das Vermeidungsgerüst der Eltern und der Gesellschaft in Frage stellten – und damit deren Existenzberechtigung an sich. Hass war und ist die Folge. Menschen mit derartigen Erfahrungen suchen das Weite, verfallen in Schweigen oder radikalisieren sich vor Ort, alles geschehen nach 1989. Ergebnis: die Verwahrlosung ganzer Gebiete in Ostdeutschland, kulturell, politisch, humanistisch. Wenn wir Ostdeutschland erst ab 1989 erzählen, beginnen wir mit seinem Ende, nicht mit dem Anfang. All das verdeutlicht „Umkämpfte Zone“ mit Logik und Empathie.

    In den Brüchen offenbaren sich die Parallelen der beiden Diktaturen. Ein Satz im Buch, der die Nachkriegszeit 1945 beschreibt, zeigt dies auf einfache, frappierende Weise: „Es war eine Zeit der Personalfragebögen, der geschönten Zeugnisse, der Denunziationen und Legendenbildungen.“ Dies lässt sich original auf die frühen 90er Jahre übertragen.

    Eingebettet in ihr Erzählen findet Ines Geipel immer wieder prägnante, glasklare Sätze. „Ich möchte, dass die Wörter an der Stelle richtige Wörter sind. Wörter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen.“

    Schwer auszuhaltende Sätze, wenn es um das Beschreiben von persönlich erlebter Gewalt geht. „Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und lässt sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Es bleibt, es bleibt da, es muss da bleiben.“

    Da ist die Liebe zu ihrem Bruder. Sie nennt ihn ihren „Kernmenschen“, und wenn man das Buch liest, versteht man, warum. Es gibt diese Kernmenschen für uns, in jeder Epoche, in jeder Zeit – das versöhnt vielleicht ein wenig. „Was ich von den Sternen weiß, weiß ich von ihm.“ Trauriger und schöner kann ein Mensch nicht Abschied nehmen.

    Danke, Ines Geipel, für die richtigen Wörter, danke für dieses herausragende Buch.

    Aus historischen Gründen tue ich mich schwer mit autoritär klingenden Sätzen, doch jetzt versuche ich einen: „Umkämpfte Zone“ sollten alle Ostdeutschen lesen. Und dann darüber sprechen, mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern, mit ihren Kindern, mit ihren Freunden und Wegbegleitern.

    Ines Geipel, Umkämpfte Zone, Mein Bruder, der Osten und der Hass.
    Hier erhältlich: Klett-Cotta-Verlag

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