Dorit Linke, Autorin

Lesungen, Workshops, politische Bildung

Schlagwort: Ostdeutschland

Frischer irischer Wind in Mecklenburg

„Elektrische Fische“ von Susan Kreller

Eben noch tut das Gelesene weh, nimmt die Luft, und im nächsten Moment blitzt dieser Humor durch, manchmal subtil, manchmal direkt, immer liebevoll. Susan Kreller ist ihren Protagonisten zugewandt, nimmt sie ernst und behandelt sie mit Respekt. Und sie kann dabei verdammt gut schreiben. Um ehrlich zu sein: es gibt wenige Jugendbuchautor*innen, die so verdammt gut schreiben können wie Susan Kreller.

„Elektrische Fische“ ist ein berührendes und kluges Jugendbuch, das sich wichtigen Fragen junger Menschen stellt. Wann gehöre ich dazu? Wie kann ich mich zugehörig fühlen, wenn die neue Welt fremd und unverständlich ist, ich nicht über mein Leben und Wohl entscheiden kann?

Die Handlung setzt ein in einem ziemlich hoffnungslosen und öden Kaff in Mecklenburg. Doch der trostlose Ort gewinnt unter dem Blick eines Mädchens, das in Irland groß geworden ist und nun mitsamt seinen Geschwistern in die alte Heimat der Mutter ziehen muss, nach und nach an Farbe, wird lebendig und bunt – und mit ihm seine Bewohner. Ganz langsam wird das Heimweh von Emma, die nichts anderes als zurück nach Dublin will, milder, weicht auf, verschwindet manchmal sogar. Und irgendwann, wenn der Wind der Ostsee weicher, irischer wird, tut sich ein Schimmer von Hoffnung am Horizont auf.

Im Grunde ahnt man bereits auf den ersten Romanseiten, dass es genauso kommen wird, kann sich dies aber beim besten Willen nicht vorstellen. Doch Susan Kreller schreibt einfach an gegen diese innere Stimme, die „bloß weg da“ ruft, sanft, beharrlich und mitunter sehr komisch. Trotz der schmerzenden Trostlosigkeit, der Emma und ihre Geschwister in der Fremde und durch die Entwurzelung ausgesetzt sind, weiß man sie dennoch beschützt in diesem großen Ganzen, das die Autorin für sie erschafft. Und das ist auch nötig, denn die Herausforderungen, welche die jungen Menschen hier bewältigen müssen, scheinen oft übermächtig. Das Heimweh ist brachial bis zur Sprachlosigkeit, in der Schule läuft es nicht, die Älteren haben ihre eigenen Probleme, so wie das eben ist. Emma: „Mir fallen die Wörter ein, die ich heute Nachmittag gelernt habe, Kekskuchenwörter und Mutterwörter, ich denke: Kalter Hund, Essengeldturnschuhe, schizophrene Psychose.“

Und so braucht Emma eine Weile, wieder Boden zu bekommen, sich zu öffnen und Zukunft versuchen zu wollen. Dabei hilft ihr der Mecklenburger Junge Levin und die zwischen ihnen aufkeimende Liebe. Auch Levin ist getrieben und belastet, hat eine psychisch kranke Mutter, will Emma aber dabei helfen, zurück nach Irland zu flüchten, obwohl sie ihm in der eigenen Verlorenheit gut tut und genau das ist, was er schon lange nötig hat.

Bestechend ist die raffinierte Perspektive, dieser irische Blick auf Ostdeutschland und auf all die Absurditäten, die durch die andere Kultur, den anderen Alltag, die andere Sprache entstehen. Das entspannt die Angelegenheit ungemein, schafft eine wichtige Distanz und damit letztlich wieder Nähe. Emma schaut aber nicht „nur“ auf ein anderes Land, sondern auch auf ein anderes System, das zwar vergangen, aber in seinen Auswirkungen noch immer spürbar ist. Und so wird es komisch und auch doppelbödig, wenn Emma am ersten Schultag fragt, wer denn Thälmann war (ausgelöst durch eine Straße, die so heißt) und dann selber raten soll. Ein Graf vielleicht? Und dafür ein ruppiges deutsches „Falsch!“ erntet.

Meisterhaft webt Susan Kreller auf diese Art die DDR und die Erfahrungen ihrer Menschen in die Emanzipationsgeschichte von Emma hinein, mit einem überraschenden Effekt. Es scheint, als wäre dieser weiter entfernte Blick und der größere Kontext durchaus geeignet, sich dieser Welt anzunähern.

Mit „Elektrische Fische“ erzählt Susan Kreller eine wahrhaftige Geschichte vom Erwachsenwerden und davon, dass Zugehörigkeit oder „Heimat“ oder „home“ ein Prozess ist, der gern lange andauern kann – insofern er so menschlich und offen angeschaut wird wie in diesem wunderbaren Roman.

Erschienen im Carlsen Verlag

„Wer Nazis war, bestimmen wir“

Rassismus und Rechtsextremismus sind ein tief liegendes Phänomen des Ostens und nicht Folge der Wiedervereinigung, wie oft und fahrlässig erzählt wird. Sie müssen daher auch nicht als Systemkritik überinterpretiert werden, sondern als das benannt werden, was sie sind: Rassismus und Rechtsextremismus.

Hier ein erhellender Beitrag zum Thema: Die DDR und ihre Neonazis: Real existierender Rechtsextremismus, Beitrag im Deutschlandfunk von Sabine Adler

Auszug:
Die DDR hatte sowohl ein Neonazi-Problem als auch eines mit Alt-Nazis, erkannte die Buch- und Filmautorin Freya Klier, die in ihrem Umfeld von immer mehr Personen mit einer braunen Vergangenheit erfuhr. Im Gegensatz zur offiziellen Lesart: „Alle Nazis waren im Westen und wir waren auf der Seite der sowjetischen Befreier. Dann lernte ich die ersten Freunde kennen, die mir still mitteilten, dass ihr Vater eigentlich Lehrer war und davor in der NSDAP. Der hatte es dann zu einer großen Parteikarriere in der DDR geschafft. Die Polizei wurde übernommen, also Mittelbau, Unterbau komplett. Es spielte dann schon bald keine Rolle mehr, wer was war vorher. Dann ging immer der Spruch rum: Wer Nazis war, bestimmen wir.“

Hier geht zum Beitrag des Deutschlandfunk

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Kreative, kluge Ergebnisse – Schreibworkshop „Schule in der Diktatur“

Wie wirken sich diktatorische Systeme auf Menschen, auf ihr Denken und damit auf die Sprache aus?

Das war unter anderem Thema des Schreibworkshops „Schule in der Diktatur“, der Anfang September 2019 in einer Rostocker Schule stattgefunden hat und – angelehnt an den Roman „Jenseits der blauen Grenze“ – von der Flucht zweier Jugendlicher aus der DDR über die Ostsee erzählt.

Die Jugendlichen erarbeiteten Merkmale einer diktatorischen Sprache und diskutierten darüber, wie sich diese von der Sprache der Demokratie unterscheidet. Sie verfassten eigene Texte, wechselten Perspektiven und Zeitformen, verorteten Romanszenen in die heutige Zeit und untersuchten, wie sich diese in Sprache, Handlung und Gefühlen unterscheiden würden.

Sie äußerten ihre Eindrücke nach dem Lesen von Zeitzeugenberichten, versetzten sich in konkrete damalige Lebenssituationen und schrieben über ihre Gedanken und Empfindungen, die sie dabei hatten. Welche Jugendsprache wurde in den 80er Jahren in der DDR verwendet, welche Wörter finden wir heute noch in unserem Sprachgebrauch?

Wir behandelten das Thema Schule in der DDR, den Alltag der Menschen und ihre Erfahrungen in diesem System, sprachen dabei über Zensur und über die Schere im Kopf.

Herzlichen Dank an Dr. Katrin Möller-Funck (Kempowski-Archiv) und Juliane Foth (Literaturhaus Rostock) für die Möglichkeit, dass ich diesen Workshop gestalten und in meiner Heimatstadt Rostock durchführen konnte. Herzlichen Dank an die Lehrer*innen und Schüler*innen der Werkstatt-Schule Rostock für das Interesse an diesem Projekt und die tolle und inspirierende Zeit!

Die Jugendlichen ließen sich erstaunlich gut auf dieses doch recht schwere Thema ein, hatten oft überraschende Ideen und entwickelten diese weiter, wechselten die Perspektive, gingen sprachlich neue Wege und waren sehr offen für die Berichte von Zeitzeugen, die in unsere Arbeit eingeflossen sind. Das war für mich eine schöne Erfahrung. Danke dafür!

Nun lasse ich Bilder, Texte und Zitate der Jugendlichen sprechen.

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Sprechen wir über Revolution

von Dorit Linke

Laut Sonntagsumfrage liegt die AfD im Osten vorn.
Unfassbar? Natürlich.
Kopf in den Sand? Niemals.

Mein Artikel „Sprechen wir über Revolution“ ist im Moritz Magazin der Uni Greifswald im Mai 2019 erschienen

Wie jeden Morgen stellte er drei Teller auf den Tisch. Für Noah, für Elisa, für sich. Er goss Kaffee in einen Becher und griff nach dem Monatsblatt. Nr. 12 in 2035. Auf der ersten Seite der aktuelle Leitspruch: »Kinderkriegen ist keine Privatsache«, darunter Ausführungen zu den geplanten Geburtenraten. Er ließ das Blatt wieder sinken. Er konnte vieles ertragen, aber das nicht.

Wie sehr hatte sie gelitten, unter den Gesprächen mit dem Arzt, den penetranten Fragen. Sie hatte doch bereits ein Kind zur Welt gebracht, wieso tat sie sich mit dem zweiten so schwer? Er kippte Milch in den Kaffee, zitterte dabei, Tropfen zerplatzten auf dem Tisch. Fröhliches Vogelgezwitscher im Innenhof, ungewöhnlich, mitten im Winter. Elisa hatte diese Gespräche ertragen, sich mit Arbeit abgelenkt, sechzig Stunden die Woche. Weil ihnen das zugute gekommen war, hatte er sie nicht davon abgehalten. Sie brauchten das Geld, denn das Steuersystem änderte sich jedes Jahr, war unzuverlässig. Sie konnten nicht planen, schufteten wie blöd und fuhren nicht mehr in den Urlaub.

Er hielt das Monatsblatt dichter vor sein Gesicht. »Sonnenaufgang in Heringsdorf«, stand als einziges Stück auf dem Programm des Stadttheaters. Die günstigste Karte kostete hundertachtzig Neue Mark. Kultur musste ökonomisch sein, warum auch nicht. Shakespeare war out, was ihn nicht störte, schließlich hat er mit Hamlet und Co. noch nie was anfangen können.

Der Kaffee schmeckte etwas bitter. Werbung für Whisky aus der Lausitz, angeblich so gut wie schottischer Single Malt. Die hatten Humor. Es schüttelte ihn, und erneut dachte er an Elisa. Plötzlich war es schnell gegangen, erst das Burnout, das neuerdings »Simu-SD« hieß, die Abkürzung für Simulantensyndrom, dann der Alkohol, die Tabletten, die manischen Schübe. Nächtelanges Toben in ihrer Wohnung in der Großen Parower, aus der sie später raus mussten. Im Hanseklinikum kam Elisa an ein Messer und verletzte eine Krankenschwester. »Gefahr für sich und für Andere«, befand der Arzt. Sicherheitsverwahrung in Prora, auf unbestimmte Zeit.

Wie konnte so etwas möglich sein? Er dachte an Binz, an 2009, an das Beachvolleyball-Turnier am Ostseestrand. Elisa war Dresdnerin und nach dem Studium in den Norden gezogen. Er hatte bereits eine Ehe hinter sich, die kinderlos geblieben war, zum Glück. Das war unter diesen Umständen ein Segen.

Werbung für eine Schokoladenmarke, die Noah immer gern gegessen hatte. Dumpfes Gefühl im Magen. Nicht. An. Noah. Denken.

Er atmete tief ein, stand auf und nahm eine Scheibe Brot aus dem Regal. Keine Butter im Kühlschrank. Ratlos starrte er in das kühle Nichts, bevor er die Tür wieder zudrückte. Der einzige Laden, der Produkte offline anbot, war vier Kilometer entfernt. Er hatte keine Lust, stundenlang durch eiskaltes Wasser zu waten. Seinen schwulen Nachbarn konnte er nicht um Butter bitten, der öffnete niemandem mehr die Tür, misstraute allen.

Natürlich konnte er die Butter online bestellen, doch da Elisa noch immer in Verwahrung war, gehörte er zu den Suspekten, wurde kontrolliert. Er machte nur ungern etwas online. Ein Absolvent der Universität Rostock hatte ihm auf behördliche Anordnung hin eine App auf seinem Touchphone installiert, die ihn und seine Umgebung filmte, sobald er das Ding anstellte. Und er war verpflichtet, das zu tun, für mindestens zwölf Stunden am Tag, wobei die Zeit von Mitternacht bis morgens um sechs nicht mitzählte. Klebte er die Linse zu oder ließ das Phone offline (hatte er schon versucht, stand auch als fettes No-Go in den FAQ), schalteten sich Strom, Wasser und Heizung in der Wohnung automatisch ab.

Das Startup »KeDatSich« (»Keine Datensicherheit für Täter«) hatte mit dieser Innovation 2031 den Gründerwettbewerb der mittlerweile verstaatlichten UP-Bank gewonnen und sich zum reichsten Unternehmen des Landes entwickelt. Täglich wurde er von sich unvermittelt öffnenden Bubbles gezwungen, die App zu bewerten. Er vergab immer acht Sonnen, dann hatte er seine Ruhe. Waren es weniger, musste er begründen, warum er mit der Dienstleistung unzufrieden war.

Er brach ein Stück Brot ab, kaute darauf herum. Inzwischen war sein Becher leer, und er hatte ziemlich schlechte Laune. Im Kulturteil eine Aufforderung des Kultusministeriums an alle Privatschulen: So wie für die staatlichen Schulen bereits durchgesetzt, sollten im kommenden Jahr die Themen »Nationalsozialismus« und »Mauerfall« vom Lehrplan entfernt werden, schließlich war dieser, Zitat: »… einer positiven Darstellung der Heimat verpflichtet«. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Wieso denn der Mauerfall? Vielleicht sollte niemand mehr an die erfolgreiche Revolution der Ostdeutschen erinnert werden. Was einmal gelungen war, konnte schließlich auch ein zweites Mal gelingen.

Was hatte Noah gesagt, kurz bevor er abgehauen war?

»Ihr habt es 1989 im Osten doch geschafft! Ihr habt für eure Freiheit gekämpft und ein ganzes System gestürzt. Wieso habt ihr euch wieder alles wegnehmen lassen? Wieso habt ihr euch wieder für eine Diktatur entschieden?«

Ihm kamen die Tränen, nun doch. Nachdem Elisa fort war, sprayte Noah jede Nacht die Häuserwände mit radikalen Zeichen voll, erst hier im völlig verarmten Andershof und später in der noblen Altstadt, wo die Leute wohnten, die ihm das alles eingebrockt hatten. 2030 kam Noah wegen Sachbeschädigung ins Gefängnis, mit gerade mal elf Jahren. Als er wieder draußen war, war er ihm völlig fremd, der eigene Sohn. Keine Worte mehr, nur noch Schweigen. Mit fünfzehn packte Noah seine Sachen und haute ab. Nachdem er wochenlang verschwunden war, wurde er offiziell ausgebürgert, lebte nun als Staatenloser oben im Norden, irgendwo an einem Fjord, am Wasser. Ihm fiel wieder ein, was er vorhin auf AL2 gehört und noch nicht verinnerlicht hatte: Der Meeresspiegel war erneut gestiegen, Grund dafür war die nun ständige, sehr geringe Entfernung des Mondes zur Erde.

Sein rechtes Bein zitterte, er spürte, wie sein Puls schneller wurde. Hielten die ihn wirklich für so bescheuert? Vielleicht war er das ja. Schließlich hätte er all das kommen sehen können. Die Ausbürgerung von Kriminellen war schon immer Programmpunkt gewesen, am Anfang ausschließlich für Nicht-Deutsche, doch mittlerweile wurde der Passus auf alle Bürger angewendet. Und dieser Kinderwahn, der Elisa aus der Bahn geworfen hatte. Die Abschaffung der Rente! All das stand im Wahlprogramm! Kinder in den Knast, schwarz auf weiß! Er hätte es nur lesen müssen. Hätte sie nur beim Wort nehmen müssen! Stattdessen musste er, der ehemalige Geografielehrer, sich diesen Quatsch über den Mond und andere abstruse Erklärungen für den menschengemachten Klimawandel anhören, obwohl er an der Uni Greifswald eine sehr gute Ausbildung genossen hatte.

Doch was sollte er machen? Jetzt saß er da. Allein, mit trocken Brot. Mit einem schwulen, paranoiden Nachbarn, der sich tot stellte. Und wenn er nicht sofort, in diesem Augenblick, sein Touchphone anmachte, würde er zu frieren beginnen.

Für wen sollte das hier eigentlich alles gut sein? Nicht für ihn, nicht für Elisa. Nicht für Noah. Nicht für die Menschen, die er mal gekannt hatte.

Er wusste nicht mehr, warum er sein verdammtes Kreuz an der falschen Stelle gemacht hatte. Damals. Doch er wusste jetzt und hier, dass es falsch gewesen war. Das Kreuz war falsch gewesen, denn alles, was ihm jemals etwas bedeutet hatte, war weg.

Es war weg und kam nicht wieder.

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Online-Live-Interviews und Lesungen

Vom Schreibtisch ins Klassenzimmer
Oder: Der Blick über den Tellerrand

Für den fächerübergreifenden Schulunterricht biete ich Onlinelesungen live und Fachinterviews zu den Themen DDR-Diktatur, Schule, Aufwachsen in der DDR, Leben und Alltag in der Diktatur, Sport in der DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung an.

Das Angebot richtet sich an Schulklassen, die kurzfristig eine Live-Online Lesung oder ein themenbezogenes Gespräch für den Unterricht buchen möchten, vor allem aber auch an internationale Schulen im Ausland, für die eine Lesung vor Ort aufgrund der Entfernung nicht realisierbar wäre.

Die Interviews sind natürlich auch auf Englisch möglich.

Termine gibt es hier

Herausragend: „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel

Ein wichtiges Buch, das die ostdeutschen Generationen aus ihrem langen Schweigen holt.


Vor dem Hintergrund der eigenen familiären und systembedingten Gewalterfahrung und angesichts des Verlustes ihres Bruders gelingt es Ines Geipel, ihre sehr persönliche Familiengeschichte so zu erzählen, dass diese Rückschlüsse auf die Identität der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Generationen zulässt. Eine unglaubliche Leistung.


Das Buch „Umkämpfte Zone“ erinnert daran, die drängende Diskussion über die ostdeutsche Vergangenheit nicht erst ab 1989 zu führen, sondern viel früher damit zu beginnen, um die starken rechten Tendenzen und die Gewalt, die sich in Ostdeutschland unüberhörbar Bahn brechen, zu verstehen und ihnen begegnen zu können. Der rechte Hass, das Bekenntnis vieler Menschen zu AFD und Pegida teilen die „Generation Mauer“ erneut, trotz des gleichen Hintergrunds und ähnlicher Erfahrungen. Woher kommt diese Lust an der Gewalt, diese „kollektive Angst“ des Ostens, diese „Sehnsucht nach Zerstörung“?

Ines Geipel beleuchtet die Auswirkungen der Doppeldiktatur auf Ostdeutschland: Schweigen, seit 1945 und fortan über Generationen hinweg. Schweigen über Schuld, über Verbrechen, über Lähmung, über Unrecht, über die Abwesenheit von Mitleid, über Angst, über Fremdenhass und dem Hass auf das, was anders war – Kein 1968. Und alles vor dem Hintergrund des verordneten, entlastend wirkenden Antifaschismus – man war auf der richtigen Seite. Sie zeigt auf, dass nicht gesühnte Schuld und das Wissen der Autoritäten darum – vor allem in Kombination mit Privilegien – Menschen erpressbar machten, zu weiterem Unheil führten, zu noch mehr Verbrechen, zu noch größerer Angst. Und Ines Geipel verdeutlicht, wie Generationen in die Pflicht genommen wurden, dieses Schweigen – koste es, was es wolle – durch die Diktaturen zu tragen.

Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. Ich gehöre der Generation an, die mit dem Mauerfall volljährig war. Damals ist mir die Tragweite der Doppeldiktatur (das Wort gab es ohnehin nicht) im Hinblick auf meine Generation nicht in den Sinn gekommen, schließlich brachen wir auf in die neue und demokratische Welt, und alles war plötzlich gut, auch die Rückschau auf das „Davor“. Das war vielleicht naiv, angesichts der Brutalitäten, die wir aufgrund unserer späteren Geburt zwar nur kurz, aber auch erlebt hatten, oft in Form von übertragenen Ängsten, oft aber auch real. Auch die Kinder und Jugendlichen meiner Generation wurden den Autoritäten zum Fraß vorgeworfen, in die Hände der „Organe“ übergeben, sobald sie rebellierten und /oder das Vermeidungsgerüst der Eltern und der Gesellschaft in Frage stellten – und damit deren Existenzberechtigung an sich. Hass war und ist die Folge. Menschen mit derartigen Erfahrungen suchen das Weite, verfallen in Schweigen oder radikalisieren sich vor Ort, alles geschehen nach 1989. Ergebnis: die Verwahrlosung ganzer Gebiete in Ostdeutschland, kulturell, politisch, humanistisch. Wenn wir Ostdeutschland erst ab 1989 erzählen, beginnen wir mit seinem Ende, nicht mit dem Anfang. All das verdeutlicht „Umkämpfte Zone“ mit Logik und Empathie.

In den Brüchen offenbaren sich die Parallelen der beiden Diktaturen. Ein Satz im Buch, der die Nachkriegszeit 1945 beschreibt, zeigt dies auf einfache, frappierende Weise: „Es war eine Zeit der Personalfragebögen, der geschönten Zeugnisse, der Denunziationen und Legendenbildungen.“ Dies lässt sich original auf die frühen 90er Jahre übertragen.

Eingebettet in ihr Erzählen findet Ines Geipel immer wieder prägnante, glasklare Sätze. „Ich möchte, dass die Wörter an der Stelle richtige Wörter sind. Wörter, die sich auskennen, die sich beistehen, die nichts absorbieren, nichts abfedern, sondern die kenntlich machen.“

Schwer auszuhaltende Sätze, wenn es um das Beschreiben von persönlich erlebter Gewalt geht. „Es ist hart, es tut weh, aber es muss hier stehen. Genau hier, an dieser Stelle. Was damals geschehen ist, darf an keine andere Stelle. Nur hier, jetzt und hier ist es richtig. Es war hier und lässt sich nicht wegreden. Durch nichts. Es bleibt da und geht nicht weg, kann nicht weggehen. Es bleibt, es bleibt da, es muss da bleiben.“

Da ist die Liebe zu ihrem Bruder. Sie nennt ihn ihren „Kernmenschen“, und wenn man das Buch liest, versteht man, warum. Es gibt diese Kernmenschen für uns, in jeder Epoche, in jeder Zeit – das versöhnt vielleicht ein wenig. „Was ich von den Sternen weiß, weiß ich von ihm.“ Trauriger und schöner kann ein Mensch nicht Abschied nehmen.

Danke, Ines Geipel, für die richtigen Wörter, danke für dieses herausragende Buch.

Aus historischen Gründen tue ich mich schwer mit autoritär klingenden Sätzen, doch jetzt versuche ich einen: „Umkämpfte Zone“ sollten alle Ostdeutschen lesen. Und dann darüber sprechen, mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern, mit ihren Kindern, mit ihren Freunden und Wegbegleitern.

Ines Geipel, Umkämpfte Zone, Mein Bruder, der Osten und der Hass.
Hier erhältlich: Klett-Cotta-Verlag

„Wessis würden niemals nackig baden“

Das Studierendenmagazins „Moritz“ der Universität Greifswald hat Grit Poppe und mich zum Thema Ost und West interviewt.

Constanze Budde hat Fragen gestellt zu Vorurteilen in der Nachwendezeit und ob die Kategorien Ost und West für die heutige jüngere Generation noch eine Rolle spielen sollten.

Der Artikel trägt den provokanten Titel „Wessis würden niemals nackig baden“ – ein mittlerweile widerlegtes Vorurteil meiner Oma nach dem Mauerfall und der Invasion westdeutscher Badegäste in das Warnemünde der frühen 90er Jahre.

Hier ein Auszug:

Bald 30 Jahre liegt der Fall der Mauer zurück, doch die Diskussionen über Unterschiede in Ost- und Westdeutschland nehmen kein Ende. Wie wichtig ist es, die Vergangenheit aufzubereiten und wie zielführend die Verdeutlichung der Unterschiede für eine Generation, die nur ein Deutschland kennt? Das haben wir zwei (ost-)deutsche Autorinnen gefragt, Grit Poppe und Dorit Linke, die in ihren Jugendbüchern ein Stück DDR-Geschichte aufnehmen.

Denken Sie noch in Ost-/Westkategorien?

Grit: Nein.

Dorit: Erstaunlicherweise habe ich das nie, bzw. nicht lange. Seit den frühen 90er Jahren wohne ich in Berlin und habe so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands und der Welt kennengelernt, dass die Ost-West-Dimension für mich keine tragende Rolle mehr spielt. Für das Verständnis der heutigen Lage ist es jedoch wichtig, sich ernsthaft und intensiv mit den unterschiedlichen positiven als auch negativen Einflüssen zu befassen, denen die Menschen in den beiden deutschen Staaten nach 1945 ausgesetzt waren.

Sofern Sie jemals Vorurteile gegenüber „Wessis“ hatten, welche waren dies? Welche haben Sie in ihrer Jugend gelernt, welche davon haben sich bestätigt bzw. widerlegt?

Grit: Ich hatte keine Vorurteile. In der Schule wurde der Westen als Klassenfeind dargestellt. In der Klasse eins bis drei haben Lehrer auch Ängste geschürt. Der Westen war »böse«, da gab es Mord und Totschlag, Obdachlose und Drogensüchtige wurde uns vermittelt. Als ich dann hörte, dass meine Großmutter in den Westen reist – als Rentnerin durfte sie das ja – habe ich mir Sorgen um sie gemacht, dass ihr dort etwas Schlimmes passieren könnte. Das war aber nur in der Zeit der Unterstufe so, später habe ich diese Greuelmärchen nicht mehr geglaubt.

Dorit: In der Zeit nach der Wende hat meine Oma immer gesagt: »Die Westdeutschen wissen alles und können alles, vor allem können sie viel quatschen. Außerdem sind sie verklemmt und würden niemals in Warnemünde nackig baden« Das Bild vom westdeutschen Alleskönner hat sich schnell korrigiert, als ich 1992 an der TU in West-Berlin mein Studium begonnen hatte. Bestätigt hat sich die Wortgewandtheit der Westdeutschen; ich saß in den Seminaren und staunte über die Selbstsicherheit der meisten meiner westdeutschen Kommilitonen. Ich selbst bekam den Mund nicht auf, aus Angst, etwas Falsches zu sagen.

Können wir in der »jüngeren« Generation einfach »gesamtdeutsch« sein? Wie soll »zusammenwachsen, was zusammengehört«, wenn uns durch Medien vom»unterentwickelten« Osten oder dem »überheblichen« Westen erzählt wird oder Statistiken über die prozentuale Verteilung des Namens »Ronny« erstellt werden?

Grit: Fragen darf man alles und sich selbst eine Meinung bilden. Am besten ist meines Erachtens der direkte Kontakt, das Gespräch und das Nachfragen, und falls man Geschichtliches erfahren möchte, empfehle ich die richtigen Bücher zu lesen und mit Zeitzeugen zu sprechen beziehungsweise ihnen zuzuhören – zum Beispiel bieten Gedenkstätten solche Gespräche an. Natürlich kann die jüngere Generation gesamtdeutsch sein, sollte sie sogar, die Einteilung in Ossis und Wessis hat sich für die nach ’89 Geborenen zum Glück erübrigt. Das bedeutet nicht, dass sie sich nicht mit der Geschichte beschäftigen sollten.

Dorit: Bei all den Diskussionen um Ost und West sollte man sich als junger Mensch vor Augen halten: Vorurteile sind dumm, doch elementare Unterschiede des Aufwachsens der Menschen gab es. Sie sind bis heute prägend. Für den Westteil Deutschlands endete die Diktatur 1945, im Ostteil dauerte sie in anderer Ausprägung bis 1989 an. Die Menschen im Osten waren 44 Jahre länger Angst, Einschränkung, systematischer Unterdrückung, Zensur und willkürlichen Autoritäten ausgesetzt, mit allen bekannten und wissenschaftlich belegten Folgen, auch für die heutigen Generationen im Osten und die, die nun im Westen leben. Die konservative Haltung »Nun muss es aber auch mal gut sein mit dem Thema Ost und West« ist unpassend und ignorant.

Mauerfall und Wende, in der gesamtdeutschen Erinnerung positiv besetzt, waren für viele Ostdeutsche in den mittleren Jahren eine traumatische Erfahrung, verbunden mit Entwertung ihrer Identität und Kultur, ihres Alltags und des Wissens. Ausbildungen und Berufe waren schlagartig nichts mehr wert, wurden nicht mehr gebraucht. Daneben fand eine Entwertung des Kapitals statt. Die meisten Menschen begannen 1990 bei Null, selbst wenn sie bereits 40 Jahre lang gearbeitet hatten. Der Anteil an Eigentum im Vergleich zum Westen war gering. Sie erlebten mit der Vereinnahmung durch westdeutsche Strukturen Machtlosigkeit, Kontrollverlust und Diskriminierung, was zu Sprachlosigkeit eines großen Anteils dieser Generation führte. Es blieb über Jahre das Gefühl der Stigmatisierung, was sich auf die nachfolgende Generation übertrug, die ebenso orientierungslos war, lediglich jünger, optimistischer und formbarer.

Diese (meine) Generation musste die Sprache wiederfinden, oft auch stellvertretend für ihre Eltern, die im neuen System nicht alle Fuß fassen konnten. Das war nun eine lange Liste negativer Brüche, es gab daneben unendlich viele positive Dinge, die aber in der generellen Überforderung nicht sofort positiv erfahrbar waren. Um nur einige zu nennen: Demokratie, Meinungsfreiheit, Mobilität, Toleranz, Vielfalt, Freiheit. Man muss für das Inanspruchnehmen dieser Werte Stärke haben, und die hatten viele Menschen nicht sofort, sondern mussten sie mit der Zeit entwickeln.

Die Menschen Ihrer jungen Generation können sich alle zusammen an einen Tisch setzen und über ihre jeweiligen subjektiven Eindrücke reden, ganz egal, ob sie aus Gelsenkirchen oder Pasewalk kommen. Und wenn Sie nun alle an diesem Tisch sitzen und über Ihren Wunsch nach einer „gesamtdeutschen“ Generation sprechen, wäre es fatal, in diese Überlegungen mit der Intention zu starten, dass es keine Ursachen für alle sichtbaren und gefühlten Unterschiede mehr gäbe.

Wenn darüber diskutiert wird, dass in der neuen Regierung beinahe ausschließlich Minister aus dem Westen vertreten sind, fühlen Sie sich als Ostdeutsche weniger vertreten/ übergangen, oder ist das für die tatsächliche »Ost-Politik« nicht wirklich relevant?

Grit: Na ja, mit Angela Merkel ist ja auch eine Ostfrau vertreten. Ich fühle mich eigentlich von keiner Partei vertreten im Moment. Ich vermisse die Inhalte der Bürgerbewegung ’89 – also eine Politik, in der Menschenrechte, Freiheit und Demokratie im Mittelpunkt stehen.

Dorit: Die ungleiche Verteilung der wichtigen, unsere Demokratie gestaltenden Stellen ist Ausdruck der eben ausgeführten Punkte. Mir persönlich ist es egal, wer das Richtige tut. Empfehlung an die Politik: Bringt Chancengleichheit und Perspektive zu den jungen Menschen im Osten, dann klappt es auch mit den Eltern wieder besser.

Braucht es (noch) eine Ost-Politik? Wie sollte sie idealerweise aussehen? Oder vertieft es eher die Gräben?

Dorit: Man sollte das Ansinnen nicht Ost-Politik nennen, sondern klarstellen, dass die Leistung gesamtdeutsch erbracht werden muss. Die vergangenen Wahlen zeigen, dass es bitter nötig ist, sich unter anderem auch mit den Fehlentwicklungen nach der Wiedervereinigung zu befassen. Es tut keiner Demokratie gut, wenn sich Menschen in ganzen Regionen von ihr verabschieden. Man sollte stattdessen über gemeinsame Werte und Ziele sprechen.

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